Vom Top Ten Talent und potentiellen All-Pro über einige interessante Spieler an Tag Eins im Draft werden Teams auch in der Nacht von Freitag auf Samstag noch einige Verstärkungen für ihre Defensive Line finden. Lasst uns direkt einen Blick auf die besten zehn Prospects vagen. 

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Derrick Brown, Auburn

Nach der abgelaufenen Saison wurde Derrick Brown mit der Lott IMPACT Trophy geehrt. Diese geht an den besten Defensiv-Spieler auf und neben dem Platz. Denn zu den Kriterien Leistung und Hartnäckigkeit, gesellen sich zudem Integrität, Reife, akademische Leistungen und Gemeinschaftssinn. Außerdem gehört er zum First-Team All-American der vereinigten Presse.

In den letzten zwei Jahren produzierte der hochdekorierte Athlet in der Defensive Line der Auburn Tigers herausragende Statistiken. Über 100 Total Tackles (davon 23 for Loss), 8,5 Sacks und zwei Forced Fumbles. Mit 1,96 Metern Körpergröße und fast 150 Kilogramm Gewicht dürfte er in der NFL ebenfalls ein konstanter Störfaktor sein. Schwache Combine-Werte (8,22 Sekunden beim 3-Cone Drill) können seine Bewertung eigentlich nicht schmälern. Dass Brown nicht zu den beweglichsten Talenten der ersten Runde gehört, dürfte allen Scouts auch vorher klar gewesen sein.  

Stärken

Die meisten Teams suchen nicht mehr nach Nose Tackles und Defensive Tackle. Sie wollen einen vielseitigen Defensive Linemen draften, der kreativ unterschiedliche Gaps effektiv bespielen kann. Brown erfüllt genau dieses moderne Profil für die NFL. Er kann bereitwillig mit den verschiedensten Aufgaben betraut werden. Der Alleskönner wird unabhängig von Schemes bei allen Teams ganz weit oben auf den Boards stehen. Selbst wenn er für die meisten Franchises unerreichbar sein wird.

Wenn ich nur allein seinen Antritt nach dem Snap bewerte, kann ich schon eine Prognose für einen effektiven sofortigen NFL Starter abgeben. Damit wird er auch professionelleren Gegenspielern gewaltige Probleme bereiten. Druck wird er so konstant auf die Line ausüben, selbst wenn er nicht zum Sack durchkommt. Er schießt förmlich in die Gaps und zwingt innere Offensive Linemen sofort zu reagieren.

Selbst Double Teams haben Brown am College wenig beeindruckt. Gegen sie lässt er sich nicht abdrängen, dank seiner unglaublich kräftigen Kraftübertragung aus dem Unterkörper. Power Runner fallen selten noch nach vorn, wenn sie mit ihm in Kontakt geraten. Er scheint nicht von dieser Welt, wenn er den Blocker aufnimmt und konstant mit seiner Beinarbeit durch ihn durcharbeitet. Mit dieser Rammbock-Mentalität kann er zusätzlich manche technische Unreinheiten ausgleichen und das Matchup trotzdem gewinnen.

Präzise und kraftvolle Schläge verknüpft er mit einem unnachahmlichen Antritt. Damit raubt er dem Offensive Linemen im Run Blocking das Momentum und kann in der Passverteidigung blitzschnell zum Quarterback durch huschen. Brown verfügt dabei über verschiedene Techniken und versteht sie kontrolliert einzusetzen. Er wird zu einem ernsten Problem für gegnerische Spielmacher, da man immer damit rechnen muss, dass er unmittelbar nach dem Snap bereits im Gesicht des Quarterbacks auftaucht.

Brown ist in der Lage sich bei Laufspielzügen um den Gegenspieler zu winden. So kann er seitlich entweichen und für frühe wichtige Tacklings sorgen. Seine Gaps verteidigt er so konstant und effektiv. Er lässt sich nicht zurückdrängen und kontrolliert mit kräftigen Schlägen und Beineinsatz die Blocker. Ich habe nicht erlebt, dass es einem Matchup einmal gelungen ist, ihn nach hinten zu biegen, um ihn aus der Balance zu bringen.

Schwächen

Es sind gewiss andere Fähigkeiten, die bei Brown imponieren und ihn zu einem Top Ten Talent machen. Im Run Blocking kann er sich zwar gut positionieren und in die Run Lane zurückarbeiten. Aber mit seiner fehlenden Agilität beeindruckt er im Pass Rush niemanden. Wäre da nicht seine Power, Ausdauer und Spritzigkeit, hätte ich wirklich ein Problem damit. Aber so lange er konstant Wege findet, Druck auszuüben, habe ich keine Probleme damit. In der Laufverteidigung kann eine gewisse Steifheit ja sogar von Nutzen sein.

Bewertung

Als Two-Gap Verteidiger oder Gap Shooter in einer 3-4, 4-3 oder gemischten Front können NFL Teams von Derrick Brown alles verlangen. Er ist eine vielseitige Allzweckwaffe, die konstant an der Line of Scrimmage gewinnen wird. Der sofortige Starter bringt Potenzial zum All-Pro mit. Mit explosivem ersten Schritt, hervorragender Kraftübertragung und Handtechniken dominiert er seine Gegenspieler. Der instinktive und ausdauernde Defensive Linemen bietet das Komplettpaket.

Javon Kinlaw, South Carolina

Der nächste First-Team All-American auf meiner Liste ist Javon Kinlaw. Zunächst profilierte sich der 22-jährige am Junior College, ehe er 2017 an die University of South Carolina wechselte. Abgesehen von den fast identischen Körpermaßen, gibt es dann aber keine weiteren Gemeinsamkeiten zu Derrick Brown. 

Stärken

In den letzten Wochen kletterte Javon Kinlaw unaufhaltsam die Big Boards hinauf. Der vielseitige athletische Defensive Linemen ist spätestens seit der Trainingswoche rund um den Senior Bowl in aller Munde. Teams suchen solche seltenen Allzweckwaffen an der Line of Scrimmage. Kinlaw kann kreativ mit unterschiedlichen Aufgaben betraut werden und erfüllt damit das händeringend gesuchte Profil.

Kinlaw ist gewiss kein Balletttänzer. Aber bei über 140 Kilogramm Körpermasse kann das auch niemand verlangen. Dafür bewegt er seine Pfunde aber relativ agil durch die Gaps und kann auf kurze Cuts von Runningbacks antworten. Dabei muss er nicht zu hoch im Pad Level stehen und verliert so keine Power in den Reps. Größere Richtungswechsel geht er auch ganz ordentlich mit.

Was mir besonders bei Javon Kinlaw auffällt, ist seine wunderbare Athletik für das nächste Level. Wenn er beim Snap los schießt, muss der Gegner erstmal ein Matchup bieten, dass seinem Antritt gewachsen ist. Sicherlich sein größter Trumpf ist die Spritzigkeit, die er beim Snap und im fortwährenden Prozess in der Laufverteidigung oder im Pass Rush aufbietet. Ein Mann seiner Größe darf sich eigentlich nicht so schnell bewegen.

Der athletische Freak paart seine Techniken mit einem hohen Maß an purer Körperkraft. Was will man mehr an einem Defensive Linemen, der es versteht seine Kraft konstant über seine Beinarbeit auf das Feld zu übertragen. Da steht er Derrick Brown in nichts nach und wird ebenso als Two-Gap Defender und gegen Double Teams gewinnen können.

Verschiedene Techniken im Pass Rush können auch einem athletischen College Spieler helfen. Zum Glück ist dies Javon Kinlaw bewusst. Daher hat er bereits unterschiedliche Handeinsätze entwickelt. Dies macht ihn zum kompletten Allrounder. Denn wer seine langen Arme auch noch einzusetzen weiß, gewinnt konstant seine Matchups. Auch wenn er nicht die meisten Sacks erzielt, wird Kinlaw ein konstanter Störfaktor an der Line of Scrimmage sein und immer für Druck sorgen.

Schwächen

Gegen so genannte kraftvolle Big Mauler verliert Kinlaw in der Laufverteidigung an Boden und kann sich nur schwer wieder in sein Gap zurückkämpfen. Hat er sich für eine Richtung entschieden, verliert er die Balance, will er korrigieren.  Es ist daher entscheidend wie gut er am Anfang seiner Karriere bereits den gegnerischen Plan vor dem Snap lesen kann. Dann kommt seine Schwäche hierin gar nicht erst auf.

Bewertung

Bevorzugt möchte ich Javon Kinlaw als 3-technique Verteidiger in der NFL sehen. Da profitiert sein Team am meisten von seiner Athletik, Spritzigkeit und Power. Er wird dort sofort Einfluss auf den gegnerischen Plan nehmen. Als reiner Nose Tackle fehlt mir die nötige Körperkontrolle, um sich in Reps zurück zu kämpfen. Der vielseitige und technisch versierte Defensive Linemen wird sofort bei seinem neuen Team starten können und konstant Druck an der Line of Scrimmage erzeugen.

Ross Blacklock, TCU

Blacklock schlug sofort am College ein und wurde sogleich ins Freshman All-American Team gewählt. Das zweite Jahr verpasste er leider aufgrund einer Achillessehnenverletzung. Auch im vergangenen Jahr waren die Folgen dieser schweren Verletzung noch spürbar. Dennoch schaffte er 40 Total Tackles, davon neun for Loss und 3,5 Sacks. Belohnt wurde er dafür mit der Ernennung zum First-Team All-Big 12.

Mit 1,91 Meter und 132 Kilogramm ist er ein Stück kleiner und leichter als die Herren Brown und Kinlaw, dafür aber auch weitaus beweglicher. 

Stärken

Zunächst tanzt er den Gegenspieler aus, um dann mit kräftigen Schlägen endgültig vorbeizuziehen. Dies erledigt er alles blitzschnell. Damit gewinnt der bewegliche Allrounder konstant auch gegen athletische und technisch reife Matchups. Nie muss er dafür zu hoch im Pad Level stehen oder sich zu weit strecken. Seine atemberaubenden Richtungswechsel machen oft den Unterschied.

Bei seinem Antritt offenbart Blacklock ein faszinierendes Potential als Pass Rusher. Der spritzige Defensive Linemen ist eine echte Bedrohung für den gegnerischen Quarterback. Er umkurvt eng seine Matchups und bestraft unerbittlich jegliche Hüftsteifheit des Gegenspielers. Mit schnellen seitlichen Richtungswechseln, bringt er sein Matchup aus der Balance. Viele Offensive Linemen können das einfach nicht matchen. Eine Achillessehnenverletzung aus 2018 beinträchtigte ihn noch dazu in der letzten Saison. Er könnte also mit weiterer Regeneration noch spritziger auf dem Feld agieren.

Blacklock spielt sehr tief und pushed mit kräftigen Armschlägen durch seine Matchups. Er verlässt sich dabei auf seine exzellente Kraftübertragung aus den Beinen. Die gefährliche Mischung aus Spritzigkeit und Beweglichkeit paart er mit purer Kraft. Es gibt schlichtweg keine Möglichkeit der Offensive Line, den kompletten Spieler konstant auszuschalten.

Rips und Pulls erfolgen flüssig, kräftig und gut getimet. Er versteht sich darin, den Gegner im richtigen Moment anzugehen, um ihn abrupt aus der Balance zu bringen. Bisher genügen dazu diese beiden Pass Rush Moves. Für die Zukunft kann der athletische Defensive Linemen gewiss noch an weiteren Techniken arbeiten.

In der Vorwärtsbewegung verliert er nie die Kontrolle und lässt sich von keinem Matchup wegblocken. Zwar wurde er damit nie konfrontiert. Aber Blacklock ist damit durchaus eine Two-Gap Rolle zuzutrauen. Er wird gekonnt auf Richtungswechsel reagieren können. Denn er spielt gern auf engstem Raum gegen den Lauf und im Pass Rush und überragt hier mit seiner bemerkenswerten Agilität.

Schwächen

Er hat am College stets als 3-Technique Defensive Tackle gespielt. Nur selten wurde er mit Two-Gap Kontrolle betraut. Diese Reps sahen dann aber sehr vielversprechend aus. Arbeitet er vor allem an der Spielerkennung wird er als zentrale Figur in der Laufverteidigung verlässlicher. Seine Anlagen als vielseitiger Defensive Linemen sind vielversprechend. Ihn lediglich auf eine Rolle als Gap Penetrator im Pass Rush zu reduzieren, wird Blacklock nicht gerecht. 

Bewertung

Ross Blacklock bringt alle Anlagen mit, um in der NFL ein vielseitiger Defensive Linemen zu sein. Unabhängig vom Schema kann er in Zukunft kreativ in verschiedenen Techniques eingesetzt werden. Bringt er seine Spritzigkeit, Power und Beweglichkeit mit verbesserter Spielerkennung vor dem Snap zusammen, wird er ein einflussreicher Spieler an der Line of Scrimmage werden. Zunächst kann man ihn als reinen Gap Shooter einsetzen und erhält einen gefährlichen Pass Rusher in der inneren Defensive Line, bevor man ihn mit größeren Aufgaben betraut.

Die besten zehn Talente für die Defensive Line

  1. Derrick Brown, Auburn
  2. Javon Kinlaw, South Carolina
  3. Ross Blacklock, TCU
  4. Neville Gallimore, Oklahoma
  5. Jordan Elliott, Missouri
  6. Marlon Davidson, Auburn
  7. Rashard Lawrence, LSU
  8. Davon Hamilton, Ohio State
  9. Larrell Murchison, NC State
  10. Justin Madubuike, Texas A&M

Höher als bei Anderen: Rashard Lawrence, LSU

Biss und Wille sind häufig unterbewertete Eigenschaften. Dabei hat Lawrence die Mentalität sich in jedes noch so schwere Matchup hinein zu kämpfen. Der Führungsspieler kann damit so manches athletisches Defizit kompensieren. Im Pass Rush fällt er im Vergleich mit anderen Talenten für die Defensive Line doch ein ganzes Stück zurück.

Spieler, wie er, sind dagegen äußerst ausdauernd und übernehmen die Drecksarbeit. Konstant gegen Double Teams arbeiten, wird Lawrence bei seiner Einstellung dennoch unaufhörlich arbeiten. Das wird seiner gesamten Line eine große Unterstützung sein. 

Tiefer als bei Anderen: Justin Madubuike, Texas A&M

Madubuike ist längst nicht so vielseitig einsetzbar, wie andere Prospects dieser Klasse. Für NFL Teams wird dies allerdings immer wichtiger. Dazu ist er wenig ausdauernd. Zwar erlebte ich im Tape herausragende und athletische Reps im Pass Rush, bei denen er kaum zu verteidigen war. Jedoch trägt er das nicht konstant und mit längerem Spielverlauf immer seltener vor. Ähnlich ist es bei seinem kräftigen Handeinsatz.

Neben der Top Ten, gibt es weitere interessante Talente für die Defensive Line. Solltest Du Fragen zu den Prospects haben, erreichst Du mich am besten über Twitter und per Mail: draftnerdde@gmail.com