Die NFL favorisiert mittlerweile Linebacker, die vor allem den Pass verteidigen können. Wir können also davon ausgehen, dass Talente, die früh im Draft ausgewählt werden, diese Kompetenz mitbringen. Das ist nun mal der Lauf der Dinge in einer Pass-Liga.

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Die diesjährige Klasse bietet da weit aus mehr Qualität als die Letztjährige. Es sind wieder ein paar exzellente Athleten dabei, die in der Lage sind, von Seitenlinie zu Seitenlinie weite Bereiche abzudecken. 

Isaiah Simmons

Simmons führte in der Meisterschafts-Saison seiner Clemson Tigers die mit Top-Stars besetzte Verteidigung in Total Tackles an. Insgesamt 88, davon neun for Loss brachten ihn auf die Radarschirme aller NFL Scouts.

Im darauffolgenden Jahr erhielt er als bester Linebacker des Landes den Butkus Award und wurde zum besten Verteidiger der ACC ausgezeichnet. Der Allrounder wurde zudem ins First-Team All-American gewählt.

Auch wenn sein Team den Titel zur Nationalen Meisterschaft nicht verteidigen konnte, ist seine letzte College Saison eine außergewöhnlich produktive gewesen. 104 Total Tackles (davon 16,5 for Loss), acht Sacks, drei Interceptions und zwei Forced Fumbles erzielte der Playmaker und wurde überall auf dem Feld eingesetzt.  

Stärken

Er liest sehr gut das Spiel. Der athletische Allrounder kann Plays überall auf dem Feld machen. Simmons hat die Schnelligkeit und Spielerkennung, um im offenen Feld genauso aufzuräumen, wie im Zentrum. 

Ausgezeichnet mit dem Butkus Award für den besten Linebacker des Landes ist Simmons der athletischste Verteidiger im Draft. Er kann von Spiel zu Spiel so vielseitig eingesetzt werden, wie kein anderer. Ich spreche hier nicht von großartiger Athletik, sondern einem ganz neuen Level.

Ich kenne keinen Linebacker, der sich so flüssig in Coverages bewegt, wie er. Simmons kann Mann-gegen-Mann mit Tight Ends, Receivern und Runningbacks mithalten. Sein hohes Maß an Spielerkennung zeigt sich in der Zonenverteidigung. Simmons verpasst dazu kein Tackle, weil er vielleicht zu aggressiv zu Werke geht. Er ist ein sehr verlässlicher Run Defender, der instinktiv und mit bestem Sideline-to-Sideline Speed große Räume verteidigen kann. 

Hohe Geschwindigkeit verknüpft Simmons mit einer exzellenten Beinarbeit. Er erreicht so blitzschnell den Ort des Geschehens, reagiert ausbalanciert auf Richtungswechsel und setzt tiefe saubere Tacklings gegen den Ballträger. 

Seine Einstellung ist erster Klasse. So schafft er es immer wieder ein weiteres Yard Raumverlust herauszuholen oder für Turnover zu sorgen. Als Box Safety könnte er alles im offenen Feld abräumen und würde auch in engen Situationen keine Angst vorm Aufprall zeigen. 

Er hat nicht nur Fähigkeiten für gelegentlichen Pass Rush. Simmons könnte sogar generell als Edge Rusher in eindeutigen Pass Situationen aufgestellt werden. Seine Spritzigkeit ist eine große Gefahr für gegnerische Quarterbacks. 

Schwächen

Für die Erkennung mancher Spielzüge fehlt es an Erfahrung. Simmons bleibt da, trotz seiner herausragenden Anlagen und Fähigkeiten, ein Rookie, wie jeder andere im Draft. Eine gewisse Zeit zur Eingewöhnung wird man auch ihm zugestehen müssen. Das ist aber nichts, was in irgendeiner Art und Weise Kopfschmerzen bereiten sollte.

Bewertung

Es gibt abgesehen vom Nose und Defensive Tackle keine Position, die Simmons noch nicht am College in der Defense gespielt hat. In der NFL wird man ihn ähnlich kreativ, auf den Gegner und seine Stärken bezogen, einsetzen. Der wuchtige Linebacker kann mit seiner Explosivität und Vielseitigkeit seiner Defense ein von Spiel zu Spiel neues Gesicht geben.

Patrick Queen

Die LSU Tigers entwickeln sich allmählich zur Linebacker-Schmiede für die NFL. Nach Deion Jones und Devin White schickt sich nun Patrick Queen an, der nächste Erst- oder Zweitrundenpick für das College aus Louisiana zu werden. Mit 1,83 Metern Größe dürfte der frisch gebackene Nationale Meister jedoch gern noch etwas auf seine momentanen 104 Kilogramm Masse draufpacken. 

Stärken

Geschwindigkeit und Spritzigkeit sind genauso vorhanden, wie seine bereits entwickelte Spielerkennung. Das ist schon eine Menge Potential für das nächste Level. Gerade in Coverages ist Queen ein produktiver Playmaker dank seines hohen Football IQ. Es fehlt die Physis um als Abräumer zu gelten. Doch in Zonenverteidigung und Mann-gegen-Mann wird er Tight Ends, Receiver und Runningbacks gegen den Pass exzellent verteidigen. Da ist er mit hoher Flexibilität und Mobilität kaum zu schlagen.

Queen erledigt konsequent im Tackling seinen Job. Explosiv tacklet er durch den Ballträger hindurch und lässt seinen Gegenspieler nicht durch die Arme rutschen. Physisch kann er mit allen Skill Positionen mithalten. Herannahenden Blockern weicht er aus, statt sie physisch anzugehen. Dank sauberer Beinarbeit bewegt Queen sich generell ausbalanciert über das Feld. An athletischen Tight Ends bleibt er kleben ohne zu aggressiv vorgehen zu müssen. 

Das hervorragende Gesamtpaket eines zukünftigen Starters auf der Inside Linebacker Position fügt seinem Spiel stets eine feine Würze hinzu. Queen hat das Herz auf dem richtigen Fleck und scheut sich vor keiner physischen Auseinandersetzung.

Bei kreativ designten Blitzes war Queen am College sehr produktiv. Gerade in engen Spielen, wusste er als Pass Rusher immer wieder für wichtige Plays zu sorgen. So kann er in der NFL auch eingesetzt werden.

Schwächen

Er bewegt sich flüssig und zügig über das Feld. Damit matched er die Fähigkeiten seiner Gegenspieler. Aber fehlende Größe und Masse schließen eine zukünftige Rolle als Middle Linebacker aus. Zum 3-4 ILB ist er schon eher geeignet.

Bewertung

Patrick Queen ist ein zukünftiger Starter auf der Position des Inside Linebackers. Er hat den nötigen Speed und die Übersicht, um weite Teile des Spielfeldes abzudecken und vor allem in Pass Coverages zu glänzen. Damit erfüllt er die Anforderungen an einen modernen NFL Linebacker. Ein weiteres Plus wird seine Fähigkeit zum Playmaker bei designten Blitzes darstellen. Bei manchen Teams wird er aufgrund fehlender Physis allerdings durch das Anforderungsprofil rutschen.

Kenneth Murray

Der Freshman All-American setzte in drei Jahren seiner College Karriere unfassbare 325 Total Tackles. Hinsichtlich der Tacklings im gegnerischen Backfield wurde er dazu von Jahr zu Jahr effektiver. Murray besitzt mit 1,89 Metern Körpergröße und einem Gewicht von 109 Kilogramm ideale Maße um in der NFL auf unterschiedlichen Linebacker-Positionen aufgestellt zu werden. Der Big 12 Serien-Champion und First-Team All-Big 12 könnte dieses Jahr am ersten Tag im Draft seinen Namen hören. 

Stärken

Als Verteidiger gegen den Pass ist Murray exzellent veranlagt und gilt als Every-Down-Player auf dem nächsten Level. Der flexible Linebacker hat den Speed um große Zonen abzudecken und kann Tight Ends und Runningbacks in Manndeckung nehmen.

Murray ist ein aggressiver Tackler, der sich das aber auch erlauben kann. Liest er den Spielzug korrekt, verpasst er kein einziges Mal den Ballträger. Der athletische Linebacker kann dabei auf abrupte Richtungswechsel reagieren und findet auch gegen schlüpfrige Runningbacks einen guten Winkel..

Ich habe Plays gesehen, da war er viele Schritte weiter vom Ballträger entfernt als seine Mitspieler und hat am Ende den ersten Kontakt initiiert. Gerne denke ich dabei an seine 28 Tackles gegen Army zurück. Murray spurtet furchtlos immer an den Ort des Geschehens.

Er kann auf jeden Fall bei Blitzes als gefährlicher Pass Rusher eingesetzt werden. Zielstrebig in Gaps zum Quarterback schießen, macht er so gut wie kein anderer Linebacker in dieser Klasse. Sein starker Antritt macht ihn hier zu einem brandgefährlichen Verteidiger. 

Schwächen

Es kommt vor, dass Murray sich verschätzt und einfach am Play vorbei schießt. Fragwürdig ist dabei vor allem, dass er aus Fehlern im weiteren Verlauf des Spiels nicht zu lernen scheint und auf denselben Fake erneut hereinfällt. Seine Spielerkennung ist wirklich dürftig.

Sich allein auf seine athletischen und physischen Anlagen zu verlassen, kann am College ausreichen. In der NFL wird Murray gegen Zone Blocker im zweiten Level bereits aufgerieben und kommt gar nicht erst zum Ballträger durch. Daran hat er zu arbeiten. Sonst sehen wir zwar Tackles von ihm, aber erst nach einigen Yards Raumgewinn des Runningbacks. 

Bewertung

Kenneth Murray hat das Potential ein startender Middle oder Inside Linebacker auf dem nächsten Level zu werden. Falsche Reads und langsame Spielverarbeitung werden anfangs aber für Unzuverlässigkeiten und Fehler sorgen. Technische Defizite sind ebenfalls noch vorhanden.

Teams sollten Geduld mit ihm haben und nicht erwarten, dass sie in der ersten Runde einen sofortigen Starter draften. Je mehr Unterstützung er im Linebacking Corps erhält, desto eher wird er von Anfang an spielen. Ihn am zweiten Tag auszuwählen, ist daher durchaus gerechtfertigt für ein so athletisch veranlagtes Talent, dass sich weiterentwickeln kann. 

Die besten zehn Linebacker im NFL Draft 2020

  1. Isaiah Simmons, Clemson
  2. Patrick Queen, LSU
  3. Kenneth Murray, Oklahoma
  4. Malik Harrison, Ohio State
  5. Logan Wilson, Wyoming
  6. Akeem Davis-Gaither, Appalachian State
  7. Troy Dye, Oregon
  8. Jordyn Brooks, Texas Tech
  9. Evan Weaver, California
  10. David Woodward, Utah State

Höher als bei Anderen: David Woodward, Utah State

Woodward hat sich über die letzten beiden Saisons prächtig entwickelt. Gelangt er in ein Team, dass ihm durch gute Arbeit in der Defensive Line relativ saubere Wege zum Ballträger liefert, hat er Starter-Potenzial. Gerade als Outside Linebacker einer 4-3 Defense kann er dann kleinere Zonen abdecken und kompromisslos in die Lücken der Offensive Line schießen.

Ein Wirbelbruch und mehrere Gehirnerschütterungen sind ein nicht zu übersehendes Hindernis, um ihn als legitimes Talent für die ersten zwei Tage im Draft anzuerkennen. Bleibt er ab sofort fit, bietet er am dritten Tag besonderen Wert.

Tiefer als bei Anderen: Jordyn Brooks, Texas Tech

Brooks ist ein außergewöhnlich guter Tackler. Linear schießt er in die Gaps des Gegners und stellt den Runningback sauber und hart an Ort und Stelle. Er verpasste am College nur sehr wenige Gelegenheiten dazu. Jedoch sind diese klassischen Gap-Shooting Linebacker nicht mehr so gefragt bei den Teams. Gegen den Pass kann er nur als Blitzer eingesetzt werden. Selbst wenn er da sehr gefährlich ist, sehe ich momentan keine Every-Down-Rolle für ihn auf dem nächsten Level.

Neben der Top Ten, gibt es weitere interessante Talente auf der Linebacker Position. Solltest Du Fragen zu den Prospects haben, erreichst Du mich am besten über Twitter und per Mail: draftnerdde@gmail.com