Die Tight End Klasse mit wenigen Lichtblicken

Wir haben mittlerweile März und der NFL Draft rückt immer näher. Der Combine liegt hinter den Prospects und momentan laufen die Pro Days der einzelnen Colleges. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Deshalb lass mich gar nicht lang ausholen und mit meinem Ranking der Tight Ends beginnen.

Drei Talente stelle ich Dir im Profil vor, bevor ich auf Besonderheiten meiner Rangliste im Vergleich zu den populären Insidern eingehe. 

Cole Kmet, Notre Dame

Erst in der abgelaufenen Saison entwickelte sich der Junior zum vollwertigen Starter und überraschte viele Beobachter mit seiner Anmeldung zum nächsten Draft. Der schwache Jahrgang auf seiner Position ließ ihn wohl zu diesem Schritt bewegen. Er ist 1,98 Meter groß und wiegt 119 Kilogramm. Für Notre Dame lief er auch als Basketballer auf. Daher wunderte es niemanden, dass er sich beim Combine zu einem 37 Inches Vertical Jump hochschrauben konnte.  

Stärken

Dank einer ausgereiften Hand-Augenkoordination fängt Kmet alles was in seine Richtung geworfen wird. Konstant und sicher erfüllt er alle Anforderungen, die man an einen zuverlässigen Passempfänger stellt. In kritischen Situationen gibt es keinen Abbau seiner Fähigkeiten,

An der Notre Dame wurde er als klassischer Tight End aufgestellt und eingesetzt. Als In-Line Blocker oder Vorblocker war er sowohl in Pass Protections als auxch in Run Blocks eine sichere Bank. Mit aktiven Händen und guter Körperkontrolle behält er gegen unterschiedliche Matchups die Oberhand.

Furchtlos fliegt Kmet in Richtung Ball, wenn Pässe über die Mitte des Feldes geworfen werden. Viel Spaß wünsche ich jedem Verteidiger, der ihn physisch verteidigen will. Er frisst seine Gegner praktisch auf. Kmet hat die Mentalität, die es in der NFL für die Position braucht. 

In der Regel als klassischer Tight End aufgestellt, läuft er auch vornehmlich die typischen Tight End Routen. Überraschenderweise gibt es immer wieder gelegentliche Snaps in der Slot oder auf der Außenbahn. Dort lässt er Gegner mit flüssigen Bewegungen ebenfalls aussteigen.

Er erfüllt alle Anforderungen an einen In-Line Blocker und Tight End. Er ist technisch ausgereift, hat ein Gespür für die richtige Option Route und sein Quarterback findet ihn stets in freien Räumen, wo er ihn auch erwartet. Kmet ist ein durchweg zuverlässiger Spieler.

Der vielseitige Tight End spielt natürlich am liebsten auf seiner bevorzugten Position an der Offensive Line. Jedoch kann er genauso in der Slot, auf der Außenbahn oder als H-Back im Backfield aufgestellt werden.

Schwächen

Kmet ist ein grundsolider Athlet. Besondere Artistik wird er beim Catch nicht liefern, enttäuscht aber auch niemanden. Er ist ein klassischer Tight End, der als In-Line Blocker aufgestellt wird und gelegentlich auf mittleren Routen über die Mitte angeworfen werden kann. Nach dem Catch findet Kmet aufgrund fehlender Explosivität jäh sein Ende. Das ist alles wenig inspirierend was er da anbietet. Er versucht gar nicht erst Tacklings zu brechen oder zügig den Blick ins offene Feld zu wagen.

Bewertung

Kmet ist keine explosive athletische Granate auf dem Feld. Er übernimmt die gefährliche Arbeit auf mittleren und kurzen horizontalen Routen und dürfte sich als klassischer Tight End schnell als Starter in der NFL durchsetzen. Sucht ein Team das Komplettpaket, ist es bei ihm an der richtigen Adresse. In einer schwachen Tight End Klasse ist Kmet einer der wenigen Lichtblicke.

Brycen Hopkins, Purdue

Der Red Shirt Senior wird beim Draft 23 Jahre Jahre alt sein. In vier Jahren kommt er auf 40 Einsätze, 16 Touchdowns und fast 2.000 Yards Produktion. Er ist 1,93 Meter groß bei einem Gewicht von 111 Kilogramm. Jüngst wurde Brycen Hopkins zum All American Tight End des Jahres 2019 gekürt.

Stärken

Bei Catches in schwierigen Situationen beweist er seine großartige Athletik. Hopkins löst sich konstant gegen Zone Verteidiger und Manndecker. Er kann definitiv als Receiving Tight End eingesetzt werden. Die Passrouten werden selbstbewusst und energisch über die Mitte des Feldes durchgezogen. Hopkins hat dazu die nötige Härte und Furchtlosigkeit um das Zentrum zu bearbeiten.

Der bewegliche Tight End läuft einen vielfältigen Route Tree. Sowohl unter technischen als unter athletischen Aspekten gibt es nichts auszusetzen. Option Routes und Fakes gehören ebenfalls zu seinem Repertoire. Verzichtet man darauf ihn konstant an die Offensive Line zu stellen und holt mit Hopkins eher einen Split End in sein Team, kann er fokussiert die Lücken in der Verteidigung suchen und sein Matchup täuschen. 

Bevorzugt will man Hopkins in der Slot aufstellen. Gelegentliche Snaps als H-Back und Inline-Blocker machen ihn zu einem vielseitigen Prospect. Der Receiving Tight End kann unterschiedliche Mismatches erzeugen. Nach dem Catch wird Hopkins im offenen Feld richtig kreativ. Mit physischen Einlagen, Körpertäuschungen oder einem Stiff Arm schafft er es oft das erste Tackling zu brechen. Er fällt stets nach vorn und besitzt die Athletik und Übersicht um zielstrebig Richtung Endzone zu gelangen.

Schwächen

Grundsätzlich sichert Hopkins auch im Verkehr den Ball nach dem Catch vor gegnerischem Zugriff ab. Mit ausgestreckten Armen kann er physisch und groß am Catch Point die Pässe seines Quarterbacks fangen. Gelegentliche Unkonzentriertheiten führen jedoch zu unnötigen Drops.

Dann sollte er auch blocken können. Dabei gefallen mir seine Pass Protections weitaus besser als sein Run Blocking, was für einen College Tight End äußerst ungewöhnlich ist. Die Masse und Maße hat er für einen kompletten zuverlässigen Blocker im Laufspiel. Es hapert lediglich an der technischen Raffinesse.

Bewertung

Abgesehen von seinen inkonstanten Fanghändnen gibt es nichts an diesem athletischen Tight End auszusetzen. Brycen Hopkins sollte vorwiegend als Split End in der Slot aufgestellt und als Mismatch-Waffe eingesetzt werden. Dann gilt der spielintelligente Playmaker als sofortiger NFL Starter.

Hunter Bryant, Washington

Der Junior von den Washington Huskies ist 21 Jahre alt. Drei Jahre spielte er in 26 Einsätzen und kommt auf einen bemerkenswerten Durchschnitt von 16,4 Yards pro Catch bei 85 gefangenen Pässen. Er ist für einen Tight End mit 1,88 Meter relativ klein, wiegt dafür aber 112 Kilogramm. Besondere Sprungkraft konnte er beim Combine leider nicht beweisen. Im Vertical Jump schaffte er nur 32,5 Inches und bereitet Scouts neben mehreren Verletzungen in seiner College Karriere weitere Sorgen.

Stärken

In kritschen Situationen ist Bryant physisch am Catch Point und bietet eine verlässliche Anspielstation. Er fängt stets konzentriert und teils mit athletischen Einlagen alles, was für ihn erreichbar ist. Der furchtlose Receiver schreckt vor keiner Auseinandersetzung zurück. Er lässt sich bei Kontakt nicht aus der Wurflinie drücken und kann dort im direkten Zweikampf gewinnen.

Feines spritziges Route Running und Timing machen ihn zu einem gestandenen Receiving Tight End. Sein vielseitiger Route Tree erlaubt es ihm, auch als Wide Receiver eingesetzt zu werden. Er kreiert so gefährliche Mismatches. Bryant läuft Routen mit technischer Raffinesse. Dabei rennt er nicht blind durch die Verteidigungsreihen auf vorbestimmten Wegen, sondern behält seinen Quarterback im Auge. Er kann sich zügig frei laufen und ist ein Trumpf bei RPO Spielzügen.

Bryant kann überall auf dem Feld eingesetzt werden. Snaps in der Slot, In-Line oder gar als H-Back aus dem Backfield sind kein Problem für ihn. Mit einem vielfältigen Route Tree ausgestattet, kann er unterschiedlichen Verteidigern sehr gefährlich werden.

Schwächen

Die Blocking Schemen in denen Bryant eingesetzt wurde, waren recht simpel. Auch wenn er bisher seinen Job erledigt hat, wird er sich für die NFL hierin weiter entwickeln müssen. Bryant ist furchtlos, was ihn athletischer erscheinen lässt, als er es tatsächlich ist. Er spielt mit hohem Risiko für erneute Verletzungen.

Nach dem Catch ist er wenig beeindruckend im offenen Feld. Fehlende Athletik ist auch hier ein Hindernis. Ein explosiver Tight End kann er auf dem nächsten Level nicht werden.

Bewertung

Als Split End in der Slot kann Hunter Bryant vom ersten Tag an aufgestellt werden. Werden seine Grundlagen im Blocking weiterentwickelt, kann er zusätzlich In-Line aufgestellt werden. Die Mismatch-Waffe wird als dynamischer Receiving Tight End seinem neuen Team eine verlässliche und solide Anspielstation bieten.. Zu oft als Blocker aufgestellt, würde man ihm seiner Qualitäten als Passempfänger berauben.

Meine zehn besten Tight Ends

Zur Erklärung möchte ich hinzufügen, dass es sich um ein Postion Ranking handelt. Mit meiner prognostizierten Reihenfolge, in der die Spieler letztendlich ausgewählt werden, hat das nichts zu tun. Hier soll die Bewertung ihres Talents im Vergleich zur Konkurrenz abgebildet werden.

  1. Cole Kmet, Notre Dame
  2. Brycen Hopkins, Purdue
  3. Hunter Bryant, Washington
  4. Adam Trautman, Dayton
  5. Josiah Deguara, Cincinnati
  6. Cheyenne O’Grady, Arkansas
  7. Jacob Breeland, Oregon
  8. Jared Pinkney, Vanderbilt
  9. Dalton Keene, Virginia Tech
  10. Albert Okwuegbunam, Missouri

Höher als bei Anderen: Cheyenne O’Grady, Arkansas

Suchen Teams nach einem produktiven zusätzlichen Receiver in ihrer Offense und andere Dinge kommen zusammen, können sie mit Cheyenne O’Grady einen Steal landen. Der effektive Receiving Tight End kann Scouts aufgrund seiner bereits reifen Ausbildung oder Athletik eigentlich keine Sorgen bereiten.

Doch es gibt Auffäligkeiten abseits des Feldes. Alkohol am Steuer, Unzuverlässigkeiten bei Team-Meetings und Verlassen der Mannschaft vor Beendigung der letzten Saison, um nur ein paar zu nennen. Das alles wird seiner Bewertung zurecht Schaden. Bekommt ein Team das in den Griff, schnappen sie sich einen NFL-Starter.

Eigentlich hänge ich das Sozialverhalten eines Talents sehr hoch. In einer so schwachen Positionsgruppe, würde ich als NFL Team aber früher als gewöhnlich das Schicksal herausfordern. Es gibt bei O’Grady viele Fragezeichen abseits des Feldes. Aber warum sollte man es nicht mit ihm probieren, wenn sich im Draft fast nur Spieler befinden, die maximal das Zeug zum Backup oder Rotationsspieler bei den Profis haben?

Tiefer als bei Anderen: Albert Okwuegbunam, Missouri

Wird er, gemäß seiner passenden Anlagen, sein Blocking deutlich verbessern und dort als verlässlicher Mitspieler gelten, kann er langfristig als zweiter Tight End in einer NFL Offense starten. In der Red Zone und auf Seam Routes kann er daneben als zusätzlicher Receiver eingesetzt werden.

Als Receiving Tight End wird er es hingegen nicht bringen. Über diesen Weg wäre sogar eine Backup-Rolle fraglich. Fehlende Seperation und schwaches Route Running rühren von athletischen Defiziten her und sind nicht auf technische Mängel zurückzuführen. Meiner Meinung nach wird sich Albert Okwuegbunam nicht so weit entwickeln, wie es sich viele Experten wünschen.

Neben der Top Ten, gibt es weitere interessante Talente für die Tight End Position. Solltest Du Fragen zu den Prospects haben, erreichst Du mich am besten über Twitter und per Mail: draftnerdde@gmail.com 

Philipp Forstner
Autor: Philipp Forstner
Philipp Forstner ist ehemaliger O-Liner der Bielefeld Bulldogs und sammelte erste Erfahrungen als Autor bei dem Blog "Beardown Germany". Er ist Chefredakteur für SCOUTREPORT - Das American Football Magazin und beobachtet als Scout die zukünftigen und aktuellen Spieler der NFL.