Was die Verletzung von Tua Tagovailoa für den NFL-Draft bedeutet

College-Star Tua Tagovailoa (Alabama Crimson Tide) hat sich an der Hüfte verletzt. Welche Bedeutung hat seine Verletzung für ihn persönlich, sein College-Team und den NFL-Draft?

In der letzten Woche habe ich die Nachrichten von sensationsgeilen Journalisten zu dieser Thematik gescheut wie die Katze das Wasser. Als Gegenentwurf möchte ich daher eine sachliche Darstellung der Situation um Alabamas Quarterback Tua Tagovailoa schildern. Dabei will ich den Menschen hinter dem Athleten nicht vergessen.

Tagovailoa hat sich am vergangenen Wochenende im Spiel gegen die Mississippi State Bulldogs eine schwere Hüftverletzung zugezogen. Kurz vor der Halbzeit ging der Star-Quarterback bei einem auf dem ersten Blick harmlosen Play zu Boden und konnte lange nicht wieder aufstehen. Nachdem er zunächst versuchte, das Feld auf seinen Füßen zu verlassen, entschloss sich der von beiden Seiten gestützte Tua Tagovailoa doch dazu, auf dem Kart vom Feld gefahren zu werden. Er wurde anschließend ins Krankenhaus geflogen.

Sehr wahrscheinlich erlebten wir in diesem Moment zum letzten Mal Tagovailoa in einem Trikot auf einem College-Football-Feld. Denn kurz darauf wurden die schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Abhängig von der Schwere der Verletzung war teilweise sogar die Rede von Karriere-Ende.

Persönlich haben mich die Vorkommnisse als College-Fan und Menschenfreund beschäftigt. Es war also möglich, dass Tua Tagovailoa seine Karriere beenden muss, bevor er überhaupt nur einen einzigen Cent für seine bisherigen Leistungen einspielen konnte. Viel schlimmer kommt es, weil für ihn nach seiner College-Karriere weder eine kostenlose Gesundheitsversorgung noch eine Altersvorsorge vorgesehen ist.

Nachdem sich die Gemüter etwas beruhigt hatten, können wir nun sagen, dass Operation und erste Schritte zur Rehabilitation gut verlaufen sind. Jedoch sind wir, entgegen einiger Medienstimmen, weit entfernt von einer problemlosen Heilung.

Verletzung von Tua Tagovailoa schwerer als gedacht

Es gibt bei Verletzungen dieser Schwere die nicht geringe Wahrscheinlichkeit einer Knochennekrose, eines Absterbens des Knochens aufgrund von Unterversorgung. Dies würde nicht nur das Ende seiner sportlichen Karriere, bedeuten sondern ihn Zeitlebens einschränken. Ich hoffe für ihn, dass dieser Kelch an ihm vorübergeht.

Fest steht bereits, dass Tua Tagovailoa seine Saison beenden muss. Meldet er sich für den Draft 2020 an, wird er weder beim Combine noch bei privaten Workouts seine Mobilität unter Beweis stellen können. Dennoch ist zu erwarten, dass er in den nächsten Draft geht. Sollte er nämlich später gepickt werden, ist er gegen diesen Fall und den monetären Verlust zum Teil versichert.

College Playoff Ranking SCOUTREPORT
Das aktuelle College Playoff Ranking von Draft- und College-Experte Philipp Forstner. Grafik: SCOUTREPORT

Er könnte auch ein Jahr komplett aussetzen. Abgesehen von seiner Hüftmobilität hat er den Scouts nichts mehr zu beweisen, weshalb das Risiko einer erneuten Verletzung in einem College-Spiel nicht von ihm eingegangen wird.

Dabei erwarte ich, dass er, Hüftverletzung hin oder her, spätestens am Ende der ersten Runde 2020 gedraftet wird. NFL-Teams, die bereits einen etablierten Starter im Kader haben, werden das Risiko definitiv eingehen. Die seit Jahren schwächelnden Teams stehen da vor einer schwierigeren Aufgabe.

VIDEO: SCOUTREPORT in den USA bei Cardinals gegen 49ers

Auf der einen Seite ist da einer der besten College-Quarterbacks der Dekade auf dem Board. Auf der anderen Seite weiß niemand, auch er selbst nicht, ob er in Zukunft verletzungsfrei spielen kann und ob sein Spiel wieder so wird, wie es mal war. Und die Teams erhalten vor dem Draft keinerlei Antworten darauf, da ein Arzt diese Frage erst beantworten kann, wenn er wieder verletzungsfrei ist.

NFL-Spieler wie Dennis Pitta haben es zwar mit einer ähnlichen Verletzung immer wieder zurück auf ein Football-Feld geschafft. Sie konnten aber nie lang genug darauf bleiben, um eine langfristige Investition der NFL-Teams zu rechtfertigen. Dabei können Fans sich nur wünschen, dass ein Talent wie Tua Tagovailoa in Zukunft unsere Sonntage bereichern kann.

#21 Oklahoma State Cowboys @ West Virginia Mountaineers (18 Uhr)

Es geht in die 13. Woche im College Football. Kurz vor Thanksgiving verschaffen sich die besten Teams nochmal eine kurze Verschnaufpause. Ehe man auf seinen engsten Rivalen in der „Rivalry Week“ trifft und kurz darauf die Conference-Meisterschaften anstehen, spielen fast alle Top-Mannschaften gegen einen vermeintlichen Aufbaugegner.

Auf ProSieben Maxx und #ranCollege sehen wir eine spannende Begegnung. Die Oklahoma State Cowboys möchten sich für eines der namhaften Bowl Games ins Gespräch bringen. Die West Virginia Mountaineers haben den Verlust ihres ehemaligen Erfolgscoaches Dana Holgorsen, der nach Houston abgewandert ist, noch nicht verkraftet. Sie kämpfen darum, überhaupt an einem Bowl Game teilzunehmen. Diese Teilnahmen sind für die Colleges sehr wichtig. Denn sie bringen der Schule ein Spiel im landesweiten Fernsehen ein und das spülen Geld in die Kasse.

Zwei Prospects haben es mir für das Spiel besonders angetan. Besondere Beachtung sollte Cowboy-Runningback und Shooingstar Chubba Hubbard erhalten. Er ist auf dem Weg, die 2000-Yards-Marke zu knacken. Der instinktive Runner ist in besonderem Maße beweglich und fährt wie gesteuert durch die gegnerischen Abwehrreihen. Als Receiver für Checkdowns ist er durchaus brauchbar.

Die Mountaineers haben erneut einen ordentlichen Left Tackle für die nächste Draftklasse in ihren Reihen. Colton McKivitz fiel mir bereits auf, als er 2018 noch auf der rechten Seite spielte und ich mir Yodny Cajuste genauer ansah. Leider konnte McKivitz bisher nicht an seiner fehlenden Mobilität arbeiten. Es wirkt doch alles recht steif und er neigt so dazu, sich aus der Balance zu bringen. Dabei besitzt er exzellente Anlagen für einen zukünfitgen NFL-Tackle.

Oklahoma States Wide Receiver Tylan Wallace fällt leider mit einem Kreuzbandriss bis zum Saisonende aus. Sein Verlust könnte das Spiel einen anderen Verlauf nehmen lassen, als die meisten erwarten.

California Golden Bears @ Stanford Cardinal (22 Uhr)

K.J. Costello fällt mal wieder aus. Der Quarterback der Stanford Cardinal bestritt erst fünf von möglichen elf Spielen. Dabei gilt er laut angesehenen Draft-Insidern bei den NFL-Teams als großes Talent. Angeblich haben ihn mehrere Scouts noch vor Jake Fromm auf ihren Notizblöcken. Daran kann sich bis zum Draft noch eine Menge ändern, denn Big Boards werden erst ab Ende März von den Teams selbst erstellt. Jedoch passt Costello mal wieder in das Beuteschema klassischer NFL-Scouts.

NFL-Podcast: Die Stats der Woche

K.J. ist groß und hat einen sehr starken Arm. Die Ansicht, man könne alles andere schon noch aus ihm herauskitzeln, teilen leider immer noch zu viele Entscheidungsträger in der Liga. Dabei sind andere Talente erfolgreicher auf dem nächsten Level. Ich werde mir sein Spiel ganz genau ansehen. An diesem Wochenende leider nicht. Dort fehlt er verletzungsbedingt, wie viele andere Leistungsträger von Stanford.

Wie wäre es stattdessen mit einem der besten Receiving Tight Ends des Landes? Colby Parkinson wird mehr als Big Slot Receiver eingesetzt und darin sehe ich auch seine Rolle in der NFL. Ähnlich aufgestellt wie derzeit Mark Andrews bei den Baltimore Ravens, ist er ein gefährliches Ziel und eine Missmatch-Waffe für gegnerische Defenses. Heutige Formationen in der NFL beweisen, dass Tight Ends, die im Blocking praktisch nicht eingesetzt werden können, einen immer größeren Wert erhalten.

Vor der Saison gab es Kritik, dass er kein Receiver für die gefährlichen Plays in der Mitte des Feldes sei. Dies hat er mittlerweile aber unter Beweis gestellt. Im Spiel gegen California kannst Du Dich nochmal selbst davon überzeugen.

Die Golden Bears stellen gegen ihn in der Secondary wahrscheinlich öfter Ashtyn Davis auf. Der Safety verarbeitet das Spiel bereits sehr schnell und hat so ein natürliches Gespür dafür, wo seine Dienste gefordert sind. Physisch fehlt es noch bei ihm. Ob seine Fähigkeiten sich entwickelt haben, um Matchups auf Tuchfühlung mitgehen zu können, kann er erneut gegen Parkinson unter Beweis stellen.

Die beiden Colleges liegen gerade einmal 70 Kilometer auseinander. Absolventen mit den besten Schulabschlüssen des Landes reißen sich jedes Jahr um einen begehrten Studienplatz an einer der beiden „Elite-Unis“. Nur wenige Top-Athleten schaffen es, die scharfen Aufnahmestandards zu erfüllen. Im Rekrutierungsprozess buhlen die beiden Hochschulen jedes Jahr um die wenigen Spieler an der Westküste, die bei ihnen überhaupt studieren dürfen.

Beide müssen sich noch für die Bowl Games qualifizieren und wollen bei den Rekruten von der High School mit einem Sieg Eindruck schinden. Ein „Wir sind besser als die“ klingt eben viel glaubwürdiger, wenn man das letzte direkte Aufeinandertreffen gewonnen hat.

Tennessee Volunteers @ Missouri Tigers (1.30 Uhr)

Als SEC-Team aus der zweiten Reihe erhält man kaum Aufmerksamkeit. Dieses Wochenende gönnen sich die meisten Top-Teams entweder eine spielfreie Woche oder haben ein unterklassiges Team vor der Brust. So erhalten die Missouri Tigers und die Tennessee Volunteers eine willkommene Gelegenheit, das Interesse an ihnen und ihren Talenten zu steigern. Beide stehen bei einem ausgeglichenen Record auf der Kippe für die Bowl Games Ende Dezember, an denen Missouri und Tennessee sicherlich teilnehmen wollen.

Ein gutes Beispiel für die Verbindung zwischen fehlendem Interesse am Team und dem Draft Stock eines Spielers finden wir in Missouris Tight End Albert Okwuegbunam. Im vergangenen Jahr noch einer der gefeierten Stars in der SEC in seiner von Drew Lock angeführten Offense der Tigers, löst er sich in den Medien nun fast in Luft auf. Dabei hat sich an seiner Effektivität, auch in engen Situationen für schwere Catches zu sorgen, nichts geändert.

Im Matchup mit Volunteers‘ Daniel Bituli sollte er sich gerade noch rechtzeitig in Szene setzen können. Der Linebacker hat eindeutige Schwächen in der Pass Coverage. Gegen den Lauf verfügt er hingegen über hervorragende Instinkte und stößt schnell in die Run Lanes, ohne sich von herannahenden Blockern aufhalten zu lassen. Die leicht auszumachenden Runs von Missouris Runningback Larry Rountree III sollten die Laufverteidigung von Tennessee strahlen lassen.

Bleibt den Tigers wohl nur das Spiel über Quarterback Kelly Bryant, um zu gewinnen. Der mobile Spielmacher gewann bereits in seiner jungen Karriere mit Clemson die ACC-Meisterschaft und wechselte zur diesjährigen Saison nach Missouri. Für die NFL sehe ich ihn als so genanntes „Developmental Prospect“ zur Entwicklung in der richtigen Offense. Am College gehört er mit seiner Spielweise schon zu den besseren Quarterbacks des Landes und wird ein wichtiger Faktor für den Sieg sein.

Gegen eine talentierte Defense in der noch Edge Rusher Darrell Taylor und Safety Nigel Warrior für den nächsten Draft zu nennen wären, wird Bryant aber alles aus seinem Arm herausholen müssen. Beim Defensive Back Warrior ist der Name Programm. Der physische Spieler lässt allerdings aufgrund seiner aggressiven Spielweise einige Plays auf dem Feld unnötig liegen.

Unterm Strich sollte Missouri am Ende die Nase vorn behalten. Ihre Offensive Line mit Yasir Durant und Trystan Colon-Castillo sollte die Line of Scrimmage dominieren. Volunteers-Speedster und Wide Receiver Marquez Callaway erwartet dazu ein schweres Matchup mit Cornerback DeMarkus Acy. Tennessee bleibt wohl nur der Weg über das eigene Laufspiel. Offensive Guard Trey Smith wird versuchen, erneut seinen hohen Wert für den nächsten Draft unter Beweis zu stellen und mit seinen Mannen Runningback Ty Chandler das Leben etwas erleichtern können.

Auf Twitter gibt es über @Draft_Nerd_DE an jedem Spieltag Threads mit dem Hashtag #DraftWatch zu den jeweiligen Spielen. So kannst Du Dich direkt mit Philipp Forstner über die Talente und die Begegnung austauschen.

Du hast Fragen zum College Football oder willst Näheres zu den vorgestellten Talenten und Matchups wissen? Dann schreib SCOUTREPORT-Experte Philipp Forstner an draftnerdde@gmail.com oder auf Twitter (@Draft_Nerd_DE).

Written by Philipp Forstner
Philipp Forstner ist College- und NFL-Draft-Experte bei SCOUTREPORT. Er beobachtet Talente gerne aus der Trainer-Perspektive. Seit 2015 schreibt er für Beardown Germany. Leser kennen ihn auch von draftnerd.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

error

Folge SCOUTREPORT