Gerade einmal vor sieben Monaten reckte der National Champion LSU Tigers die Trophäe gen Himmel. Es kommt mir in diesen Tagen wie eine Ewigkeit vor. Nur kurz darauf hat sich das Coronavirus über den ganzen Planeten verbreitet und brachte zahlreiche Veränderungen in unseren Alltag. Die Planung der kommenden College Football Saison geriet dabei ins Wanken. Mit der Unsicherheit offenbaren sich einmal mehr die Schwachstellen und Ungerechtigkeiten im System College Football. Ein Paradigmenwechsel, die große Umwälzung steht kurz bevor.

Nun wäre es zu kurz gegriffen, alle aktuellen Entwicklungen auf die Pandemie zu schieben. Aber diese besonderen Umstände wirken wie ein Katalysator auf den College Sport. Manche Entwicklungen zeigen sich bereits jetzt, andere werden vermutlich erst in mittel- bis langfristiger Zukunft in Gänze fassbar sein.

Findet die Saison überhaupt statt?

Stand Montag, dem 10.08.2020 sieht es nicht so aus, als wenn wir im Herbst eine College Football Saison erleben werden. Es ist nichts final entschieden. Aber der Big Ten Commissioner Kevin Warren hat in den letzten Tagen keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Saison gerne in das Frühjahr 2021 verlegen möchte. Und er scheint nicht der einzige zu sein.

Zwar hat die akademisch hochangesehene Ivy League bereits Anfang Juli alle sportlichen Aktivitäten abgesagt. Weitere Conferences auf Division II und Division III-Level zogen nach. Jedoch sah es bis zum vergangenen Wochenende so aus, als wenn die College Football Saison zumindest auf Power-5 und Group-of-5 Level startet.

Die NCAA hat Guidelines zur Verfügung gestellt, welche hygienische Mindeststandards definieren. Die einzelnen Conferences passten nacheinander ihre Planungen in Bezug auf ihre Spielpläne an und Rahmenbedingungen für die Saisonvorbereitung wurden konkretisiert. Auch ermöglicht man Spielern die Saison auszusetzen, ohne mit Konsequenzen zu rechnen. Zumindest in der Theorie.

Der Haken ist allerdings, dass sich die Pandemie in den einzelnen Regionen der Vereinigten Staaten unterschiedlich dynamisch entwickelt hat. In bestimmten Staaten bzw. gar in einzelnen Counties gelten abweichende Bestimmungen, die es manchen Colleges erlauben voll zu trainieren. Andere dürfen nur kontaktlose Workouts betreiben. Hinzu kommt, dass die Group-of-5 einige wesentlich wichtige Buy-Games gegen größere Programme nicht austragen kann. Da der Fokus in der Spielplanung der Power-5 auf der Austragung der eigenen Conference-Partien liegt, fallen die lukrativen Paarungen einfach aus.

Spielpläne werden weitestgehend auf zehn Spiele anstelle von zwölf gekürzt. Darunter leiden besonders die Group-of-5 Teams. Unter anderem resultierte dies am 08. August zur vollständigen Saisonabsage der Mid-American Conference (MAC), der ersten Conference auf höchstem Level. Eine Mischung aus Verlusten auf der Einnahmeseite (weniger Buy-Games) in Kombination aus erhöhten Ausgaben (die Corona-Tests müssen schließlich bezahlt werden) führte zu diesem Ergebnis.

Die Big Ten und Pac-12, so macht es den Anschein, werden ihre Saison ebenfalls verschieben. Der komplette Ausfall der College Football Saison im Herbst ist beinah unausweichlich.

Auswirkungen auf die anderen Conferences

Anders, als es in der NFL der Fall ist, gibt es keinen übergreifenden Commissioner, der die Verantwortung für alle College-Conferences bündelt. Diese Macht liegt weitestgehend in den Händen der Conference-Commissioners mit einem hohen Anteil an Autonomie der einzelnen Universitäten. Theoretisch muss eine Absage der Big Ten nicht dazu führen, dass die SEC nicht spielt. Dies ist jedoch kein realistisches Szenario. Denn ein Playoff-Ausscheid ohne eine der relevanten Conferences dürfte vergleichsweise wenig attraktiv sein.

Eine Verschiebung der Saison in das Frühjahr ist allerdings mit neuen Fragen verbunden. Wie lässt sich eine Saison mit dem NFL Draft verbinden, der eigentlich parallel stattfindet? Wie und in welcher Form findet zeitgleich die Evaluation der Talente statt? Lässt sich die Saison im Februar starten, wenn es in bestimmten Gegenden noch winterliche Extrembedingungen gibt? Alles Fragen, die beantwortet werden müssen, auf die es von keiner Zentralen Stelle im College Football eine Antwort gibt.

Spieler fordern Paradigmenwechsel

Am Sonntag, dem 02. August erschien in der Players Tribune eine Liste von Pac-12 Spielern mit Forderungen unter dem Hashtag #WeAreUnited. Sie riefen zu besserem Schutz vor dem Virus aber auch zu finanzieller Entschädigung der Athleten auf. In der Woche darauf folgten ähnliche Stimmen von Spielern aus anderen Conferences. Die Ansprüche sind gerechtfertigt, bedeuten aber den Paradigmenwechsel. Dafür ist eine große Umwälzung mit einer starken Bewegung von Nöten.

Am Sonntag dem 09. August sprachen sich immer mehr prominente Spieler unter dem Hashtag #WeWantWoPlay dafür aus, die Saison austragen zu lassen. Beide Bewegungen fanden in der Nacht zum Montag zueinander. Das dürfte für die verantwortlichen Personen im College Football eine gravierende Herausforderung darstellen. Jetzt scheinen die Athleten die öffentliche Meinung auf ihrer Seite zu haben.

Eine Art Spielergewerkschaft für College Athletes dürfte die Achillesverse der Uneinigkeit auf Ebene der Funktionäre noch deutlicher entblößen. Es riecht geradezu nach Paradigmenwechsel. In einem Sport, der sich vor einem Jahr zur 150. Saison gefeiert hat und teilweise so getan hat, dass es die nächsten 150 Jahre genauso weitergeht. Dass es nicht der Fall sein wird, dafür dürften die Erschütterungen der letzten Tage sorgen. Wie es weiter geht, bleibt abzuwarten. Die rechtliche Lage ist nicht eindeutig wie Alicia Jessop schreibt.

Alexandria Oacasio-Cortez, Kongressabgeordnete der Demokraten twitterte in den vergangenen Tagen über ein Umdenken in der Gesellschaft: „Billionaires need the working class. The working class does not need billionaires.“ Die Forderung nach dem Paradigmenwechsel bezieht sich bei ihr auf die ganze Gesellschaft. Sie stellt zwar keinen direkter Bezug zum College Football dar, beschreibt aber die gesellschaftliche Situation, von der sich College Football nicht ausschließen kann. Die Unis brauchen die Spieler mehr als ihnen vielleicht bewusst ist und sie werden sie an ihren gigantischen Einnahmen in Zukunft teilhaben lassen müssen. In welcher Form auch immer.

Peter Schindler
Peter ist College Football Fan mit Leib und Seele. Neben den Oklahoma Sooners und der Big 12 verfolgt er alle anderen Conferences regelmäßig und interessiert sich für alle möglichen Details der Nachwuchsliga. Insbesondere das Recruiting von High School Spielern, den NFL-Stars von morgen, beobachtet er intensiv.