Es gab in den letzten sieben Jahren nur einen einzigen Draft, bei dem in Runde Eins mehr als drei Quarterbacks ausgewählt wurden. Jedes NFL Team will die wichtigste Position im Football perfekt besetzen und da ergibt es durchaus Sinn, regelmäßig einen Pick zu versuchen. Denn das mögliche Bust-Potential, einen Flop zu landen, ist bei den Spielmachern besonders hoch.

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Rein von der Bewertung ausgehend, dürften in diesem Jahr nicht mehr als zwei Quarterbacks in der ersten Runde vom Board gehen. Doch für diese Position gelten andere Gesetze, weshalb wir auf jeden Fall von mehr Spielern ausgehen dürfen. Hier nun meine persönliche Einschätzung. 

Joe Burrow, LSU

An der Ohio State kam Joe Burrow nie über eine Rolle als Backup hinaus. Nach seinem Abschluss entschied er sich daher, das College zu wechseln und fand in Louisiana sein großes Glück. Binnen zwei Jahren adaptierte er das neue System der Tigers in Perfektion und führte die LSU zum Ende seiner College Karriere zum Gewinn der Nationalen Meisterschaft.

Der First-Team All-American wurde danach mit Auszeichnungen überschüttet. Allen voran die Heisman Trophy und den Maxwell Award für den besten College Spieler der abgelaufenen Saison. Dazu ernannte man ihn zum Walter Camp Player of the Year, zum Johnny Unitas Golden Arm und Davey O’Brien Award Gewinner, allesamt Trophäen für die besten Quarterbacks.

Der effiziente Spielmacher wurde damit für eine der besten Saisons geehrt, die je ein Spielmacher am College vollführt hat. Nicht unerwähnt sollten seine 60 Touchdowns in 15 Spielen bleiben, mit denen Burrow einen neuen Rekord aufgestellt hatte. 

Stärken

In der Entscheidungsfindung ist Burrow sehr weit fortgeschritten. Er hat immer ein Ass im Ärmel, so scheint es. Burrow spielt gelassen und überlegt. Fehler oder überhastete Entscheidungen gibt es in seinem Tape so gut wie gar nicht. Dabei spielte er gegen die besten College Defenses und Coaches. Burrow sorgte in seiner Offense für viele Big Plays. Dabei gibt er seinen Receivern immer eine Chance den Ball zu erreichen. Ich habe schon viele Quarterbacks gescoutet, aber noch nie einen so genauen. Allein auf diesen beeindruckenden Grundlagen lässt sich aufbauen.

Burrows Selbstvertrauen und Körpersprache wurden in der letzten Saison nie erschüttert. In kritischen Situationen verliert er nicht die Kontrolle und bewahrt die Ruhe. Er gilt als Führungsspieler. Hat keine Bedenken schwierige Bälle zu werfen und verfügt über ein gesundes Selbstbewusstsein auf und abseits des Platzes.

Er kann Defenses mit seinen Augen manipulieren, geht seine Ziele nacheinander durch und erkennt schnell die vorgegebene Abwehr-Formation. Seine Verarbeitung macht ihn zu einem besonderen Talent. Am College habe ich noch keinen unter den Quarterbacks gesehen, der das Spiel bereits so gut verarbeitet.

Seine Pocket Präsenz war am College ebenfalls elitär. In seiner letzten Saison wurde er lediglich bei jedem 15,5ten Passversuch gesacked. Er hat ein Gespür dafür, von wo der Druck kommt und kann dann mit seinem Arm oder seinen Beinen dem drohenden Sack ausweichen. Selbstbewusst kann er die Pocket hinaufklettern. So wie man es von einem Pocket Passer sehen will. Seine mechanischen Abläufe gehen dabei von der Fußspitze bis in die Hand. Damit zeigt er konstant stabile Würfe. 

Schwächen

Burrow muss sich ganz schön ins Zeug legen, wenn er tiefe Pässe genau anbringen will. Dies kann zu Ungenauigkeiten und Turnover führen. Jedoch ist Armkraft nicht alles bei der Bewertung von Quarterbacks. Dank seines hohen Ballgefühls und eines stark in sich rotierenden Balls (Zip) beim Wurf bringt er auch schwere Pässe konstant an. Mit Armtalent kompensiert er Schwächen in Armkraft.

Seine hohe Genauigkeit deutet an, dass er auch mit Antizipation werfen kann. Dazu müsste er den Pass loswerden, noch bevor sein Receiver frei ist, weil er den freien Mann antizipiert. Daran arbeitet er in der Vorbereitung auf die NFL gerade. Langfristig sollte er sich hier verbessern.

Aus der Bewegung bekommt er es noch nicht konstant hin, seine an sich sauberen Passmechaniken klar abzurufen. Dies ist ein weiterer Bereich an dem sein zukünftiger Quarterbacks-Coach mit ihm trainieren wird. 

Bewertung

Burrow ist zwar nicht meine Nummer Eins unter allen Talenten im diesjährigen Draft, jedoch habe ich noch nie einen Quarterback so hoch bewertet. Sein kometenhafter Aufstieg im vergangenen Jahr lässt sich erklären und ist kein Zufall oder Glück. Seine Grundlagen sind bereits so bemerkenswert, dass er einen Top-Pick rechtfertigt.

Momentan arbeitet er mit erfahrenen Coaches an seiner Antizipation. Paart er hier verbesserte Fähigkeiten mit seiner Genauigkeit, Athletik und dem Armtalent, wird er seine durchschnittliche Armkraft locker kompensieren.

Tua Tagovailoa, Alabama

In seinem ersten Jahr löste Tagovailoa im Endspiel um die Nationale Meisterschaft Jalen Hurts zur Halbzeit der Begegnung ab. Sein bemerkenswertes Comeback löste den Startschuss für seine großartige College-Karriere. 2018 wurde der Maxwell Award Gewinner und Walter Camp Player of the Year zum besten Offensiv Spieler der SEC ausgezeichnet.

In der abgelaufenen Saison verließ ihn dann sein Glück. Zunächst laborierte er wochenlang an seinem Sprunggelenk. Am neunten Spieltag erlitt er eine schwere Hüftverletzung, die seine Karriere an der University of Alabama abrupt beendete. Zwar läuft die Rehabilitation nach Plan. Allerdings kann kein Arzt zum Zeitpunkt des Drafts ausschließen, dass ihn die Verletzung nicht im weiteren Verlauf beeinträchtigen wird. 

Stärken

Er liest das ganze Feld und kann seinen Reads vertrauen. Verdammt selten findet sich mal ein Aussetzer. Tagovailoa gehört zu den äußerst spielintelligenten Quarterbacks und trifft auch in kritischen Situationen gute Entscheidungen.

Genauigkeit kann man nicht antrainieren. Ob aus der Bewegung oder in der Pocket wirft Tua einen sehr sauberen Pass durch eng stehende Verteidiger hindurch zu seinen Receivern. Mit Gefühl oder Zip kann er das auf unterschiedlichen Wegen. Eine sehr wichtige Fähigkeit.

Man sieht kein Zögern in seinem Spiel. Tua behält stets den Blick nach vorn und fühlt den Druck. Wenn nötig, kann er aggressiv und furchtlos spielen. In den wichtigen Spielen seiner Karriere zeigte er gesundes Selbstvertrauen und konnte Fehler schnell aus dem Kopf schütteln.

Tagovailoa verarbeitet das Spiel in einer hohen Geschwindigkeit. Bevor er seine genauen Pässe anbringt, scannt er alle Receiver-Optionen. Zusätzlich kann er Pump Fakes einstreuen und Safeties mit den Augen manipulieren. Vieles wirkt dabei bereits automatisiert.

Tagovailoa bewegt sich sicher in der Pocket und kann im höchsten Notfall auch einmal ausbrechen. Bei Druck lässt er nichts von seiner außergewöhnlichen Genauigkeit vermissen. Seine Pocket Präsenz ist seine Trumpf-Karte.

Der Linkshänder wartet nicht bis seine Receiver sich frei gelaufen haben. Gerne wird seine Qualität in Frage gestellt, weil er über ein so starkes Receiving Corps verfügt. Jedoch ist es Tagovailoa, der seine zugegeben großartigen Anspielstationen offen wirft.

Schwächen

In der NFL werden Passfenster noch kleiner. Seine durchschnittliche Armkraft ist hierbei allein kein Hindernis. Mit Gefühl, Genauigkeit und Zip gleicht er das aus. Jedoch wird er den Gegner nie mit krassen weiten Würfen an die Seitenlinie beeindrucken. Tuas zusätzliche langsame Wurfbewegung ruft Bedenken hervor.

Augenscheinlich entdeckt man immer wieder Unreinheiten in seinen Passmechaniken. Da wird die Bewertung von Scouts auseinandergehen. Ich finde, seine Wurfbewegung ist langsam und mit fehlender Armkraft könnte das sein Spiel beeinträchtigen.

Bewertung

Tagovailoa erkennt schnell die Lücken in der Verteidigung und hat ein Gespür für den herannahenden Druck. Er ist in der Lage zügig darauf zu reagieren und den Ball genau an seine Receiver zu bringen. Seine Mitspieler sind so in der Lage für Yards nach dem Catch zu sorgen. An Ungereimtheiten in seinen Mechaniken muss er arbeiten. Ansonsten könnte seine fehlende Armkraft zu einem Problem werden.

Mehrere Verletzungen, vor allem seine jüngste Hüftverletzung bereiten die größten Sorgen. Wird er wieder fit, kann er der Franchise Quarterback für sein neues Team werden.

Justin Herbert, Oregon

Herbert und die University of Oregon sind eng miteinander verbunden. Bereits sein Großvater spielte für das legendäre College von der Westküste. Aufgewachsen in der Nähe vom Campus, war es daher eine leichte Entscheidung das Angebot der Ducks anzunehmen. Seine vierjährige Karriere krönte er letztendlich mit einem Sieg im ehrwürdigen Rose Bowl gegen Wisconsin.

Der 1,98 Meter große Quarterback wiegt etwa 107 Kilogramm und warf für über 10,000 Yards und insgesamt 95 Touchdowns an der Uni. Dabei unterliefen ihm nur 23 Interceptions bei einer Completion Rate von 64 Prozent. Hätte Herbert nicht in 2017 fünf Spiele aufgrund eines Schlüsselbeinbruchs aussetzen müssen, die Marke von 100 Touchdowns wäre womöglich gefallen. 

Stärken

Herbert wird mit seinem zukünftigen Coaching Staff weiter an seiner Spielerkennung arbeiten. Er besitzt das mentale Setup um sich dort zügig zu verbessern. Für Quarterbacks, der sich gern auf ihren starken Arm verlassen, ist er dort bereits gut entwickelt. Darauf lässt sich aufbauen.

Ein Blick auf die College-Quarterbacks vor der Saison 2019

Würfe zum zweiten oder dritten Receiver sind keine Seltenheit bei Herbert. So findet er häufig die sicherste Anspielstation und minimiert sogar bei kritischen Downs das Risiko. Er sucht immer nach einer Lösung und hält den Ball bis sie sich ergibt.

Herbert hat einen der stärksten Arme der Draftklasse. Auf unterschiedlichen Wegen kann er bei seinem Armtalent eine gegnerische Defense schlagen. Seine Stärken als reiner Passer sind sein besonderes Talent.

Schwächen

Herbert wirft selten Interceptions. Seine Genauigkeit ist statistisch hoch mit fast 70 Prozent, jedoch wirft er gern komplett freie Anspielstationen an. Er scheut das Risiko, was auf eine eher durchschnittliche Genauigkeit schließen lässt.

Er hat sich stetig zum Führungsspieler seiner Oregon Ducks entwickelt. Auf dem Feld sträubt er keine Herausforderung und verließ seine Rolle auch in schweren Spielen nie. Jedoch wünscht man sich in der Spielausführung mehr Mut und Selbstbewusstsein.

Der Quarterback klettert auch bei Druck selbstbewusst die Pocket hinauf und geht weiter seine Ziele durch. Die Augen bleiben stets bei seinen Receivern. Leider hält er den Ball zu lang und entschließt sich zu spät für den Abwurf. Dies sorgt für unnötige Sacks. Verteidigungen so zu lesen, dass man Receiver offen werfen kann, bevor sie frei stehen, ist eine besondere Eigenschaft von NFL Quarterbacks. Herbert deutet seine Fähigkeiten hier gelegentlich an, kann dies aber noch nicht konstant umsetzen.

In der Bewegung setzt er seine Füße überraschend gut. Davon geht man nämlich nicht aus, wenn man fortwährende Macken dabei in der Pocket erlebt. Es gibt riesige Würfe mit Passmechaniken aus dem Bilderbuch. Dann wiederum unsaubere Abläufe bei leichten Pässen.

Bewertung

In einem Schema mit vielen schnellen Passversuchen würde Justin Herbert sein eigenes Waterloo erleben. Spielt er mehr vertikal und man vertraut seinem starken Arm hat er das Zeug zum Franchise Quarterback. Dazu muss er selbstbewusster, mutiger und konstanter spielen. Kommt dann alles zusammen ist er wahrlich ein Top-Talent. Teams, die ihre Zukunft auf ihn setzen, kann ich verstehen. Auch wenn es bestimmt Wetten gibt, die im Draft sicherer sind. Vieles deutet Herbert an, muss aber noch feiner ausgearbeitet werden.

Die besten zehn Quarterbacks

  1. Joe Burrow, LSU
  2. Tua Tagovailoa, Alabama
  3. Justin Herbert, Oregon
  4. Jake Fromm, Georgia
  5. Jacob Eason, Washington
  6. Jordan Love, Utah State
  7. Jalen Hurts, Oklahoma
  8. Anthony Gordon, Washington State
  9. James Morgan, Florida International
  10. Cole McDonald, Hawaii

Höher als bei Anderen: Cole McDonald, Hawaii

McDonald ist kaum bis überhaupt nicht als Quarterback ausgebildet. Seine athletischen Anlagen und das gute Armtalent machen ihn zu einem sehr interessanten Talent. Er wird in späten Runden noch zu haben sein und Teams verspüren dadurch keinen Druck ihn zu früh starten zu lassen. Vielleicht können sie ihn sogar zunächst im Practice Squad ausbilden. Nach einiger Zeit und Entwicklung könnte sich der genaue und produktive Passer, trotz unfassbar roher Passmechaniken, als wahrer Glücksgriff herausstellen. 

Tiefer als bei Anderen: Jordan Love, Utah State

Nach hohen Erwartungen vor der Saison, warf Love 2019 fast genauso viele Interceptions wie Touchdowns. Er ist der diesjährige Kandidat unter den Quarterbacks, für den Teams ein hohes Risiko eingehen werden und hoffen, dass sie dafür belohnt werden. Denn sein Armtalent und seine zusätzliche Mobilität sind für die heutige NFL einfach zu verlockend.

Die fehlende Unterstützung in seinem Team machen eine Bewertung umso schwieriger. Probleme habe ich damit, dass er keinesfalls so roh in seinen Anlagen ist, wie manche es annehmen. Und dazu hätte er dann am College einfach besser und vor allem konstanter spielen müssen, damit ich einen hohen Pick auf ihn setzen würde. 

Neben der Top Ten und allen voran Joe Burrow, gibt es weitere interessante Quarterbacks. Solltest Du Fragen zu den Prospects haben, erreichst Du mich am besten über Twitter und per Mail: draftnerdde@gmail.com