Der Aufbau des Kaders eines College Football Programms ist nicht mit dem von NFL-Teams vergleichbar. In den kommenden Wochen möchte ich dir einen detaillierten Einblick geben, welche Instrumente für den Kaderaufbau zur Verfügung stehen. Den Anfang macht der Recruiting-Kalender.

Recruiting für High School Spieler ist ein 24/7-Job. Head Coaches der Universitätsprogrammen sind quasi das ganze Jahr über mit dem Recruiting neuer, starker Talente für ihr Team beschäftigt. Kein Wunder, denn es ist das Lebenselixier der Teams. Bedenkt man, dass Spieler im Schnitt drei bis vier Jahre am College spielen, ist jede Recruiting-Klasse ein wichtiger Bestandteil des jeweiligen Kaders.

Die Unterschiede in den zur Verfügung stehenden Ressourcen variieren z.T. enorm von Uni zu Uni. Um jedoch Fairness im Recruiting-Prozess zu ermöglichen, wird dieser vom Dachverband NCAA reglementiert. Eine relevanter Teil dieses Reglements ist der offizielle Recruiting-Kalender, den ich dir gerne am Beispiel des 2019/2020er-Recruiting-Zyklus näher erläutern möchte.

Quelle: NCAA.org

Die vier Zeiträume im Recruiting-Kalender

Wesentliche Bestandteile des Kalenders sind vier unterschiedliche Zeiträume, die sich in einer bestimmten Reihenfolge immer abwechseln. Innerhalb dieser Zeiträume ist geregelt, welche Maßnahmen die Recruiting-Staffs durchführen dürfen und welche nicht. Diese Zeiträume sind:

  • Die Evaluation-Period
  • Die Contact-Period
  • Die Quiet-Period
  • Die Dead-Period

Sie werden von der NCAA für das ganze Recruiting-Jahr festgelegt, um dieselben Rahmenbedingungen im Evaluationsprozess der Programme zu schaffen. Was diese einzelnen Zeiträume im Detail bedeuten, erkläre ich dir nun.

Evaluation-Period

Zeitraum vom 01.09.2019 bis 30.11.2019 und 15.04.2020 bis 31.05.2020

Dieser Zeitraum erlaubt es den Verantwortlichen des College Football Programms die potenziellen Recruits außerhalb der eigenen Institution im Hinblick auf ihre akademischen und sportlichen Leistungen zu begutachten. Im ersten Zeitraum von September bis Ende November dürfen FBS-Coaches an 42 Tagen (bzw. 54 Tagen, wenn es um Recruits von Service-Akadmien à la Army oder Navy geht) Recruits evaluieren. Ein bestimmter Recruit darf dabei nur maximal für insgesamt einen Tag an ihrer jeweiligen High School besucht werden.

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Ähnlich läuft es im zweiten Abschnitt von Mitte April bis Ende Mai, nur das dort mehr Tage zur Verfügung stehen, die jedoch von mehreren evaluierenden Verantwortlichen genutzt werden können. Grundsätzlich nutzen Scouts und Coaches diesen Abschnitt im Kalender um sich selbst von den Qualitäten zu überzeugen, welche sie bereits auf Tape und über die verschiedenen Recruiting-Services wie z.B. 247Sports oder Rivals.com in Erfahrung gebracht haben. Der erste Zeitraum fällt in die High School Football Saison und ermöglicht eine Begutachtung unter Wettkampfbedingungen.

Der Haken an diesem Abschnitt: Es darf kein direkter Kontakt mit dem Recruit oder dessen Eltern stattfinden. Allerdings dürfen Coaches Recruits z.B. via Mail oder Social Media kontaktieren. Auf Grund der Corona-Krise wurde alle Vor-Ort-Aktivitäten dieses Zeitraums abgesagt.

Contact-Period

Zeitraum vom 01.12.2019 bis 14.12.2019 und vom 17.01.2020 bis 01.02.2020

Im Gegensatz zur Evaluation Period nutzen Coaches in diesem Zeitraum die Gelegenheit ihre favorisierten Recruits zu Hause zu besuchen. Im Gegensatz zur NFL darf sich der Student-Athlete das College selbst aussuchen, so dass solche Besuche einen großen Stellenwert als vertrauensbildende Maßnahme haben.

Die Coaches möchten einen bleibenden Eindruck hinterlassen und sich ein möglichst authentisches Bild von den möglichen neuen Spielern machen. In der Regel sind Besuche dieser Art aber auch ein Zeichen der Wertschätzung für den Spieler, denn Coaches dürfen nur eine begrenzte Zahl an Besuchen vornehmen.

Quiet-Period

Zeitraum vom 01.03.2020 bis 14.04.2020, vom 01.06.2020 bis 21.06.2020 und vom 25.07.2020 bis 31.07.2020

Der Begriff „Quiet-Period“ ist Grunde etwas missverständlich, denn der Recruit und Coaches des College Football Programms dürfen zwar Kontakt haben, allerdings nur im Rahmen eines Besuchs der Universität. Jeder Recruit hat insgesamt fünfmal die Möglichkeit Universitäten, die an ihm interessiert sind, offizielle Besuche abzustatten.

Die Kosten für diese Besuche werden zum größten Teil von der Uni getragen und werden dafür genutzt, sich von der besten akademischen und sportlichen Seite zu zeigen. Im Gegensatz dazu stehen die inoffiziellen Besuche, die dem Recruit in unbegrenzter Zahl zur Verfügung stehen, für die er allerdings die Kosten selbst tragen muss.

Trainingsanlagen an Universitäten sind im übrigen häufig wesentlich hochwertiger als z.B. in der NFL. Sie sollen die Recruits begeistern und ihren Beitrag leisten, dass sich dieser für die entsprechende Uni entscheidet. In dieser Phase dürfen Coaches den Recruit weder zu Hause besuchen noch an seiner High School besuchen bzw. evaluieren.

Dead-Period

Zeitraum: vom 01.08.2019 bis 31.08.2019, vom 16.12.2019 bis 16.01.2020, vom 03.02.2020 bis 29.02.2020 und vom 22.06.2020 bis 24.07.2020

Etwas martialisch benannt, bedeutet die Dead-Period, dass dort keinerlei Kontakt zwischen Coaches und Recruit stattfinden darf. Weder auf dem Uni-Campus noch an der High School des Recruits bzw. zu Hause. Ausnahme ist die Kontaktaufnahme über digitale/elektronische Kanäle.

Social Media ist für das Recruiting eine tragende Säule geworden. Fast alle namenhafte Recruits sind auf Twitter, Instagram und Co. vertreten, was es Mitgliedern von Coaching Staffs ermöglicht, auch in der Dead Period am Ball zu bleiben. Ziel der Dead Period ist es, dem Recruit die Möglichkeit zu geben, sich in Ruhe zu entscheiden. Denn die Wahl eines passenden Colleges und eines Football-Programms ist eine Entscheidung von großer Tragweite.

Titelbild: The American Football Dream – Björn Werner; Foto: FilmUp Media

Peter ist College Football Fan mit Leib und Seele. Neben den Oklahoma Sooners und der Big 12 verfolgt er alle anderen Conferences regelmäßig und interessiert sich für alle möglichen Details der Nachwuchsliga. Insbesondere das Recruiting von High School Spielern, den NFL-Stars von morgen, beobachtet er intensiv.