Senior Bowl: Nicht nur Justin Herbert im Fokus

Der Senior Bowl ist eine einzigartige Gelegenheit, sich für den NFL Draft vorzustellen. Die Spieler werden eine ganze Woche lang von den Trainerteams der Detroit Lions und Cincinnati Bengals trainiert. Alle 32 Mannschaften sind in Mobile, Alabama, vor Ort und verfolgen jede Einheit. Zusätzlich gibt es die Gelegenheit, mit Spielern in einzelne Interviews zu gehen.

Insgesamt sind 114 Prospects der Einladung des ehemaligen NFL-Scouts und ausführenden Direktors des Senior Bowls Jim Nagy gefolgt. Darunter sind auch sechs Talente von FCS, Division-II- und sogar Division-III-Schulen im US-Hauptprogramm zu sehen. Die ganze Woche erhält selbstverständlich höchste mediale Aufmerksamkeit im Land der Football-Verrückten. 

Podcast: „Stats der Woche“ mit allen Spielen der Divisional Round

Das Spiel läuft am 25. Januar ab 18.30 Uhr. Darum soll es aber erst in der nächsten Kolumne gehen. Heute erzähle ich Dir, welche Talente aus verschiedenen Gründen die größte Aufmerksamkeit erhalten und was sie den Scouts im Training beweisen müssen. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder große Gewinner der Senior-Bowl-Woche, aber auch Verlierer. Die Einheiten haben weniger Auswirkungen darauf, ob man gedraftet wird. Aber darauf, in welcher Runde man geholt wird.

Quarterbacks

Das Teilnehmerfeld auf der Spielmacher-Position ist erneut sehr erlesen. Die Passempfänger werden sich darüber freuen. Jeden Schritt und jedes Wort nehmen Scouts von Justin Herbert nächste Woche auseinander. Ein zukünftiger Franchise-Quarterback soll erweiterte Sozialkompetenzen für das nächste Level mitbringen. Er muss in dieser Woche besonders positiv herausstechen, um einen Top-Pick Wert zu sein.

In den Einheiten gilt es dann für Dual-Threat Quarterback Jalen Hurts. Man testet seine Fähigkeiten als Pocket Passer. Zwar ist dies nicht seine zukünftige Rolle bei einem NFL-Team. Jedoch erhält er die Chance, seine Pocket -und Passgenauigkeit zu zeigen, die auch ein mobiler Spielmacher mitbringen muss.

Anthony Gordon kommt aus einer Air Raid Offense, die ihm sein Spiel bisher erleichtert hat. Seine Vorgänger von der Washington State haben vergleichbare Statistiken. In der Performance bei den Profis sind die Unterschiede zwischen Gardner Minshew und Luke Falk hingegen sehr groß. Besitzt Gordon die mentalen Fähigkeiten, auch ein komplizierteres System verarbeiten zu können? Nächste Woche erfahren wir mehr.

Runningbacks

Es gibt im kommenden Draft gleich mehrere Namen, die unter den besten Runningbacks einer starken Positionsgruppe genannt werden. Eno Benjamin ist nie darunter zu finden. Dabei beweist er eine hervorragende Übersicht für offene Run Lanes und ist sehr agil. Den Teams muss er beweisen, dass er als Every Down Back angesehen werden kann. Wie ist es um sein Blocking und seine Fähigkeiten als Passempfänger bestellt? In den einzelnen Trainings bekommt er dort besondere Aufmerksamkeit.

Wide Receiver

Brandon Aiyuk kommt wie Running Back Eno Benjamin von der Arizona State University. Aiyuk gilt momentan als Slot Receiver. Daher fällt er bei den meisten Teams hinter eine namhafte Riege großartiger Wide Receiver im nächsten Draft zurück. Dabei könnte der explosive und dynamische Passempfänger durch die Decke schießen. Sein vertikales Spiel und seine Beweglichkeit für Yards nach dem Catch sind bemerkenswert. Kann er der Welt beweisen, dass er Press Coverage Cornerbacks konstant besiegen kann, wird er höher bewertet als bisher.

Tight Ends

In den vergangenen Jahren wurden Fans der Tight-End-Position im Draft verwöhnt. Jetzt fällt die Qualität wieder auf durchschnittliches Niveau zurück. Die Teams suchen wie Trüffelschweine am Boden nach dem bisher unentdeckten Talent. Spieler von kleineren Schulen erhalten beim Senior Bowl die Gelegenheit, mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vielleicht findet sich in der FCS ein NFL-Starter auf der Tight-End-Position.

Adam Trautman (Dayton) und Charlie Taumoepeau (Portland State) wollen zeigen, dass sie mehr als nur die wichtigste Anspielstation ihres unterklassigen Colleges gewesen sind.

Pass Protection, Run Blocking und definiertes Route Running gehören zu den elementaren Dingen eines zukünftigen Stammspielers bei den Profis. Auch Brycen Hopkins und Josiah Deguara wollen sich hier beweisen. Sie hatten am College stärkere Konkurrenz als Trautman und Taumoepeau. Als Erstrundenpick hat sich aber keiner bisher etabliert.

Offensive Line

Trey Adams erlitt am College seiner Washington Huskies gleich mehrere schwere Verletzungen. Seine Belastbarkeit wird von Ärzten beim NFL Combine auf Herz und Nieren geprüft. In der Senior-Bowl-Woche geht es mehr darum, inwiefern seine Beweglichkeit und Athletik unter den vielen Beschränkungen gelitten hat. Ohne Fragezeichen ist Adams definitiv in der Diskussion der besten Offensive Tackles des Landes.

Von derselben Schule kommt Nick Harris. Ich erwarte nicht weniger, als dass sich der Center in den Trainings von allerbester Seite zeigt. Bisher kommt er mir in der Wahrnehmung viel zu kurz. Dabei sollte er bei den NFL-Teams als sofortiger Starter gelten. Ähnliches erwarte ich von Offensive Guard Ben Bredeson.

Defensive Line und Edge Rusher

In der Defensive Line hat Jim Nagy für den Senior Bowl ganze Arbeit geleistet. Ein sehr erlesenes Feld wird die gerade genannten Offensive Linemen in jedem Drill testen. Allen voran sollten Neville Gallimore und Javon Kinlaw der Woche ihren Stempel aufdrücken.

Wieviel Unterstützung Davon Hamilton und Larrell Murchison in Zukunft von solchen Großkalibern benötigen, wird die Woche zeigen. Beide werden in individuellen Drills getestet. Ich bin aber vor allem gespannt, wie sie sich mit besserer Unterstützung an der Line schlagen.

Die Bekanntheit von Edge Rusher Darrell Taylor wird sich nächste Woche steigern. Davon bin ich überzeugt. Der spritzige und schnelle Pass Rusher umkurvt sehr tief gegnerische Tackles und gelangt zügig zum Quarterback. Wenig Unterstützung an der University of Tennessee hielt ihn von zweistelligen Sackzahlen und einer größeren Aufmerksamkeit ab.

Linebacker

Die Stars unter den Linebackern im nächsten Draft finden sich vor allem unter den jüngeren Juniors, die vorzeitig ihr College verlassen. Zum Senior Bowl sind sie, wie der Name schon verrät, nicht eingeladen. Dort haben alle Talente mindestens eine vierjährige Ausbildung am College genossen, um als Senior zu gelten. Sie dürfen für eine Woche in das Rampenlicht treten, dass sonst Isaiah Simmons und Kenneth Murray gehört.

Die Spieler werden in Situationen getestet, die bisher nicht ihrer Komfortzone entsprachen. So werden Scouts ein größeres Bild von Akeem Davis-Gaither erhalten. Ihm empfehle ich, auch Einheiten mit den Safeties zu absolvieren. Der athletische Linebacker erhält in der NFL eher eine Box-Safety-Rolle. Ohio State Malik Harrison wurde am College kaum in Pass Coverage eingesetzt. Seine Fähigkeiten darin werden die Bewertung maßgeblich beeinflussen. Ähnliches gilt für Californias Curtis Weaver.

Für Troy Dye und Jordyn Brooks geht es darum, an Techniken zu arbeiten. Sie lassen sich von herannahenden Blockern zu sehr aus dem Spiel nehmen und müssen erste Schritte in der Entwicklung zeigen. Langfristig müssen sie lernen, sich schneller von Blöcken zu lösen. In Mobile wollen Scouts sehen, wie zügig sie gezeigte Praktiken umsetzen können.

Defensive Backs

Unter den Defensive Backs werden alle Augen auf zwei Small-School-Prospects liegen. Kyle Dugger (Lenoir-Rhyne Bears) und Jeremy Chinn (Southern Illinois Salukis) werden ihre besondere Athletik in die Waagschale legen.

An ihrer unterklassigen Universität spielten sie auf verschiedenen Positionen, da man die Stars ihres Teams gegen den besten Spieler des Gegners antreten ließ. Vor allem ihre Coverage-Fähigkeiten werden gegen größere Talente im Training geprüft. Scouts wollen ermitteln, welcher Rolle sie am ehesten in der NFL gewachsen sind.

Die wichtigsten News der Woche zum NFL Draft

Laut seinem Agenten soll Tua Tagovailoa bereit sein, Anfang März beim Combine in einer längeren Einheit Bälle zu werfen. Mich wundert vor allem, dass die Ärzte ihm das jetzt schon in Aussicht stellen. Warten wir es einfach ab.

Philipp Forstner
Autor: Philipp Forstner
Philipp Forstner ist ehemaliger O-Liner der Bielefeld Bulldogs und sammelte erste Erfahrungen als Autor bei dem Blog "Beardown Germany". Er ist Chefredakteur für SCOUTREPORT - Das American Football Magazin und beobachtet als Scout die zukünftigen und aktuellen Spieler der NFL.

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