„Wenn ich mich nochmal verletze, war’s das mit dem Football.“

Mit dieser Einstellung ist Niels Schroedter in GFL-Saison 2018 gegangen. Im Spiel gegen Kiel hat er sich die Bizepssehne gerissen. Doch schon im Aufwachraum ist ihm klar: Ich komme zurück!

Der Linebacker der Berlin Rebels arbeitete damals auch schon mit seiner sportpsychologischen Expertin Miriam Kohlhaas zusammen. Im Doppel-Inteview sprechen die beiden über das Blitz-Comeback, die mentale Verarbeitung von schweren Verletzungen, 15-minütige WhatsApp-Sprachnachrichten und einen Sicherheitsmann, der Schroedter nicht zu Kohlhaas auf die Tribüne lassen wollte.

SCOUREPORT: Niels, Miriam meinte, Du hättest Dich mal bei einem Spiel in Köln durch die Security kämpfen müssen, um sie zu sehen. Was war denn da los?

Niels Schroedter: Das war bei meinem ersten Spiel nach meiner Verletzung, quasi mein Comeback. Miriam war bei dem Spiel dabei, da war ich auch tierisch froh drüber. Es ist ja doch eine ganz schöne Herausforderung, nach einer Verletzung den Genesungsprozess um knapp sieben Monate zu verkürzen. Ich wollte nach dem Spiel zu ihr auf die Tribüne, sie in den Arm nehmen und ihr zeigen, dass es mich gefreut hat, dass sie da war. Und dann war da eben einer von der Security, der meinte, als Spieler dürfe ich nicht auf die Tribüne.

Nils Schroedter Miriam Kohlhaas Foto Kohlhaas
Niels Schroedter und Miriam Kohlhaas. Foto: Kohlhaas

SCOUTEPORT: Und Du hast ihn dann getackelt?

Niels Schroedter (lacht, Miriam auch): Nein, ich hab ihn ignoriert und bin dann über das Tor geklettert.

Miriam Kohlhaas: Niels war ja voller Adrenalin. Wir hatten ja auch vor dem Spiel Sorgen, klappt das oder klappt das nicht? Da war ja auch noch mehr, ich glaube, Deine ersten Worte waren: „Ich glaube, ich hab eine Gehirnerschütterung.“ Und dann standest Du da vor der Security, und die wollte Dich einfach partout nicht durchlassen. Ist ja Quatsch, aber auch egal… liebe Grüße an die Kölner, die machen ja auch nur ihren Job. (Niels lacht) Niels sagte immer, „Ich muss zu meiner Psychologin“, aber die verstanden das nicht. Er zeigte auf mich, die Security dachte wahrscheinlich auch, der Typ ist doch irre, ich lass den mal lieber durch. Und dann ging’s auch.

SCOUTREPORT: Miriam, was sagt denn diese Security-Geschichte aus sportpsychologischer Sicht über Niels aus?

Miriam Kohlhaas: In meiner Branche ist es ja immer wieder ein Thema: Ist es für männliche Sportler ok, sportpsychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen? Oder passt das nicht zum Ego? Erwähnt man das im Team, erwähnt man das öffentlich? Meine Erfahrung ist: Das ist den Jungs, die ich betreue, komplett egal und null peinlich.

Nils Schroedter Foto: Christian Goßlar
Schroedter spielt bei den Berlin Rebels als Linebacker. Foto: Christian Goßlar

SCOUTREPORT: Niels, Du hattest Dir die Bizepssehne gerissen. Dann kam das Comeback und die Security-Geschichte.

Niels Schroedter: Ich hatte mich im letzten Jahr beim Heimspiel gegen Kiel verletzt. Ich wurde am Mittwoch operiert, was eigentlich schon zu spät ist. Normalerweise werden solche Sehnen-Rupturen innerhalb der ersten zwei Tage operiert. Ist ja auch egal, ich war erst Dienstag beim Arzt. Der Doc meinte bei der OP-Vorbereitung, dass ich danach neun Monate pausieren muss, also „out for season“. Ich war mit der Einstellung in die Saison gegangen: Wenn Du Dich nochmal verletzt, war’s das mit dem Football. Ich hatte dann auch abgeschlossen, hat aber nicht lange gehalten.

SCOUTERPORT: Du hast ja direkt nach der OP beschlossen, Du machst weiter. Das war noch im Aufwachraum.

Niels Schroedter: Ich wollte die Playoffs spielen, auch wenn das schwer realisierbar war. Daraus wurde dann innerhalb der ersten Woche „Ich will auch das letzte Saisonspiel der Regular Season mitnehmen“. Dann kam noch der Gedanke: „Ich will mindestens noch einmal zuhause spielen“, also noch ein Heimspiel mitnehmen. Ich wollte also nach der Sommerpause wieder angreifen und nur zwei Spiele aussetzen. Das hat auch geklappt.

Nils Schroedter Foto: Christian Goßlar
Nicht zu übersehen: die Orthese an Schroedters rechtem Arm. Foto: Christian Goßlar

SCOUTREPORT: Miriam, welche Hebel hast Du als sportpsychologische Expertin bei Niels genutzt, um das Comeback möglich zu machen?

Miriam Kohlhaas: Niels hat dafür gesorgt, dass ich eine ganz neue Erfahrung gemacht habe. Wenn Spieler sich verletzen, fallen sie oft in ein tiefes Loch. Meine Aufgabe besteht dann, zu schauen: welche Ziele können wir uns stecken und wie kann ich den Sportler motivieren? Nicht so bei Niels. Er hatte schon im Aufwachraum dieses Feuer, wollte immer wieder neue Ziele setzen. Ich dachte am Anfang, ich muss ihn in realistische Bahnen lenken und das Feuer etwas bremsen. Nicht, dass er nachher zu enttäuscht ist. Und dann hab ich mich mitreißen lassen – und das war gut so, ihn nicht zu bremsen und stattdessen voll mitzugehen. Niels‘ Feuer ist jeden Tag größer geworden und ich hab ihn eigentlich dabei nur begleitet.

SCOUTREPORT: Die Rebels hatten die ersten drei Spiele in der laufenden Saison verloren. War die Niederlagen-Serie Thema bei Euch?

Miriam Kohlhaas: Wenn ich einen einzelnen Spieler begleite, und nicht das Team – so wie bei Niels – ist für mich nicht das höchste Gut, dass das Team gewinnt. Sondern dass Niels sein Bestes geben kann. Das sind dann unsere Themen.

SCOUTREPORT: Verletzt sich ein Spieler, wird er operiert. Aus medizinischer Sicht erklärt einen der Doktor dann nach der Reha wieder gesund. Der mentale Aspekt ist aber ebenfalls wichtig, wieder Vertrauen in den Körper zu gewinnen. Miriam, Du arbeitest ja auch mit anderern GFL-Spielern und Klubs zusammen. Wissen Trainer und Teams, dass auch diese mentale Stärke nach einer Verletzung wieder aufgebaut werden muss?

Miriam Kohlhaas: Das ist den Menschen schon klar, die wissen das. Aber es wird im Moment zu wenig umgesetzt. Es wird sich zu wenig um das gekümmert, was diese Verletzung in einem Menschen auslöst. Da muss noch mehr der Fokus hin.

SCOUTREPORT: Ein Football-Team ist groß und Verletzungen gehören zum Sport dazu. Ist diese mentale Verarbeitung Gesprächsthema unter Deinen Mitspielern, Niels?

Niels Schroedter: In gewisser Weise findet die statt. Unter den Jungs mehr als unter Betreuern und Coaches, finde ich persönlich. Das passiert schon durch kleine Gesten, zum Beispiel werden die Nummern von verletzten Spielern aufs Tape geschrieben. So findet man Halt und Zuspruch. Eine richtige Betreuung mit Ansprechpartner, was mentale Betreuung angeht, das kommt definitiv zu kurz. Darum bin ich froh, Miriam zu haben.

Niels Schroedter und Rory Johnson Foto Christian Goßlar
„Mitspieler geben einem Halt und Zuspruch.“ Schroedter, hier mit Linebacker-Kollege Rory Johnson. Foto: Christian Goßlar

SCOUTREPORT: Miriam, wir hatten im Dezember auf der Football-Messe Redcon schon über Unterstützung von Seiten der GFL oder des AFVD gesprochen, was sportpsychologische Betreuung angeht. Damals hast Du gesagt: „Wäre schön, wenn es die geben würde.“ Hat sich inzwischen etwas geändert?

Miriam Kohlhaas: Das wäre immer noch wunderschön, wenn das übergeordnet allen Spielern zur Verfügung stehen würde. Und auch nicht nur für GFL-Spieler. Das könnte schon eine Person sein, die angestellt wird und Ansprechpartner für alle deutschen Footballer ist. Bei den Coaches-Conventions der Landesverbände ist mir aufgefallen, dass dieses Thema aufgegriffen wird. Das ist super. Aber wenn dann 60 Minuten darüber gesprochen wird, sind das Mini-Impulse. Wenn mir ein Athletik-Trainer eine Stunde was erzählt, bin ich danach noch kein Athletik-Trainer. Ich glaube, ein großer Punkt ist immer noch, dass viele glauben: „Ich kann mir das nicht leisten“ oder „Das können sich nur GFL-Teams leisten“. Was ja völliger Quatsch ist. Trotzdem gibt es in der GFL nur einen Klub, der für das gesamte Team sportpsychologische Betreuung zur Verfügung stellt. Das sind die New Yorker Lions. Auch für die zweite Mannschaft.

Interview mit sportpsycholgischer Expertin Miriam Kohlhaas // KickoffShow

Was für #Football-Spieler nehmen in Deutschland sportpsychologische Hilfe in Anspruch? Wie akzeptiert ist #Sportpsychologie im deutschen Football? Und wie reagieren Spieler auf „Traumreisen mit romantischer Musik“? Das erzählt die sportpsychologische Expertin Miriam Kohlhaas (Mk Coaching) im Gespräch mit #KickoffShow-Moderator Christian Höb. Miriam arbeitet auch mit #GFL-Teams zusammen. RedZone Pure American Football Die Sportpsychologen #AmericanFootball

Gepostet von KickoffShow am Mittwoch, 2. Januar 2019

SCOUTREPORT: Die Lions haben aber auch ein großes Budget.

Miriam Kohlhaas: Es ist aber nicht allein das Budget. Die Lions haben die Wichtigkeit dieses Themas erkannt und möchten ihre Spieler bestmöglich fördern.

SCOUTREPORT: Was kostet es denn, wenn ein Spieler mit Dir zusammenarbeitet?

Miriam Kohlhaas: Das kommt darauf an. Es gibt eine Verordnung für Sportpsychologen, worüber Kader-Athleten des Landes Sportpsychologen beziehen können. Enstprechend der Verordnung wird abgerechent. Das ist eine Richtlinie, jeder Sportpsychologe oder sportpsychologische Experte kann das auch selbst festlegen. Aber Eure Leser können sich sicher sein: Jeder Verein, egal ob erste oder siebte Liga, kann sich mindestens in der Vorbereitung mal ein paar Stündchen mit einem sportpsychologischen Experten oder Sportpsychologen leisten.

SCOUTREPORT: Niels, Miriam, Ihr kommuniziert über WhatsApp, verschickt Audio-Nachrichten und telefoniert?

Niels Schroedter: Hauptsächlich, tatsächlich auch manchmal über Instagram. Ich hab mir mal das Ziel gesetzt, Miriam die längste Sprachnachricht zu schicken, die sie jemals bekommen hat (Miriam lacht). Das hab ich auch geschafft.

SCOUTREPORT: Wie lang war die denn?

Miriam Kohlhaas: Ich glaube, länger als 15 Minuten. Da werden jetzt sicher alle Frauen neidisch, die glauben, Männer haben nicht viel zu sagen und reden nicht viel. (Niels lacht)

Niels Schroedter: Der Standard sind auch eher so 30 Sekunden, was Sprachnachrichten angeht.

Nils Schroedter (l.) Foto: Christian Goßlar
Schroedter macht als Linebacker Jagd auf den Gegner. Kopfverletzungen sind in den Gespräche mit seiner sportpsychologischen Expertin aber kaum ein Thema. Foto: Christian Goßlar

SCOUTREPORT: Sind Kopfverletzungen bei Eurer Zusammenarbeit ein Thema? Als Linebacker teilst Du ja ordentlich aus, Niels.

Niels Schroedter: Grundsätzlich wäre es dumm, zu verleugnen, dass es Kopfverletzungen im Football gibt. Grundsätzlich wäre es dumm, sich selber vorzulügen, dass man selbst noch nie eine Kopfverletzung hatte… irgendwas zwischen mittlerer und schwerer Gehirnerschütterung war auf jeden Fall schon einmal dabei. Es gehört aber auch nicht zum täglichen Brot. Klar hat man nach dem Spiel mal Kopfschmerzen, wenn man bei 40 Grad spielt. Vielleicht kommt man nicht dazu, genug zu trinken. Der schwarze Helm macht es auch nicht besser. Das hat aber nicht immer mit einem Schlag auf den Kopf zu tun. Wir haben uns über Schädelverletzungen bisher noch nicht groß unterhalten, weil meine letzte Gehirnerschütterung war 2016. Ich kenne meinen Körper ja ganz gut und kann das einschätzen.

Miriam Kohlhaas: Das ist auch bei meinen anderen Spielern wenig Thema. Ich treffe die Jungs ja oft vor und nach dem Spiel. Wenn mir ein Spieler sagt: „Ich hab eine Gehirnerschütterung.“ Dann sage ich: „Wann gehst du denn zum Arzt? Lass das doch mal checken.“ Da kommt mein mütterlicher Instinkt durch, das geht weniger in einer professionelle Richtung. Ich will einfach, dass meine Jungs gesund sind.

Hinweis der Redaktion: SCOUTREPORT – Das American Football Magazin berichtet unabhängig über American Football. Transparenz ist uns wichtig. Deswegen erwähnen wir an dieser Stelle, dass der Autor auch als Kommentator für die Berlin Rebels (Klub von Niels Schroedter) tätig ist. Die Rebels haben in keinerlei Form Einfluss auf den Inhalt dieses Interviews genommen.

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