Die US-Sportwelt und allen voran der Football sind in den letzten Wochen und Monaten bedingt durch die Pandemie weitestgehend zum Stillstand gekommen. Spring Practices mussten abgebrochen werden und die traditionellen Spring Games fanden nicht statt. Das Recruiting von zukünftigen College Spielern war zwar auch betroffen, aber über zu wenige Commitments können sich weder Programme noch Fans beschweren. Zwar verlängerte die NCAA die sogenannte Dead Period, also den Zeitraum in dem ein persönlicher Kontakt zwischen Coaches und Prospects nicht möglich ist, kontinuierlich. Jedoch war die Kommunikation über die Online-Kanäle nach wie vor möglich.

Hintergrund zum Recruiting

Aktuell stehen die Spieler der 2021er-Klasse im Vordergrund. Es sind also die Prospects, die ab der Saison 2021 auf dem Platz stehen dürfen. Diese High-School-Spieler kamen mit ihrem Junior-Jahr an ihrer Schule in die heiße Phase des Recruitings. In dieser Phase findet in der Regel der Hauptanteil der Kommunikation mit Coaches statt und es dürfen in bestimmten Abschnitten im Jahr Campus-Besuche stattfinden.

Zwar findet die Signing-Period für die definitive Entscheidung erst Mitte Dezember dieses Jahres bzw. Anfang Februrar des kommenden Jahres statt, was jedoch nicht bedeutet, dass die meisten Spieler bis dahin mit ihrer Entscheidung warten. Ganz im Gegenteil, im Frühjahr und Sommer kurz vor der Senior-Saison an der High School entscheidet sich ein Gros der Prospects offiziell für eine Uni und damit für ein College Football Programm, um das abschließende Schuljahr zu genießen. Für die Programme sind frühe Commitments mit einer hohen Planungssicherheit verbunden, da sie sich auf Borderline-Spieler oder gar auf Spieler der nächsten Jahrgänge fokussieren können.

Herausforderungen während der Pandemie

Die Evaluation der High-School-Prospects und das Anbieten eines Stipendiums erfolgte für die 2021er-Klasse weitestgehend vor dem Ausbruch des Coronavirus. Die Junior-Saison endete bereits 2019, so dass es für Scouts und Coaches kein Mangel an Tape-Material gibt.

Für die Prospects wiederum sieht es etwas anders aus. Eine Entscheidung für ein College fällt den meisten nicht leicht und so ein Beschluss will nicht übers Knie gebrochen werden. Besuche am Campus sind daher essentiell, können jedoch aktuell nicht stattfinden. Virtuelle Campus-Touren werden zwar organisiert, aber die Vermutung bei einigen Experten ist, dass dies am Ende des Tages nicht ausreichen wird, um alle Committs bei der Stange zu halten. Es wird damit gerechnet, dass es im Herbst eine Welle an Decommitments geben könnte, die den aktuellen Stand ganz gehörig durcheinander bringen könnte.

Ein Blick auf eine Auswahl der Top-20 Spieler des Jahrgangs

Mit Stand 19.07.2020 waren 10 der nach 247Sports-Composit gerankten besten 20 Spieler im Lande für ein College committed. Darunter befinden sich u.a. der Nummer Eins Quarterback im Lande, der beste Offensive Tackle, der Nummer Eins Cornerback im Lande und der beste Running Back. Beim Rest der Top-20, die sich noch nicht entschlossen haben, gibt es bei den meisten eine mehr oder weniger eindeutige Tendenz für ein bestimmtes Programm.

Korey Foreman, Nr. 1 SDE, Nr. 1 Spieler overall, 6-4 / 265 Pfund

Der Recruiting-Prozess des Nr. 1 Prospects dieser Klasse kann bereits jetzt schon als Achterbahnfahrt bezeichnet werden. Der überaus talentierte Strong Side Defensive End aus dem Örtchen Corona (welch Zufall) in Kalifornien hatte insgesamt 27 Offers auf dem Tisch, ehe er sich im Januar 2020 für die Clemson Tigers entschied.

Was wie ein Monster Get für die Clemson Defense um Defensive Coordinator Brent Venables aussah, endete im April mit einem Decommittment. Clemson scheint noch nicht komplett aus dem Rennen zu sein, aber die USC Trojans sind aktuell der Favorit auf seine Zusage. Foreman war an der High School extrem produktiv. In seinen drei Jahren erzielte er 59 Tackles, davon sensationelle 21,5 for Loss und sackte die gegnerischen Quarterbacks 12,5 mal. Seine größten Stärken hat er in der Umsetzung von Speed zu Power in 1 gegen 1 Duellen. Er gilt als absolutes Eliteprospekt auf den Edge-Positionen.

Caleb Williams, Nr. 1 QB, Nr. 4 Spieler overall, 6-1 / 210 Pfund

Williams, ein Dual-Threat Quarterback von der Gonzaga High School in Washngton D.C entschied sich am amerikanischen Unabhängigkeitstag, dem 04. Juli, für die Oklahoma Sooners. Er hatte insgesamt 22 Offers und reduzierte seine Auswahl auf final drei Colleges. Neben Oklahoma waren die lokale Uni von Maryland und LSU im Rennen um seine Dienste. Williams gilt als kreativer und wendiger Spielgestalter. Er passt hervorragend in die Offense von Oklahoma Head Coach Lincoln Riley und wird laut 247Sports mit Russel Wilson verglichen. Williams wird, wenn alles glatt läuft 1 bis 2 Jahre hinter Spencer Rattler lernen, ehe er das Heft des Handelns übernehmen wird.

Tommy Brockermeyer, Nr. 1 OT, Nr. 5 Spieler overall, 6-6 / 283 Pfund

Tommy Brockermeyer geht zusammen mit seinem Zwillingsbruder James an die University of Alabama. Die Crimson Tide konnten damit den heimischen Texas Longhorns zwei extrem talentierte O-Liner wegschnappen. Der massive Tommy Brockermeyer hat nun die Chance in die Fußstapfen zahlreicher sehr erfolgreicher Tackle-Talente zu treten und den Weg in die NFL zu gehen.

Seine Maße, sein Talent und seine Athletik sprechen definitiv dafür. Auf dem Feld überzeugt er durch einen wahnsinnig schnellen Schritt aus dem Stance und seine schiere Dominanz im Run Blocking. Er ist ebenfalls sehr schnell in der Pass-Block-Haltung. Er verpasste zwar einen Großteil seiner Junior-Saison verletzungsbedingt, aber das dürfte ihn nicht schwächen.

Tony Grimes, Nr. 1 CB, Nr. 7 Spieler overall, 6-0 / 180 Pfund

Grimes ist i-Tüpfelchen einer bislang bärenstarken Recruiting-Klasse von North Carolina um Head Coach Legende Mack Brown. Das Prospect aus Virginia hatte insgesamt 41 Offers, u.a. auch von Alabama, Auburn, Florida, Clemson und Ohio State. Die Entscheidung für die Tar Heels kommt daher fast schon einer Sensation gleich. Grimes bringt die entsprechenden Maße mit und sein Instinkt gilt als absolut überragend. Im Tackling gegen Lauf kann er ebenfalls überzeugen.

Emeka Egbuka, Nr. 1 WR, Nr. 8 Spieler overall, 6-1 / 190 Pfund

Egbuka ist zwar der Nr. 1 Receiver des Landes und gleichzeitig der Nr. 8 Spieler im Lande overall, aber „nur“ die Nr. 2 im Staate Washington hinter Strong Side Defensive End J.T. Tuimoloau, der Nr. 2 landesweit. Dies ist bemerkenswert, denn der Staat Washington zählt nicht unbedingt zu den absoluten Top-Staaten im Bereich Recruiting. Dennoch sind beide Spieler absolute Top-Prospects und Egbuka könnte demnächst Teil einer Uni mit traditionell starkem Receiving-Corps werden.

Welche das ist, steht zwar noch nicht offiziell fest, aber Oklahoma und allen voran Ohio State werden hochgehandelt. Egbuka bringt die nötigen Seperation- und Speed-Skills mit um ein absoluter Elite-Receiver zu werden. Ihn zeichnet vor allem seine Flexibilität aus, verschiedene Routen zu laufen und er bringt auch das nötige Talent als Special Teams Spieler für Punt und Kick Returns mit.

TreVeyon Henderson, Nr. 1 RB, Nr. 16 Spieler overall, 5-11/ 195 Pfund

Henderson hat sich im Gegensatz zu Egbuka bereits für ein College entschieden und er wird aller Voraussicht nach in die Fußstapfen von Ezekiel Elliot und J.K.Dobbins treten, denn er entschied sich für die Ohio State Buckeyes. Er hatte insgesamt 39 Angebote u.a. auch von Oklahoma und Alabama. Er gilt als Instinktspieler, der sowohl über den Lauf als auch über den Pass ins Spiel findet. Seine High School Production spricht eine klare Sprache mit 2424 Rush-Yards, 45 Rush-TDs, 283 Receiving-Yards und 5 Receiving-TDs allein in seinem Junior-Jahr. Er spielte an der High School drüber hinaus auch noch als Cornerback und gilt auch auf dieser Position als Elitetalent.

Welche Teams haben einen Vorsprung und welche müssen aufholen?

Auch wenn es noch eine Weile hin ist, bis die besten Prospects ihre Tinte unter den sogenannten Letter of Intent setzen können und sich damit final für eine Universität entscheiden, so ist doch bereits jetzt eindeutig, dass die Klasse der Ohio State Buckeyes eine besondere sein wird. Mit vier 5-Sterne und 12 4-Sterne Recruits werden die Buckeyes kaum schlechter als Rang 3 abschneiden. Wahrscheinlicher ist, dass sie ihre aktuelle Spitzenposition noch weiter ausbauen werden, denn mit SDE J.T. Tuimoloau und WR Emeka Egbuka stehen zwei weitere Top-Spieler kurz vor einem Commitment zur Uni in Columbus.

Einen massiven Satz haben in den letzten Tagen und Wochen die Alabama Crimson Tide gemacht. Neben 5-Sterne OT Tommy Brockermeyer gelang es ihnen auch, 5-Sterne OT JC Letham aus Florida von sich zu überzeugen. Hinzu kommt 5-Sterne Wide Receiver Jacorey Brooks aus Florida, immerhin der Nr. 2 Receiver des Landes. Mit den 4-Sterne Recruits WR Agiye Hall und WR Christian Leary gibt es zwei potentielle Nachfolger für Devonta Smith und Jalen Waddle. Für 5-Sterne Defensive Tackle liegt Alabama ebenfalls sehr gut im Rennen. Payne möchte am 26. Juli sein Commitment bekanntgeben und die Tide sind hier der klare Favorit.

Ebenfalls sehr gut platziert sind die North Carolina Tar Heels und die Tennesse Volunteers. Letztere gelten jedoch wegen der bereits jetzt schon quantitativ angewachsenen Klasse als Kandidat für Decommitments im Herbst.

Etwas aufholen müssen noch z.B. die Georgia Bulldogs. Aktuell an Nr. 16 gerankt mit einem 5-Sterne und acht 4-Sterne Recruits befinden sich die Dawgs noch einiges hinter den Spitzenpositionen der vergangenen Jahre. Nr. 2 OT 5-Sterne-Talent Amarius Mims tendiert allerdings zu den Bulldogs. Auch der Nr. 2 Outside Linebacker im Lande Smael Mondon (5-Sterne) wird zu den Georgia Bulldogs projected. Dies dürfte dazu führen, dass nach diesen Commitments Georgia wieder weit in die Top-10 vorstoßen wird.

Programme, die auf Grund noch vergleichsweise weniger rekrutierter Prospects relativ weit hinten zu finden sind und noch Fahrt aufnehmen müssen, sind u.a. Auburn (10 Committs), Mississppi State (11 Committs), Utah (7 Committs), Ole Miss und TCU (jeweils 6 Committs). Im Gegensatz dazu haben die Klassen von Rutgers und Florida Atlantic über 20 Spieler mit Commitment und es dürfte eine Herausforderung werden, diese bis zum Signing Day zu halten.

Peter Schindler
Peter ist College Football Fan mit Leib und Seele. Neben den Oklahoma Sooners und der Big 12 verfolgt er alle anderen Conferences regelmäßig und interessiert sich für alle möglichen Details der Nachwuchsliga. Insbesondere das Recruiting von High School Spielern, den NFL-Stars von morgen, beobachtet er intensiv.