Scouting: Die Bewertung von Quarterbacks

Wie können Quarterbacks bewertet werden? College-Football-Experte Philipp Forstner erklärt, welche Kategorien für ihn wichtig sind.

Zwischen einem guten Quarterback und einem guten Passer gibt es einen himmelweiten Unterschied. Justin Herbert von den Oregon Ducks in der Bewertung seiner vergangenen Spielzeiten ist dafür ein treffendes Beispiel.

Quarterback ist die zurecht am Schwierigsten zu evaluierende Positionsgruppe. Denn Quarterbacks sind neben ihrem an Perfektion gemessenen Spiel auf dem Feld vor allem auch Führungsspieler. Dadurch fließen die so genannten „Intangibles“ (frei übersetzt etwa „immaterielle Werte“) stärker als bei allen anderen Prospects in die Bewertung ein. Fällt es Talentsuchern, die unmittelbaren Kontakt zu den Spielern haben, bereits schwer, die Charaktereigenschaften eines Spielmachers zu bewerten, so ist es von dieser Seite des Atlantiks noch schwerer.

Ein Bild möchte ich mir dennoch zum Selbstvertrauen, der Arbeitseinstellung und weiteren Qualitäten als Führungsspieler zeichnen können. So etwas schlichtweg nicht zu bewerten, genügt mir nicht. Ich versuche, so viele Interviews und Quellen wie möglich über den Quarterback im Draftprozess zu erhalten um mir ein Porträt zu erstellen.

Die Priorität der Position schlägt sich dann auch in der Sichtung von Spielszenen wieder. Genügen mir bei Running Backs circa drei wichtige Spiele aus seiner vergangenen Saison, betrachte ich bei einem wichtigen Quarterback-Talent wirklich jede Szene seiner College Karriere.

Armtalent und Genauigkeit

Es gibt unterschiedliche Ansätze, um Quarterback-Talente zu analysieren. Am Ende treffen sich aber alle bei der Passgenauigkeit und der Ballplatzierung seiner Pässe wieder. Genauigkeit ist die einzige Fähigkeit, die praktisch nicht zu trainieren ist. Washington-State-Cougars-Cheftrainer Mike Leach unterstützt mich bei dieser Ansicht (ab Sekunde 30):

In den vergangenen 15 Jahren wurden sechs Quarterbacks in der ersten Runde gedraftet, deren Completion Rate über die gesamte College Karriere und in ihrem letzten Jahr unveränderlich bei unter 60 Prozent lag: Jay Cutler, Josh Freeman, Jake Locker, Josh Allen, Lamar Jackson und Daniel Jones.

Muss man nun schon das abschließende Urteil zu Allen, Jackson und Jones fällen, wenn man bedenkt, dass Brett Favre der letzte Quarterback ist, der seine Genauigkeit in der NFL gegenüber dem College deutlich verbessern konnte? Ich denke nicht.

Man sollte das Ganze differenzierter betrachten. Denn eine hohe Completion Rate steht nicht zwangsläufig für genaues Pass-Spiel. Viele erfolgreiche College-Teams spielen breit aufgestellte Systeme, in denen nicht selten Receiver weit offen stehen oder einfach viele Screens geworfen werden. Die Unterstützung von besonders talentierten Receivern für eine höhere Genauigkeit sollte man auch nicht außer acht lassen.

So achte ich vor allem auf die Platzierung des Balls. Es ist ein Unterschied, ob ein Pass sein Ziel findet oder ob der Quarterback den Receiver in seiner vollen Bewegung im Sprint erreichen kann und diesem somit zu mehr Yards nach dem Fang verhelfen kann. Dazu ist es unerlässlich, sich viele Spielszenen anzusehen.

Hat der Quarterback mit der Ballplatzierung Probleme, so muss man, ähnlich wie Mike Leach es ausführt, beobachten, woher die Schwierigkeiten stammen.

Fehlt dem Quarterback das nötige Armtalent, wird kein Trainer dem Talent noch irgendwas in den wichtigsten Bereichen beibringen können. Unter Armtalent versteht man, ob der Spielmacher über die nötige Armkraft, das Ballgefühl und/oder die Genauigkeit verfügt, um Bälle überall auf dem Feld anzubringen und in sehr kleine Passfenster (Window) zu werfen.

Sind die Probleme auf falsche Abläufe in der Passmechanik zurückzuführen, kann dies zu einem Teil noch trainiert werden. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, unter Passmechaniken versteht man die komplette Wurfbewegung. Jeder, der einen Sport betreibt, wo es um Würfe und Pässe geht, weiß, dass zu einem präzisen Wurf der korrekte Ablauf im ganzen Körper gehört und nicht nur im Arm. Befinden sich zum Beispiel Ungenauigkeiten bei tiefen Würfen, weil der Quarterback seine Füße nicht in einer Linie zur Anspielstation setzt, so kann daran gearbeitet werden.

Antizipation und Selbstvertrauen

Wie sich ein Quarterback-Talent in Drucksituationen schlägt, zählt zu seinen weiteren wichtigen Attributen. Sei es das Verhalten in kritischen Situationen kurz vor Ende des Spiels oder die Sicherheit beim ersten Karriere-Start. Ist der Quarterback bereit, auch etwas zu riskieren? Ist er mit einem, wie ich es bezeichne, gesunden Selbstvertrauen ausgestattet?

Damit meine ich, dass ein Quarterback zwar von Selbstbewusstsein strotzt, wenn er bereit ist, in Double Coverage zu werfen. Macht er dies allerdings in einer Situation ohne Druck, bei entspannter Führung oder früh im Spiel, so ist seine Eigenschaft hier übersteigert. Mit gesundem Selbstbewusstsein sollte ein Spielmacher aber bereit sein, bei Rückstand auch etwas zu riskieren.

Philipp Forstner, College-Experte bei SCOUTREPORT
Philipp Forstner, College-Experte bei SCOUTREPORT (Foto: Elena Forstner)

Wir sehen in der NFL viele sichere Game Manager mit hoher Ballverteilungsquote, die dafür keine schwierigen Plays machen können, wenn es gilt. Das gesuchte Gesamtpaket ist selten und macht einen Spieler zu einem der besten Quarterbacks der Liga. Geh hierbei gern mal Deine Top fünf NFL-Quarterbacks im Kopf durch und frage Dich, ob sie beide Stärken vereinen.

Beobachten möchte ich natürlich auch, wie sich ein Quarterback verhält, wenn er vom ursprünglichen Plan abweichen muss. In der NFL versucht jeder Defensive Coordinator, den Quarterback aus seiner Komfortzone zu holen und ihn vor komplexe Aufgaben mit seiner Defense stellen. Je besser ein Spielmacher bereits am College gute Lösungen hierbei findet, desto eher kann dies auf seine Fähigkeiten, in der NFL ein guter Quarterback zu sein, übertragen werden.

Ist der Prospect zusätzlich in der Lage, seine Receiver offen zu werfen und die Lücken in der Verteidigung zu antizipieren, bevor sie für jeden sichtbar werden, hat er große Chancen, bei den Profis einen erfolgreichen Weg zu gehen.

Entscheidungsfindung und Spielintelligenz

Um die mentalen Attribute des Quarterback-Spiels bewerten zu können, benötigt jeder Scout selbst ein hohes Maß an Spielverständnis. Es geht hier um die Entscheidungsfindung des Quarterbacks vor dem Snap und um Anpassungen des Spielzugs aufgrund der Aufstellung der Defense und dem Erkennen des bestmöglichen Plays oder dem offenen Receiver bereits vor dem Play. Hierbei muss sich ein Quarterback selbstverständlich in seinem System zurechtfinden und bereits viel Spielerfahrung mitbringen.

Die meisten Talente bringen diese wichtigen Fähigkeiten nicht vom College in die NFL mit, da sie entweder zu kurz in einem System spielen, sich ständig wechselndem Personal auf dem Feld ausgesetzt sehen und so kein blindes Verständnis mit ihren Receivern aufbauen können oder weil sie schlichtweg dazu nicht in der Lage sind.

Und hier gilt es für jeden NFL-Scout, die Spreu vom Weizen zu trennen. Denn ein größeres Verständnis für Spielabläufe, Spielzüge und gegnerische Defenses ist durchaus erlernbar. Hier den richtigen Riecher dafür zu haben, ob und wie schnell ein Quarterback in diesen Bereichen lernen kann, ist ein wichtiger Bestandteil des Scoutings. Es ist weniger daran gelegen, den Ist-Zustand zu beschreiben, sondern zu beurteilen, was man in Zukunft von einem Spieler sehen könnte. Das gilt übrigens für alle Positionsgruppen.

Im Video versucht man, so viele Informationen wie möglich über den Spieler in diesen Bereichen zu erlangen. Gerade bei den Pro Days und privaten Treffen der Teams mit den Spielern kurz vor dem Draft geht es um exakt diese Dinge und die Bewertung des so genannten Football-IQ.

Athletik und Bewegung innerhalb und außerhalb der Pocket

Football ein aktiver Sport. Die Athletik eines Spielers gehört genauso zu seinen Fähigkeiten, wie alles andere auch. Athletik allein macht ein Talent allerdings genauso wenig zu einem guten Profi wie eine hohe Genauigkeit als Alleinstellungsmerkmal. Es gilt hier, immer das Gesamtpaket zu berücksichtigen. Limitierungen in einem Bereich bedürfen besondere Stärken in anderen Bereichen um auf dem nächsten Level Erfolg zu haben.

Bei den Combines erhalten wir jedes Jahr die genauen athletischen Werte eines Prospects. Diese sollten jedoch nicht als manifestierte Beschreibung der Athletik des Spielers herhalten. Er muss sie nämlich auch auf den Platz bringen.

Daher versuche ich zunächst, anhand des Videomaterials die Athletik eines Spielers zu bestimmen. Passt meine Beschreibung am Ende nicht mit den Ergebnissen des Combine überein, gehe ich in die Revision.

Sind Bewegungen innerhalb der Pocket trotzdem flüssig und Ausbrüche aus selbiger explosiv und beweglich genug, vermerke ich zwar ein Fragezeichen, bewerte die Athletik des Spielers aber nicht schlechter als zuvor. Denn entscheidend ist die Umsetzung der Athletik im Spiel. Ist ein Spieler zwar schnell und spritzig, bewegt sich allerdings wie ein aufgescheuchtes Reh auf dem Platz, bringt ihm das gar nichts. Agiert ein Spieler ruhig und kontrolliert, darf es auch mal etwas langsamer zugehen, obwohl unterm Strich festgehalten werden muss, dass auch einem Quarterback eine überdurchschnittliche Athletik durchaus hilft in seinem Spiel.

Das besondere Etwas

Ich suche immer auch nach besonderen Merkmalen. Eine spezielle Fähigkeit, die den Spieler von allen anderen Talenten unterscheidet. Zum Beispiel stellte ich in einer meiner Video-Analysen „Football Schaubude“ in der vergangenen Saison das besondere Talent von Brett Rypien heraus, mit wie viel Gefühl er den Ball bei Fades in die Endzone werfen kann.

In seinem ersten Preseason-Game für die Denver Broncos erhielten wir dann auch direkt mehrere Kostproben bei seinen Versuchen in der Red Zone kurz vor Ende des Spiels. Selbstverständlich haben seine neuen Coaches das auch schnell erkannt und ließen ihn bei seinem ersten NFL-Einsatz exakt die Bälle spielen, bei denen er sich am sichersten fühlt. Das stärkt das Selbstvertrauen.

Written by Philipp Forstner
Philipp Forstner ist College- und NFL-Draft-Experte bei SCOUTREPORT. Er beobachtet Talente gerne aus der Trainer-Perspektive. Seit 2015 schreibt er für Beardown Germany. Leser kennen ihn auch von draftnerd.de

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