Die erste Welle der NFL-Free Agency 2020 liegt bereits hinter uns. Inzwischen haben wir ein klareres Bild, wo die meisten Teams stehen und welche Absichten sie in der Offseason verfolgen. Nicht alle Franchises hinterlassen bisher aber einen guten Eindruck. Darunter befinden sich auch die Minnesota Vikings. Eine Analyse der bisherigen Vikings-Offseason 2020.

Der Blick zurück: Das Minneapolis Miracle und die Folgen

Wir schreiben den 14. Januar 2018: Zehn Sekunden sind im vierten Viertel zwischen den Minnesota Vikings und den New Orleans Saints noch zu spielen. Es steht 23:24. Die Vikings haben den Ball an der eigenen 39-Yard-Linie. Dritter Versuch und zehn. Offensive Coordinator Pat Shurmur callt den Spielzug Buffalo Right, Seven Heaven.

Folgerichtig geht Quarterback Case Keenum in den Dropback und feuert den Ball zu Receiver Stefon Diggs, der eigentlich nur die Aufgabe hat, möglichst schnell ins Aus zu laufen, um wertvolle Sekunden zu sparen. Doch Saints-Safety Marcus Williams verpasst sein Tackling, räumt zudem auch noch Teamkollege Ken Crawley ab. Diggs hat freie Bahn und läuft zum Sieg in letzter Sekunde und zum berühmten Minneapolis Miracle in die Endzone.

Zwei desaströse Niederlagen und eine Saison zum Vergessen

Allerdings hält die Euphorie in den Twin Cities nur eine Woche. Dann verlieren die Vikings sang- und klanglos im NFC Championship Game mit 7:38 gegen die Philadelphia Eagles.

Seit jenem Tag im Januar sind zwei Jahre vergangen. Inzwischen hat Kirk Cousins Keenum als Quarterback vor der 2018er-Saison abgelöst. Doch die die Vikings verpassten im ersten Jahr unter ihrem neuen Quarterback nach einer desaströsen 10:24-Niederlage gegen die Chicago Bears in Woche 17 die erneute Playoff-Teilnahme.

Indes gelang 2019 der Sprung in die Divisional Round, wo Minnesota sensationell den NFC-Mitfavoriten aus New Orleans nach Overtime ausknockte. Doch erneut endete der Traum vom Super Bowl im Championship Game, diesmal ähnlich desaströs mit 10:27 gegen die San Francisco 49ers.

Warum dieser Blick in die jüngere Geschichte? Er soll verdeutlichen, dass die Vikings am Ende der letzten Saison klar im Titelfenster waren. Knapp zwei Monate nach dem Super Bowl hat sich die Situation für Head Coach Mike Zimmer und sein Team aber dramatisch verschlechtert. Wo stehen die Vikings, und wie sieht die nahe Zukunft aus?

Free Agency: Schmerzhafte Abgänge in der Vikings-Offseason 2020

Dass es eine schwierige Offseason für die Vikings werden würde, war bereits seit langem klar. General Manager Rick Spielman hatte in den vergangenen Jahren immer wieder mit den Verträgen der Spieler jongliert, um die Cap-Obergrenze nicht zu überschreiten. Ewig konnte er diese Scharade allerdings nicht mehr aufrechterhalten, jedenfalls nicht in diesem Umfang.

Hier eine Auflistung der Rostermoves. Starter sind fett markiert.

ZugängeGehaltenAbgänge
DE Anthony Zettel (Free Agent, 49ers)
WR Tajae Sharpe (Free Agent, Titans)
NT Michael Pierce (Free Agent, Ravens)
OG Dakota Dozier
OT Rashod Hill
S Anthony Harris (Franchise Tag)
FB C.J. Ham
K Dan Bailey
P Britton Colquitt
CB Xavier Rhodes (Entlassen, Colts)
CB Trae Waynes (Free Agent, Bengals)
NT Linval Joseph (Entlassen, Chargers)

CB Mackensie Alexander (Free Agent, Bengals)
WR Laquon Treadwell (Free Agent, Falcons)
WR Stefon Diggs (Trade, Bills)
DE Stephen Weatherly (Free Agent, Panthers)
DE Everson Griffen (Free Agent, Offen)
S Andrew Sendejo (Free Agent, Browns)
S Jayron Kearse (Free Agent, Lions)
OG Josh Kline (Entlassen, Offen)

Vor allem in der Defense haben die Vikings den größten Aderlass zu verzeichnen. Alle drei Starting Cornerbacks sind weg, zudem beide Backup-Safeties und der Starting Right Guard mit Kline.

Darüber hinaus sorgten gleich mehrere Kaderarbeiten in der Vikings-Offseason für Fragezeichen.

Die Vertragsverlängerung von Kirk Cousins

Obwohl Cousins kein schlechter Quarterback für die Vikings war, gab er dem Team aber auch nicht viel mehr als grundsolide Leistungen. Anscheinend reichte das Gezeigte aus, um Spielman und Zimmer zu einer vorzeitigen Vertragsverlängerung zu bewegen. Ursprünglich wäre der Kontrakt von Cousins nach der 2020er-Saison ausgelaufen.

Durch die Verlängerung um zwei Jahre und garantierte 66 Millionen US-Dollar sind die Vikings nun aber bis zum Sommer 2023 an ihren Quarterback gebunden. Zwar verbesserte sich die Cap-Situation durch die Unterschrift um satte zehn Millionen US-Dollar und die No-Trade-Klausel verschwand aus Cousins Vertrag. Dennoch beträgt der Cap-Hit in der Saison 2021 stolze 31 Millionen US-Dollar und 2022 sogar 45 Millionen US-Dollar – für einen dann 34-jährigen Quarterback.

Für Fragezeichen sorgte auch die Struktur des Vertrages. Das Dead-Cap beträgt in der Saison 2022 zwar nach aktuellem Stand nur zehn Millionen US-Dollar. Das Base-Salary von 45 Millionen US-Dollar in 2022 wird aber bereits am dritten Tag des Ligajahres 2021 (!) zu einem garantierten Betrag. Somit können die Vikings Cousins im Grunde nicht entlassen. Sollten sie dies vor der Saison 2021 dennoch machen, stünde Cousins mit 41 Millionen US-Dollar Dead-Cap 2021 in den Büchern.

Der Trade von Stefon Diggs

Für ein kleines Beben in der NFL-Welt sorgten Spielman und Zimmer mit dem Trade von Wide Receiver Diggs zu den Buffalo Bills. Im Gegenzug bekamen die Vikings den Erstrundenpick der Bills im kommenden Draft und dürfen jetzt an den Positionen 22 und 25 picken.

Inzwischen sickerte durch, dass Diggs bereits vor der Vikings Offseason nicht mehr glücklich in Minnesota war und auf einen Trade gepocht hatte. Vor allem mit Cousins stand Diggs oft im Clinch. Jedenfalls scheinen die Vertragsverlängerung mit dem Quarterback dann das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben.

Unter diesem Aspekt können die Vikings froh sein, überhaupt eine hochwertige Kompensation für Diggs bekommen zu haben. So kann das große Loch, das Diggs Abgang in der Receiver-Gruppe hinterlassen hat, zumindest ansatzweise mit einem Rookie aus der tiefen Draftklasse gestopft werden.

Die Verpflichtung von Michael Pierce

Fragende Blicke ernteten die Vikings auch wegen des Signings von Nosetackle Pierce. Zwar soll der 27-Jährige den Abgang von Joseph kompensieren. Allerdings gab Spielman dem Neuzugang einen Dreijahresvertrag über 27 Millionen US-Dollar, davon 18 Millionen US-Dollar in Garantien.

Trotz des geringen Cap Space und klaren Needs vor allem auf der Cornerback-Position entschieden sich die Vikings also, einem Nose Tackle den Großteil der verfügbaren finanziellen Mittel zu geben. In der heutigen NFL ist die Bedeutung dieser Position durch die passlastigeren Offenses deutlich geschrumpft. Hier wären die Mittel wohl an anderer Stelle besser angelegt gewesen.

Josh Kline und C.J. Ham: Weitere fragwürdige Entscheidungen

Zwei kleinere Moves der Vikings werfen ebenfalls Fragen auf. Guard Josh Kline, ein Starter in 2019, wurde entlassen. Durch den Cut sparten Spielman und Zimmer gerade einmal 1,5 Millionen US-Dollar Cap Space ein – eine relativ unbedeutende Summe, zumal die Offensive Line seit Jahren das große Problemkind der Vikings ist und Kline der beste Interior Lineman in Minnesota war.

Trotz der angespannten Cap-Situation verlängerten die Vikings außerdem den Vertrag von Fullback C.J. Ham um vier Jahre und zwölf Millionen US-Dollar, davon fünf Millionen US-Dollar garantiert. Allerdings gehört Ham zu den besseren Fullbacks der NFL und fing regelmäßig Pässe (17 Catches bei 24 Targets), was seinen Value im Vergleich zu anderen Positionsvertretern erhöht.

Die größten Needs

Die größte Baustelle der Vikings ist ohne Zweifel momentan die Cornerback-Position. Mit Mike Hughes, Holton Hill und Kris Boyd kommen nur drei Spieler überhaupt in die Nähe der Startformation. Als Backups stehen zur Zeit noch Marcus Sayles, Mark Fields, Kemon Hall und Nate Meadors unter Vertrag. Hughes und Hill könnten als Outside-Corner in die Fußstapfen von Rhodes und Waynes treten. Angesichts der Verletzungsprobleme von Hughes und den Drogenverfehlungen von Hill darf zumindest bezweifelt werden, ob die Optionen langfristig sinnvoll sind. Boyd wäre eine Alternative. Alle drei überzeugten bisher aber noch nicht, wenn sie auf dem Feld standen. Als ehemaliger Erstrundenpick dürfte Hughes momentan die besten Karten haben.

Mit der Entlassung von Kline fehlt den Vikings zudem ein zweiter Starting-Guard neben dem bisher enttäuschenden Pat Elflein und Rookie-Center Garrett Bradbury, der sich in seiner ersten Saison ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckerte. Zumindest steht die Option im Raum, einen der Offensive Tackles nach innen zu schieben und einen Rookie früh im Draft zu ziehen.

Dritte große Baustelle ist die Receiver-Position. Zwar sorgte die Verpflichtung von Sharpe für etwas Entlastung. Das Receiving-Corps aber hauptsächlich auf den Schultern von Adam Thielen ruhen zu lassen, erscheint wenig sinnvoll. Das heißt, dass die Suche nach einem Nummer-Zwei-Receiver eine hohe Priorität in Minneapolis genießen sollte. Ob die Vikings diese Rolle für Sharpe oder aber Olabisi Johnson in Betracht ziehen, wird sich zeigen.

Zusätzlich sollten die Vikings noch einen Defensive End verpflichten, falls Griffen nicht wieder zurückkehren wird. Dazu fehlt aktuell ein echter Three-Technique Defensive Tackle.

Fazit

Die Vikings-Offseason 2020 steht bisher unter keinem guten Stern. Auch wenn der Diggs-Trade angesichts der Umstände wohl unvermeidbar war, hat Minnesota dadurch eine zusätzliche und unnötige Baustelle aufgemacht. Sofern sich in der Free Agency nicht noch entscheidendes tut, gehen Spielman und Zimmer mit klaren Needs in den Draft – sicher keine sonderlich angenehme Vorstellung für Vikings-Fans. Zumal die zwei Erstrundenpicks für die drei größten Baustellen nicht ausreichen.

Somit sind die Vikings in der schlechten Situation, den Draft unter allen Umständen erfolgreich gestalten zu müssen. Sich aber darauf zu verlassen, dürfte wohl einer der größten Fehler überhaupt sein.

Die Defense war in den vergangenen Jahren das Prunkstück der Vikings, wurde in der Offseason aber deutlich dezimiert. Frei nach der Next-Man-Up-Mentalität muss jetzt die zweite Garde nachrücken und die hohe Messlatte der letzten Jahre erreichen. Denn die Offense dürfte nach heutigem Stand kaum mit den Spitzenteams der NFC mithalten können und ist auf viele Stops der Defense angewiesen.

Das Gerüst der Vikings steht also auf extrem wackeligen Füßen. Der Draft muss sitzen, die bisherigen Backups müssen sich steigern und auf der Offense lastet noch mehr Druck. Offenbar sehen sich die Vikings noch im Titelfenster. Das kann aber nur offengehalten werden, wenn alle Eventualitäten beseitigt werden. Wie kritisch die Vikings-Offseason 2020 für die Zukunft der Franchise ist, darf nicht unterschätzt werden.