Erneut darf sich die NFL auf einen guten Quarterback-Jahrgang freuen. Die möglichen Kandidaten sind vielversprechend und auch für die Tiefe lassen sich interessante Prospects entdecken. Doch mahne ich an, dass jedes dieser Talente noch eine Entwicklung vor sich hat. Auch bei den Profis gilt es später noch eine Menge dazuzulernen, um sonntags auf höchstem Niveau zu performen.

Vor allem die Entwicklungskurve über die College Karriere ist ein wichtiges Kriterium bei der Bewertung. Es sagt vieles darüber aus, inwiefern sich das Talent in der NFL noch verbessern kann und woran Coaches mit ihnen arbeiten müssen. 

Die Angaben der Begegnungen sind unter Vorbehalt. Momentan gibt es Aussagen, dass Non-Conference Game und gar die ganze Saison der Krise um COVID-19 zum Opfer fallen könnten.

Trevor Lawrence / Quarterback, Clemson

Trevor Lawrence ist eines dieser seltenen Ausnahmetalente. Er besitzt alle nötigen Anlagen, um in der NFL der nächste Star zu werden. Seine Athletik ist überdurchschnittlich für einen Quarterback. Er ist in der Lage, Plays mit raschen Bewegungen innerhalb und außerhalb der Pocket zu verlängern. Dazu sind die Passmechaniken und sein gesamter Ablauf nahezu lupenrein. Die Wurfbewegung verläuft rasant und reibungslos. Mit seinem Armtalent kann er überall auf dem Feld angreifen.

Es gab lang keinen Spielmacher am College, der zuvor so präzise ausgebildet wurde. Das Gesamtpaket ist vielversprechend. Jedoch war Lawrence bei aller Rafinesse kaum in der Lage, noch eine weitere Schüppe in seiner Entwicklung nachzulegen. Mental kann er das Spiel schneller verarbeiten. Dann neigt er dazu, aus Finten der Verteidigung nicht zu lernen. Wirft er mal Interceptions in einem Spiel, was selten vorkommt, dann sind es aber auch gleich mehrere auf einmal.

Besondere Erwartungen habe ich an Trevor Lawrence im Duell mit Notre Dame. Das Team aus South Bend, Indiana ist in der Lage, ein fehlerbehaftetes Spiel zu bestrafen. Präsentiert er sich in engen Spielen als schneller Spielverarbeiter, dürfte er die letzten Zweifel im Rennen um den Firstpick 2021 ausgeräumt haben.

Woche 4: vs. Virginia Cavaliers, Woche 10: @ Notre Dame Fighting Irish, Woche 13: vs. South Carolina

Justin Fields / Quarterback, Ohio State

Mit 1,88 Meter Körpergröße und etwas über 100 Kilogramm hat Justin Fields vergleichbare Körpermaße wie Dak Prescott. Auch von der Spielcharakteristik kann er am ehesten diesem Spielertypen zugeordnet werden.

Der mobile Quarterback sollte allerdings nicht auf seine Dual-Threat Fähigkeiten reduziert werden. Denn Fields hat eines der größten Armtalente der Draftklasse. Er verfügt über die nötige Kraft und das Ballgefühl um seine Pässe in noch so kleine Passfenster zu bewegen. Laut PFF wirft er im Schnitt für 12,6 Yards über das Feld. Das ist vielversprechend und Höchstwert für 2019 unter allen Power 5 Quarterbacks. Hier eine Kostprobe:

Problem solcher Top-Athleten ist häufig, dass sie von weniger qualifizierten Coaches an der High School dazu gedrängt werden, bei Druck sofort die Beine in die Hand zu nehmen. Was dort das Allheilmittel sein kann, gelingt am College gegen starke Defenses schon weniger und in der NFL kann es erst Recht keine Lösung sein.

Nun absolvierte Justin Fields sein erstes Jahr als Starter und darf Scouts gern zeigen, dass er den Fokus seiner Saisonvorbereitung auf den zukünftigen Umgang mit Druck gelenkt hat. Seine bisher gezeigten Ansätze sind durchaus vielversprechend. Er ist bereits in der Lage mehrere Reads durchzugehen, wenn ihm der Gegner Zeit lässt. Jetzt will ich mehr Pocket Präsenz und weniger Ausbrüche auch in Drucksituationen sehen. 

Woche 3: vs. Buffalo Bulls, Woche 6: vs. Iowa Hawkeyes, Woche 13: vs. Michigan Wolverines

Trey Lance / Quarterback, North Dakota State

Bei allem Gerede über Trevor Lawrence und Justin Fields wird gern vergessen, dass sich ein weiterer Quarterback darum bewirbt, im nächsten Draft als erstes ausgewählt zu werden. Trey Lance hat neben exzellenten athletischen Anlagen auch eine bemerkenswerte Statline vorzuweisen. Im letzten Jahr warf er 28 Touchdowns und keine einzige Interception. Seitdem ist er auf allen Radarschirmen der NFL Teams.

Lance ist ein “Small-School”-Prospect. Allerdings wäre er nicht der erste Quarterback, der von der North Dakota State als sofortiger Starter in die NFL kommt. Carson Wentz hat es ihm vorgemacht, die Entscheidungsträger im Draft, trotz kaum vorhandener Competition in der FCS von seinen Fähigkeiten zu überzeugen.

Dazu muss Lance gegen schwächere Gegner besser performen, als Fields und Lawrence. Zuallererst werden beinah alle NFL Teams am ersten Spieltag in Eugene, Oregon vertreten sein, wenn Lance auswärts gegen den amtierenden Pac-12 Champion ran darf.

Sofern das Spiel überhaupt stattfindet. Lance dürfte der Ausfall der Non-Conference Games am härtesten im Draft Prozess treffen.

Dann wollen Scouts sehen, wie geduldig und selbstbewusst er in einer äußerst schweren Begegnung agiert. Ist er in der Lage das gesamte Feld gegen eine hervorragende Defense zu lesen, wird er den Oregon Ducks alles abverlangen. Momentan entweicht er in Drucksituationen zu schnell mit seinen schnellen Beinen und zeigt überhaupt keine Pocket Präsenz. Um in der NFL bestehen zu können und vielversprechend eine gelungene Karriere zu bestreiten, ist diese Fähigkeit unverzichtbar. 

Woche 1: @ Oregon Ducks, Woche 4: @ Northern Iowa Panthers, Woche 7: vs. South Dakota State Jackrabbits

Brock Purdy / Quarterback, Iowa State

Über fehlende Konkurrenz kann sich Brock Purdy nicht beschweren. Seit Jahren spielen seine Cyclones unter Erfolgscoach Matt Campbell in der Big 12 bemerkenswert über ihren Möglichkeiten. Sie sind im Recruiting-Prozess klar unterlegen gegenüber dem Rivalen aus Iowa und auch gegen den Big 12 Primus Oklahoma Sooners können sie nicht mithalten. Dennoch erreichten sie drei Jahre in Folge ein namhaftes Bowl-Game am Saisonende.

Gewiss ist dies auch ein Verdienst von Quarterback Purdy. Mit viel Ballgefühl verteilt der Game Manager souverän die Bälle in seiner Offense. Dabei lässt er sich auch von Druck auf der Pocket nicht aus der Ruhe bringen und beeindruckt mit einer sehr guten Pocket Präsenz. Seine Wurfbewegung ist dabei schnell genug für Run-Pass-Options. Dazu wirft er im Gegensatz zu vielen College Quarterbacks bereits mit Antizipation und wartet nicht darauf, bis sich ein Receiver ihm öffnet. Vielversprechend ist sein bisher gezeigtes Potential für die kommende College Saison und die Fans der Iowa State Cyclones.

Würde er nur annähernd über die Athletik oder das Armtalent von Fields und Lawrence verfügen, sprechen wir über Purdy als legitimen Kandidaten für den First Pick im Draft 2021. Jedoch lässt er die athletischen Anlagen eines mobilen Quarterbacks vermissen. Pässe bringt er am College noch sehr genau an. Mit kleineren Passfenstern in der NFL, wird es dann aber nicht mehr reichen, nur mit Gefühl die Receiver anzuspielen.

Es fehlt Purdy an der notwendigen Armkraft oder dem Zip im Wurf, um effektiv alle Ziele auf dem Feld anzugreifen. Schwierig sich hierin noch besonders zu verbessern. Einen sicheren Backup Quarterback gibt Brock Purdy für die NFL zumindest ab. Kann er in seinem letzten Jahr mehr aus seinem Arm herausholen, wollen es Teams möglicherweise mit ihm als Starter probieren. Gardner Minshew lässt grüßen.

Woche 2: @ Iowa Hawkeyes, Woche 7: vs. Oklahoma Sooners, Woche 10: @ TCU Horned Frogs

Jamie Newman / Quarterback, Georgia

Seitdem Jamie Newman im Januar verkündete, zu den Georgia Bulldogs zu wechseln, rollt der Hype Train unaufhörlich durch das Land. Vielversprechend ist der Wechsel zu einem legitimen Herausforderer um den SEC-Titel und der Nationalen Meisterschaft gewiss. Allein medial macht dieser Umstand Newman bereits zu einem Erstrunden-Quarterback. Dabei hat er noch keinen einzigen Snap für die Bulldogs gespielt.

Bereits als Spielmacher bei den Wake Forest Demon Deacons hatte ich zu Newman Notizen gemacht und ihn für den kommenden Draft berücksichtigt. Der derzeitige Hype lässt sich allerdings eher damit verknüpfen, dass die letzten drei Firstpicks im Draft allesamt Transfers gewesen sind. Automatisch führt dies für Journalisten wohl zu dem Schluss, dass Jamie Newman sich in diese Historie um Joe Burrow, Kyler Murray und Baker Mayfield einreiht.

Die wichtigsten College-Transfers für den NFL Draft 2021

Spannend wird seine Saison in jedem Fall. Newman wechselt von einer Zone Read Offense in die Spread Offense des neuen Offensive Coordinators Todd Monken. Im Schnitt erwarte ich mindestens zehn Passversuche mehr pro Spiel und deutlich weniger eigene Laufversuche. Dazu soll der Ball eher über kurze Distanzen verteilt werden.

Die Abstimmung zwischen Newman und seinen Passempfängern wird ein paar Wochen Eingewöhnung benötigen. Das Auswärtsspiel gegen Alabama kommt wahrscheinlich zu früh. Zumal eingeschränkte Möglichkeiten in der Saisonvorbereitung zu trainieren, aufgrund der Bestimmungen zu COVID-19 ein weiteres Handicap mit sich bringen.

Will er dem Hype gerecht werden, sollte Jamie Newman seine Genauigkeit kontinuierlich im Laufe der Saison verbessern und allmählich den nötigen Rhythmus finden. Vielleicht bietet sich dann am Ende des Jahres die Gelegenheit, im SEC Championship Game erneut gegen Alabama zu spielen. Dann unter deutlich besseren Vorzeichen.

 Woche 3: @ Alabama Crimson Tide, Woche 7: @ Missouri Tigers, Woche 9: vs. Florida Gators