Der Free Agency Markt für die Position der Edge Verteidiger war in diesem Jahr doch verdächtig ruhig. Spieler wie Jadeveon Clowney und Markus Golden warten immer noch auf einen neuen Vertrag. Eventuell bewerten die NFL Teams die diesjährige Draftklasse besonders hoch. Dabei gibt es nach dem überwältigenden Talent von Chase Young eigentlich nur Spieler mit mehr oder weniger großen Fragezeichen.

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Es ist zumindest ungewiss, ob mehr als zwei Edge Verteidiger in der ersten Runde gezogen werden. Daher ist es sehr interessant, etwas tiefer in die Positionsgruppe und meine Bewertung zu schauen. 

Chase Young, Ohio State

Der hochdekorierte Edge Verteidiger aus Maryland verließ seine Ohio State Buckeyes im Winter nach einer ruhmreichen Saison. Belohnt wurde der Einzug in die Playoffs mit der Wahl in das First-Team All-American. Zusätzlich wurde Young für seine außergewöhnlichen Leistungen mit den Chuck Bednarik, Ted Hendricks und Bronko Nagurski Awards ausgezeichnet. Obwohl er für zwei Spiele suspendiert wurde, erhielt er damit zurecht die Ehrungen zum besten Defensive Linemen und Verteidiger insgesamt im Land. 

Stärken

Young bietet ein äußerst seltenes Paket aus Physis und Athletik an. Er kommt wahnsinnig schnell hoch beim Snap und verbindet alle Fähigkeiten und Anlagen um konstant seine Matchups zu besiegen. Der große und muskulöse Edge Rusher bewegt sich kraftvoll, schnell und flüssig, wie kein anderer in dieser Klasse.

Es ist beinah unfair, wie exzellent Young dazu bereits das Spiel verarbeitet. Bestens vorbereitet scheint er stets einen Plan für sein Matchup vorbereitet zu haben. Sollte dieser nicht den nötigen Erfolg versprechen, kann er seinen Plan nach dem Snap noch anpassen. Dazu scannt er förmlich den Runningback, wenn dieser den Ball erhält. 

Einzigartig wie flexibel Young in den Gelenken ist. Mit solch kräftigen Körpermaßen kommt er besser um die Ecke als viele leichtfüßige Speed Rusher. Das ist etwas, dass er schon an der High School selbstverständlich präsentierte und bei ihm sehr natürlich aussieht.

Die Energie, die Young in seine Reps bringt, ist vergleichbar mit der von Myles Garrett und Khalil Mack vom College. Gegenspieler müssen daher immer vor Inside Rushes auf der Hut sein und nicht einfach die Außenkante verteidigen. Auch wenn er statistisch Spiele ohne Sack dabei hat, sollten wir uns nichts vormachen. Young erzeugt konstant und andauernd Druck auf den gegnerischen Quarterback gegen jedwedes Matchup.

Er kann einen Offensive Tackle mit unterschiedlichen Handtechniken frontal angehen. Oder er spurtet tief und mit starkem Antritt um sein Matchup außen herum. Kraftvoll kann er dazu innen sogar gegen Double-Teams direkt auf den Quarterback zu laufen. Es ist bei seinem kompletten Paket nur eine Frage danach wann und nicht ob Young im Spiel Druck auf den Spielmacher ausübt.

Er hält als Run Defender konsequent seine Gaps und lässt niemanden außen vorbei. Diszipliniert geht er im Pass Rush zu Werke, sodass er nicht von einem Laufspielzug überrascht werden kann. Ob er den Runningback direkt angehen soll oder sein Gap halten soll, spielt keine Rolle. Er bleibt stets ein verlässlicher und spielintelligenter Verteidiger.

Schwächen

Gewiss kann er als Modellathlet auch in Coverages zurück droppen. Aber wer möchte schon einen solchen Pass Rusher von der Line of Scrimmage abziehen? Am College hat das nie jemand von ihm verlangt, weshalb er, in dieser zu vernachlässigenden Fähigkeit, keine Erfahrung hat. Aus dem 2-point-Stance ist er schon oft gestartet und kann somit vielseitig aufgestellt werden.

Bewertung

Chase Young ist der beste Spieler seiner Draftklasse und ein elitäres Talent. Er kann in jedem System glänzen und hat ein unglaubliches Potential. Konstant kann er mit allen erdenklichen Varianten eines Pass Rushers für Druck sorgen. Der Modellathlet wird die Qualität einer gesamten Defense auf ein komplett neues Level heben. Offenses müssen sich etwas einfallen lassen, wenn sie gegen ihn spielen. Davon profitiert sein ganzes Team.

K’Lavon Chaisson, LSU

Chaisson verließ nach dem Gewinn der Nationalen Meisterschaft als Junior seine LSU Tigers und bewirbt sich nun für die NFL. Der First-Team All-SEC fiel 2018 mit einem Kreuzbandriss fast die gesamte Saison aus, konnte danach im letzten Jahr aber seinen Durchbruch feiern. Er ist 1,91 Meter groß und wiegt dabei 115 Kilogramm. In 2019 wuchtete der Top-Athlet diesen Körper bei 60 Total Tackles insgesamt 20 mal ins gegnerische Backfield und stoppte den Ballträger zum Sack oder Tackle for Loss. 

Stärken

Es gibt nicht viele groß gewachsene Athleten, die sich so flexibel präsentieren, wie Chaisson. Seine Sets trägt er flüssig und sehr spritzig vom Snap bis zum Pfiff des Schiedsrichters vor. Er ist sehr beweglich in den Hüften und schlägt gefährliche Haken auf dem Weg zum Quarterback. 

Wenn ein Pass Rusher tief und schnell um die Ecke rushen kann, erfüllt er die wichtigste Voraussetzung für ein großes Talent. Chaisson gehört zu diesen wenigen Edge Verteidigern, die das mit ihrer Vielseitigkeit vortragen und ein Spiel von Grund auf verändern können.

Chaisson setzt seinen gesamten Körper im Pass Rush ein und kann mit Speed-to-Power Moves auch innen durchgehen. Offensive Tackle müssen sowas zusätzlich auf der Rechnung haben, was die Pass Protections verkompliziert.

Der kontrollierte Edge Defender bringt für die NFL ein zusätzliches Attribut mit. Er kann in Coverages zurück droppen und Mann-gegen-Mann sein Matchup begleiten oder eine kurze Zone verteidigen. Kreative Defensive Coordinator verschleiern gern ihre Taktik. Der vielseitige Chaisson gibt einem viele Möglichkeiten.

Vor allem bei der Laufverteidigung ist auffällig, wie stark er sich schon gegen technische Blocker wehren kann. Da lässt er sich nicht ausspielen. Chaisson ist dazu ein so talentierter Pass Rusher, dass er die nötige Geduld mitbringt, die es als NFL Edge Defender braucht. Er rennt nicht kopflos zum Quarterback und kann immer auf das Laufspiel reagieren. Wenn Chaisson mal ausnahmsweise nicht mit purer Athletik zum Erfolg kam, fand er stets einen anderen Weg um zum Quarterback zu gelangen.

An der LSU erhält der eifrigste Spieler mit der aufopferndsten Einstellung die Ehre ein Jahr lang die Nummer 18 zu tragen. Diese große Ehre wurde dem spielintelligenten Chaisson zu Teil. 

Schwächen

Weil er so konstant mit reiner Explosivität und Körperbeuge am College gewann, hatte es Chaisson gar nicht nötig sein technisches Repertoire auszubauen. Es ist nicht so als würde er gar keine Techniken einsetzten. Jedoch hat er sein Arsenal zu erweitern und muss alles feiner ausarbeiten. 

Bewertung

K’Lavon Chaisson als reinen athletischen Rusher abzutun, wird ihm keineswegs gerecht. Er ist so viel mehr. Abgesehen von nötiger Verfeinerung seiner Techniken ist er bereits jetzt einer der vielseitigsten und komplettesten Edge Defender dieser Klasse. An den wenigen Schwächen lässt sich arbeiten, weshalb ich seinen möglichen Horizont sogar noch höher beschreiben möchte, als den von Chase Young. 

Yetur Gross-Matos, Penn State

Den 22-jährigen Gross-Matos zog es von Virginia ins “Happy Valley” an die Penn State University. Dort entwickelte sich der Edge Verteidiger über drei Jahre zum Starter und wurde im letzten Jahr in das First-Team All-Big Ten gewählt.

In seinen letzten 24 Spielen für die Nittany Lions erzielte er 94 Total Tackles (davon 34,5 for Loss), 17 Sacks und forcierte zwei Fumbles. Der 1,96 Meter große und 121 Kilogramm schwere Defensive End versteht sich darauf, seinen langen Körper exzellent einzusetzen. Dazu besitzt er eine krasse Armlänge von fast 90 Zentimetern. 

Stärken

Am College hat er sich stetig verbessert, weil er seine Athletik mit weiteren Fähigkeiten verbunden hat. Flexibel in den Hüften und Gelenken geht er Gegenspieler gern frontal an, um dann mit kräftigen Moves spritzig und leichtfüßig dem Blocker zu entweichen. Spielerisch leicht bringt Gross-Matos seine Gegenspieler mit tiefen Rushes um die Ecke aus der Balance. Seine Körperbeuge ist beeindruckend. In vielen Situationen kann er allein damit konstant gewinnen.

Er legt viel Kraft in seine schnellen Pass Rushes. Dadurch kann er auch die Innenschulter des Offensive Tackles angreifen. Das darf alles noch gern kompakter bei ihm werden, um noch mehr Produktivität aus seinen Rushes herauszuholen. Aber er ist bereits jetzt ein qualitativer Starter als 4-3 Defensive End. 

Gross-Matos hat sein Arsenal prächtig erweitert. Nun gilt es alles feiner auszuarbeiten. Twists, Stunts, sowie Rip-and-Dip Moves trägt er kontinuierlich vor, um auf verschiedenen Wegen zum Quarterback zu gelangen. Dank einer gehörigen Portion Athletik ist er darin schon sehr effektiv.

Gross-Matos kann seinem effektiven und spritzigen Pass Rush vertrauen und geht deshalb behutsam beim Snap vor. So wird er von plötzlichen Laufversuchen nicht überrascht. Gegen kräftige Run Blocker kann er sogar Gaps weiter innen konsequent halten und Raumgewinne des Gegners mit gehörigem Tackling Radius verkürzen.

Schwächen

Das größte Problem habe ich mit seiner Planlosigkeit. Was nützt es ein großes Arsenal an Techniken mit krasser Athletik und Power zu verknüpfen, wenn du einfach nicht weißt, in welchen Situationen welcher Move am besten geeignet ist. Zu oft bleibt er unnötig stecken. Seine Spielerkennung ist obendrein kaum entwickelt.

Für einen Spieler seiner Größe und Masse rushed Gross-Matos wahnsinnig schnell und beweglich. In Coverages zurück droppen sieht dann schon viel steifer und langsamer bei ihm aus. Aber ehrlich gesagt, möchte ich ihn auch gar nicht erst von der Line of Scrimmage abziehen, so gefährlich wie er dort bei allen Downs sein kann.

Bewertung

Als 4-3 Defensive End kann Yetur Gross-Matos sofort in der NFL bei allen Downs starten. Entwickelt er seine Spielerkennung und setzt sein Talent geplanter ein, kann er sich von einem soliden Edge Defender zu einem Spiel verändernden Top-Spieler entwickeln. Seine Athletik, Beweglichkeit und vorhandene Power sind außergewöhnlich in dieser Mischung. Jetzt müssen seine neuen Coaches das Paket nur noch festzurren. 

Die Top Ten der diesjährigen Edge Verteidiger

  1. Chase Young, Ohio State
  2. K’Lavon Chaisson, LSU
  3. Yetur Gross-Matos, Penn State
  4. Julian Okwara, Notre Dame
  5. Joshua Uche, Michigan
  6. Zack Baun, Wisconsin
  7. A.J. Epenesa, Iowa
  8. Darrell Taylor, Tennessee
  9. Curtis Weaver, Boise State
  10. Jabari Zuniga, Florida

Höher als bei Anderen: Curtis Weaver, Boise State

Weaver ist gewiss nicht so athletisch wie andere Talente auf seiner Position. Manche Fragen kommen zusätzlich auf, weil er bisher “nur” gegen Group-of-Five Tackle gespielt hat. Aber ich habe seit Khalil Mack keinen Spieler außerhalb der Power-5 Colleges erlebt, der an der Line of Scrimmage so dominiert hat, wie er.

Gerade in klaren Pass-Situationen kann Weaver anfangs für Furore sorgen. In der Feinheit seiner Techniken steht er sogar einem Chase Young in nichts nach. Zwar fehlt es am Komplettpaket. Aber die Vielseitgkeit für unterschiedliche Techniques wird Angriffsreihen bei 3rd-Downs vor eine Herausforderung stellen. 

Tiefer als bei Anderen: A.J. Epenesa, Iowa

In einer eher durchschnittlichen Edge Verteidiger Klasse werden manche Namen einfach größer geschrieben, als sie es verdient haben. Zwar kann er Teams durch seine Vielseitigkeit beeindrucken. Aber er war eigentlich nie ein dominanter Pass Rusher am College. Das ist nun einmal seine Hauptaufgabe.

In ersten Runden möchte man eigentlich einen konstanten und produktiven Starter draften. Epenesa erfüllt dieses Profil nicht. Ohne besonderen Speed oder Körperbeuge in seinem Repertoire, sollte er ein bemerkenswert guter Techniker sein. Gegen technisch versiertere Tackle bei den Profis gilt er da aber nicht mehr als besonderes Talent.

Neben der Top Ten und allen voran Chase Young, gibt es weitere interessante Talente für die Defensive Line. Solltest Du Fragen zu den Prospects haben, erreichst Du mich am besten über Twitter und per Mail: draftnerdde@gmail.com