Offensive Guards oder Center in der ersten Runde zu draften war noch nie populär. Bei Garrett Bradbury und allen voran Quenton Nelson hat das aber definitiv Sinn ergeben. 2020 müssen Teams aber aufpassen, dass sie nicht zu früh für einen der ordentlichen Offensive Linemen picken müssen.

Hat ein Roster nach der Free Agency immer noch eine deutliche Lücke auf Guard oder Center, sehe ich das bei dieser dünnen Klasse als sehr kritisch an. Spieler zur Entwicklung sind ab dem zweiten Tag hingegen genug da. 

Cesar Ruiz, Michigan

Mit acht Jahren verstarb sein Vater bei einem Verkehrsunfall. Seitdem plagten ihn in der Kindheit öfter Depressionen. Die Liebe zum Football, so sagt er, habe ihn letztendlich diese Tragödie überwinden lassen. An der High School verhalf er seinem Team zu zwei aufeinanderfolgenden Saisons ohne Niederlage.

So kam er als bester Center-Rekrut an die University of Michigan nach Ann Arbor. In seinem ersten Jahr lief er noch als Guard auf, ehe er danach auf Center wechselte und in jedem Spiel startete. Der 1,93 Meter große und 144 Kilogramm schwere Ruiz kann auf beiden Positionen eingesetzt werden und wird zum Draft erst 20 Jahre alt sein. 

Stärken

Konstant dominiert Ruiz leichtere Matchups und schafft freie Linien durchs A-Gap. Blitzende Linebacker absorbiert er mit seinem stabilen Körper. Sie zerschellen förmlich an seinem Pad. Interior wird er zudem gegen die ganz schweren Brocken häufig in Double Teams blocken. Da sehe ich also gar keine Probleme, was seine Physis angeht.

Der dreijährige Starter hat am College stetig seine Techniken erweitert und verfeinert. Er war der Kopf seiner Offensive Line und callte die Protections und signalisierte die Blitzes. Über Stunts oder Blitzes wurde eine der besten Fronts des Landes praktisch nie überrumpelt. Das lag zum großen Teil an seinem großartigen Spielverständnis. In der NFL wird er ein neues System voraussichtlich zügig umsetzen können.

Platzierte und kräftige Schläge gehen zum richtigen Zeitpunkt an das Pad seines Gegenspielers. Auf engstem Raum bleibt er so der aktive Part im Pass Blocking. Er bleibt stets vor seinem Gegner und lässt ihn nicht vorbei. Für Defensive Linemen gibt es nur den Weg, durch ihn hindurch. Mit Swim und Rip Moves lässt sich Ruiz auch nicht aufs Kreuz legen.

Anmerken möchte ich vor allem seine flüssigen Hüftbewegungen. Generell ist er sehr spritzig im Unterkörper. Er kommt nach dem Snap sehr zügig in die Blöcke und weist keinerlei athletische Limitierungen auf. Der weiteren technischen Verfeinerung seiner Anlagen wird seine Mobilität und Athletik helfen. 

Er bringt für das Laufspiel alles mit, was man von einem vielseitigen Center erwartet. Der verlässliche Puller geht auch selbstbewusst ins zweite Level vor und kann sowohl in Power Run als in Zone Blocking Schemata eingesetzt werden. Anmutig und kraftvoll bricht er konstant Löcher für seine Runningbacks auf. Nochmal sei es gesagt. Der Junge ist erst 20 Jahre alt.

Schwächen

Ruiz hat wirklich eine bemerkenswerte Entwicklung in den letzten Jahren vollzogen. Seine Beinarbeit ist sauber, allerdings noch inkonstant. Da benötigt er automatisierte Abläufe. Mit mehr Erfahrung sollte das von allein kommen. Einem frühen Start steht zumindest jetzt bereits nichts im Wege.

Verbessert er wie bisher weiter seine Beinarbeit, wird Ruiz ein beeindruckender Pass Protector. Er lässt sich längst nicht mehr beim ersten Kontakt aushebeln. Den Anker wirft er jedoch immer noch inkonstant. Manchmal setzt er für den entscheidenden Moment die Füße zu eng und schon ist es um ihn geschehen.

Bewertung

In einer soliden Draftklasse für innere Offensive Linemen gehört Cesar Ruiz für mich zu den besten Talenten. Der kräftige und leichtfüßige Center kann in unterschiedlichen Systemen glänzen und ist ein verlässlicher Beschützer für seinen Quarterback. Seine Techniken sind bereits entwickelt und können dank hervorragender Athletik noch weiter verfeinert werden. Der 20-jährige wird möglicherweise sofort in der NFL starten können und schnell zum Kopf seiner Offensive Line reifen. 

Tyler Biadasz, Wisconsin

Nach einem Redshirt Jahr wurde Tyler Biadasz ab dann immer als Starter eingesetzt. Er entwickelte sich im ersten Jahr zum Dreh- und Angelpunkt einer der erfolgreichsten Offensive Lines des Landes. Zum Freshman des Landes in 2017 ernannt, verhalf er Jonathan Taylor 2018 zu 2.194 Rushing Yards. Dazu erhielt Biadasz als erster “Dachs” in der Geschichte der University of Wisconsin, die Ehrung zum besten Center des Landes.

Stärken

Technisch holt er alles aus seiner eingeschränkten Athletik heraus. Nie aufhörende Schritte übertragen die Kraft aus dem Unterkörper bis in die Fingerspitze seiner wuchtigen Schläge. Biadasz initiiert und gewinnt in der Regel den ersten Kontakt mit dem Verteidiger.

Prächtig hat Biadasz seinen Football-IQ entwickelt. Am College ließ sich in den letzten Jahren kein sicherer Center finden. NFL Teams werden davon gewiss überzeugt sein. Dazu sprechen Insider überall von seiner hervorragenden Arbeitsmoral und Qualität als Führungsspieler. In Sachen Spielerkennung war er der Kopf seiner Offensive Line und wird auch bei den Profis das Schema zügig adaptieren.

Biadasz beeindruckt vor allem mit seiner exzellenten Beinarbeit. Auf Überraschungen der Defensive Front reagiert er blitzartig. Man scheint ihn nie aus der Ruhe bringen zu können. Konstant bringt er sich in die beste Position zum Blocken. Darauf kann er vertrauen und das ist die wichtigste Eigenschaft eines zukünftigen NFL Starters auf der Center Position.

Ich kann es nicht oft genug erwähnen. Biadasz ist ein hervorragender Techniker. Das hört auch im Oberkörper nicht plötzlich auf. Kräftig und gezielt geraten wohl getimete Schläge ans gegnerische Pad. Dazu bestreitet er auch Double Teams bereits sehr fein. Er ließ am College praktisch keinen Druck durch die Mitte zu. Im letzten Jahr erlaubte er nur einen Sack bei fast 400 Passversuchen seiner Offense. NFL Teams müssen selbst entscheiden, ob er gegen athletische Matchups trotz fehlender Körperlänge ähnlich effektiv bleibt.

Schwächen

Im Unterkörper stimmt hier alles, auch wenn ich sein athletisches Set eher als solide bezeichnen möchte. Es ist doch mehr die Technik und der Wille die ihn spritziger und flüssiger erscheinen lassen, als er es eigentlich ist. Dadurch ist er konstanter als andere, aber eben auch nicht überwältigend. Vor allem begrenzt ihn seine geringere Körper- und Armlänge gegenüber anderen Talenten auf der Position des Centers. 

In einem Zone Blocking Schema wird er häufig Double Teams bestreiten und darf ins zweite Level vorgehen. Hierin liegt eindeutig seine Stärke. Ich sehe nicht, wie Biadasz konstant und über längere Blocks ein einzelnes Matchup vor sich hertreibt. Mit kürzeren Armen muss er da zu sehr auf Tuchfühlung zum Gegner gehen. Lang gezogene Blocks sind da fast nicht möglich.

Bewertung

Nachdem er vor dem letztjährigen Draft als Top Prospect bei den Linemen gehandelt wurde, wird sein Name mittlerweile leiser ausgesprochen. Tyler Biadasz stellte sich in den Dienst seiner Wisconsin Badgers, konnte aber die großartigen Leistungen der Vorjahre nicht bestätigen. Angeblich soll er das ganze Jahr angeschlagen gespielt haben. Dennoch wäre ich vorsichtig und möchte den kompetenten Spieler erst ab der zweiten Runde draften. Er hat das Potenzial eines hochklassigen Starters, birgt jedoch ein hohes Risiko und ist athletisch limitiert. 

Lloyd Cushenberry III, LSU

Der 22-jährige ehemalige Starting Center der Louisiana State University wurde im ersten Jahr als Guard eingesetzt, um sich bei Kurzeinsätzen erste Sporen zu verdienen. Der Wechsel ins Zentrum bescherte ihm dann den endgültigen Durchbruch. Er startete ab diesem Zeitpunkt in jedem Spiel und entwickelte sich zum absoluten Führungsspieler in seinem Team. Sein zentraler Einfluss auf den Gewinn der Nationalen Meisterschaft war der krönende Abschluss einer großartigen College Karriere. 

Stärken

Bei vielen Teams ist noch nicht klar, ob sie eher einen Guard oder Center suchen. Cushenberry bringt die Erfahrung und Vielseitigkeit für beides mit. Da er das Spiel hervorragend verarbeitet, zählt er zu den Talenten, die auf jeden Fall in der Mitte starten können. Athletische Profis setzt man dafür gern auf der Guard Position ein.

Scouts erleben selten einen so gelenkigen und beweglichen inneren Offensive Linemen wie Cushenberry. Technische Matchups besiegt er mit wendigen seitlichen Bewegungen. Schnelle Gegner übertrumpft er mit ebenfalls sehr schnellem Spiel und Antritt. Massive Verteidiger versucht er direkt beim ersten Kontakt zu schlagen. 

Coverage from the 1st Day of 2020 Senior Bowl | Saints Afternoon Wrap

Er erfüllt seinen Job gegen jegliche Pass Rusher. Trotz technischer Aussetzer beweist Cushenberry stets Starter-Qualität. Am College war er ein konstanter Pass Protector. Gegen athletische Matchups werden ihn nun Double Teams öfter unterstützen. So wird er zu Beginn dank seiner exzellenten Anlagen weniger Probleme haben als andere Talente seiner Klasse. Eine technische Weiterentwicklung ist dennoch anzuraten.  

In einem Zone Blocking Schema wird er in Zukunft häufige Run Blocks in Double Teams vortragen und kann bei seiner großartigen Beweglichkeit dann ins zweite Level vorgehen. Nachteile in punkto Körperkraft wird er in solchen Schemata ausgleichen können. Bei Outside Runs kann er ebenfalls vor dem Ballträger den Weg freimachen. 

Schwächen

Das Herz hat er auf dem richtigen Fleck. Cushenberry legt wirklich alles in jeden seiner Blockversuche, weil er nicht zu den kräftigsten Spielern zählt. Ausdauernd gewinnt er trotzdemim letzten Quarter noch konstant gegen frische Rotationsspieler. Im Gesamtpaket wird er über ein Spiel jede Art von Gegner bespielen können. 

Cushenberry bewegt sich spritzig und mit starkem Antritt. Seine Beinarbeit ist hierbei jedoch inkonstant. Dank hervorragender Athletik konnte er Fehler bisher ausmerzen und dominant unterschiedliche Matchups besiegen. 

Ähnlich ist der Fall auch im Oberkörper gelagert. Deplatzierte Hände lassen ihn gelegentlich vom gegnerischen Pad abrutschen. Gerade massige Gegenspieler werden solche Fehler in Zukunft bestrafen und blitzartig zum Quarterback durchrutschen. Dabei ist Cushenberry, wenn er die Arme präzise einsetzt, ein kaum überwindbarer Offensive Linemen.

Bewertung

Cushenberry bringt dieses seltene Paket aus Beweglichkeit, Körperkontrolle, Spielintelligenz und Spritzigkeit mit in die NFL. In einem Zone Blocking Schema wird er vom ersten Tag an starten können. Technisch kann er nur weiter reifen und über die ersten Jahre immer konstanter und effektiver werden. 

Meine zehn besten inneren Offensive Linemen

Zur Erklärung möchte ich hinzufügen, dass es sich um ein Postion Ranking handelt. Mit meiner prognostizierten Reihenfolge, in der die Spieler letztendlich ausgewählt werden, hat das nichts zu tun. Hier soll die Bewertung ihres Talents im Vergleich zur Konkurrenz abgebildet werden.

  1. Cesar Ruiz / Guard und Center, Michigan
  2. Jonah Jackson / Guard und Center, Ohio State
  3. Tyler Biadasz / Center, Wisconsin
  4. Lloyd Cushenberry III / Guard und Center, LSU
  5. Shane Lemieux / Guard, Oregon
  6. Nick Harris / Center, Washington
  7. Ben Bredeson / Guard, Michigan
  8. Matt Hennessy / Center, Temple
  9. Robert Hunt / Guard, Louisiana
  10. Netane Muti / Guard, Fresno State

Höher als bei Anderen: Jonah Jackson, Ohio State

Ich habe nur wenige innere Offensive Linemen in den letzten Jahren gesehen, die ihre Hände so sauber und effektiv einsetzten und so ausbalanciert spielen, wie Jonah Jackson. Für mich zählt er zu den besten Pass Protectors im Draft und erlaubte am College praktisch keinen Sack seines Quarterbacks.

Jackson spielte aber erst für Rutgers und dann für die Ohio State. Ich erwähne nicht zum ersten Mal, dass dieses Kriterium schwach wenn nicht unnötig ist. Im Draft geht er dann am frühen Tag 2 und alle reiben sich die Augen. Dabei sollten Fans seines neuen Teams diesen Pick an der Stelle feiern. 

Tiefer als bei Anderen: Matt Hennessy, Temple

Hennessy gilt bei vielen als “sicherer Center” und sofortiger “Plug’n’Play Starter”. In einer West Coast Offense will ich ihm das auch gar nicht absprechen. Jedoch fehlt ihm einmal der nötige Anker und die Kraft, um massive Defensive Linemen längere Zeit aufzuhalten und zur weiteren Entwicklung ist für mich kein Potential vorhanden.

Teams mit besonderem Need auf der Position, die sich bessere Talente vor der Nase wegschnappen lassen haben, werden ihn holen und ihn auch gleich starten lassen. Doch nicht jeder sofortige Starter, hat auch Qualität. Lange gebe ich ihm nicht in der NFL. Matt Hennessy ist eine Übergangslösung, die nicht so früh gedraftet werden sollte, wie ich es befürchte.

Neben der Top Ten, gibt es weitere interessante Talente unter den Offensive Linemen. Solltest Du Fragen zu den Prospects haben, erreichst Du mich am besten über Twitter und per Mail: draftnerdde@gmail.com