Wenn es in der deutschen NFL-Berichterstattung an einem Thema nicht mangelt, sind es Rankings. Jede Woche werden die Teams neu sortiert, die Quarterbacks werden in einen Topf geschmissen und nacheinander herausgezogen und jedes Team bekommt sein Fett weg. Wieso gibt so viele Rankings?

Es gibt wöchentlich das „ran Power Ranking“, das „NFL Power Ranking“ von Spox und die Sport1-Redaktion bietet wöchentlich ein „Powerranking zum Durchklicken“. Dazu kommen von Adrian Franke beispielsweise noch fünf Quarterback-Rankings pro Saison und auch bei ran ist hier noch lange nicht Schluss.

Es gibt ein paar simple Gründe für diese Rankings:

  • Sie bieten Gesprächsstoff. Es findet sich immer zu 100 Prozent ein Team, dessen Fans mit der Beurteilung ganz und gar nicht einverstanden sind und die unter dem Facebook- oder Twitter-Post sofort zu diskutieren anfangen. Neben den Likes und Retweets von den Fans des Teams, das gerade oben steht, beteiligen sich also viele Fans an der Diskussion.
  • Das wiederum führt zu der in den Sozialen Medien einzig wirklichen Währung: „Engagement“. Je mehr Engagement, desto prominenter wird ein Post bei Facebook, Instagram und auch bei Twitter (wenn man „die besten Tweets zuerst“ als Voreinstellung für seine Timeline hat) platziert. Das wiederum führt zu einer höheren Relevanz des jeweiligen Mediums und zu mehr Likes. Ein relevanteres Medium kann eine höhere Reichweite erzielen und durch mehr Klicks auf der Website die Werbeeinnahmen steigern.
  • Wenn man, wie ran und Sport1, die Power Rankings noch als Klickstrecke verpackt, führt das zu zweierlei: Abhängig von der Programmierung der Website bedeutet jeder „Weiter“-Klick einen neuen Klick auf der Website – somit lässt sich die Relevanz für Werbekunden erhöhen. Gleichzeitig bietet die Klickstrecke noch den Vorteil, Werbung einbauen zu können. So sind zum Beispiel statt zehn Bilder der Top-Teams mindestens elf Bilder darunter, wobei eins einfach eine Werbung ist.

Was ist das Problem der Rankings?

Diese Rankings sind bestenfalls subjektiv und schlechtestenfalls irrelevant und irreführend. Ein Beispiel: Die Analytics zu den Seahawks beispielsweise zeigen, dass das Team sehr, sehr viel Glück hat. Sie gewinnen sehr viele knappe Spiele und das ist – wie die Analytics und Ben Baldwin in einem Artikel für „The Athletic“ gezeigt haben – nicht besonders nachhaltig.

Die Seahawks hatten nach Woche 14 nur 36 Punkte mehr erzielt als ihre Gegner, die Ravens 187, die Patriots 177 und die 49ers beispielsweise 166.

Nun ist es aber so, dass das Gewinnen knapper Spiele nicht wirklich nachhaltig ist. Auch die Seahawks – und jedes andere Team der NFL – haben einen ziemlich ausgeglichenen Record bei knappen Spielen (33-34-1 unter Pete Carroll). Den Seahawks – so schreibt Baldwin – dürfte das egal sein. Denn: Eine Bye Week garantiere eine 40 Prozent höhere Chance, in die nächste Runde einzuziehen (das Championship Game). Dieser „durch Glück“ erspielte Vorteil gleiche den spielerischen Nachteil aus.

Für ein „Power Ranking“, in dem es um die Stärke des Teams geht, sollte das aber zunächst irrelevant sein. Deshalb gehen die bekannten Power Rankings auch denselben Weg und berücksichtigen diese Statistiken, oder? Schauen wir also mal auf die Power Rankings eben dieser Woche (vor Week 14).

Das „ran Power Ranking“ hatte die Seahawks auf Platz zwei mit der Begründung: „Das Team von Pete Carroll schafft es schon über die gesamte Saison, die engen Duelle für sich zu entscheiden. Beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Playoff-Run.“ Auch wenn ran das Problem erkennt, stufen sie es als Stärke ein und kommt so mit der richtigen Ausgangsthese auf die exakt falsche Schlussfolgerung.

Das „Sport1 Power-Raking“ führte die Seahawks auf Platz drei, mit der Begründung, dass das Team „unberechenbar“ agiere. Stimmt, aber unberechenbar ist nicht gleich glücklich.

Im „Spox Power Ranking“ lagen die Seahawks ebenfalls auf Platz drei und Adrian Franke begründet das mit dem Tape, das er von Wilson und Co. gesehen hat. Aber auch er nimmt die „Unberechenbarkeit“ des Teams in seine Begründung auf.

Warum sind diese Rankings sinnlos?

Ganz einfach: Es gibt unendlich viele Statistiken, nach denen man die Teams und Spieler sortieren kann. Es gibt sinnvollere (Punkt-Unterschiede wie oben, DVOA) und weniger sinnvolle (Quarterback-Rating, Yards). Am Ende ist aber all das nicht entscheidend. Denn eine umfassende Untersuchung der wahren Stärke der Teams ist nicht so einfach in fünf Minuten erledigt und die Klickstrecke lässt sich auch nicht wöchentlich sinnvoll zusammenstellen.

Für eine fundierte Analyse ist mindestens das Schauen der Spiele und die Einbeziehung mehrerer fundierter Statistiken notwendig. Und dass das keins der Medien in der nötigen Zeit mit 32 Teams durchführen kann, ist selbstverständlich.

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Wenn diese Rankings nun wöchentlich durchgeführt werden, führt das den Zweck ad absurdum. Denn die Stärke der Teams ist vor der Saison keinem bekannt, der nicht alle 32 Teams täglich begleitet. Und die Entwicklung findet nicht wöchentlich statt. Die Veränderung der Rankings basiert also nicht auf der tatsächlichen Stärke eines Teams, sondern auf absolvierten Spielen und Siegen beziehungsweise Niederlagen.

Dass ist der Grund, warum die Seahawks so weit oben stehen: Nicht, weil sie in einzelnen Spielen überzeugen, sondern weil sie Spiele gewinnen. Auch wenn Spiele gewinnen die einzige Währung der NFL ist, gewinnt nur ein überzeugendes Team tatsächlich den Super Bowl.

Beispiel: Der durchschnittliche Punkteunterschied zwischen erzielten und kassierten Punkten für Super-Bowl-Champions liegt laut NFL bei +146.4. Starke Teams in der Regular Season gewinnen also tatsächlich den Super Bowl und nicht die, die in Power Rankings vorne stehen.

Wie schneiden die Power Rankings Ende der Saison ab?

Wenn die Power Rankings während der Saison schon wenig Aussagekraft haben, sollten sie doch wenigstens für die Playoffs eine gewisse Bedeutung besitzen. Dann haben die Redakteure immerhin die Erfahrung von 16 Ligaspielen.

Letztes Jahr gewannen die Patriots (Platz sieben im letzten Power Ranking der Regular Season 2018/19 bei nfl.com) gegen die Rams (Platz drei). Auf Platz zwei: die in der ersten Runde ausgeschiedenen Chicago Bears. 2017/2018 gewannen die Nummer neun (spox.com, 2017) Eagles (zugegeben, hier spielte Nick Foles eine große Rolle für den Absturz im Ranking) gegen die Nummer eins Patriots. Aber auch hier flogen die Nummer zwei Steelers gegen die Nummer zehn Jaguars in der zweiten Runde aus den Playoffs. 2016/2017 spielten die Nummer eins Patriots gegen die Nummer sieben Falcons (ran.de, 2016).

Noch abstruser werden die Rankings vor Saisonbeginn:

2018/2019 landeten die Colts, die später in die zweite Playoff-Runde einziehen, im Spox-Ranking desselben Jahres auf Platz 29. Die Division-Champions Cowboys rangierten auf Platz 26 und der Sieger der ganzen AFC, die Chiefs, auf Platz 21. Auch die an 20 gelisteten Ravens schafften es in die Playoffs, die an 18 gelisteten Texans gewannen die AFC South, die Nummer-17-Seahawks erreichten die Playoffs, die an 14 geführten Bears ebenso und die an 12 geführten Lions schafften ganze drei Siege, wurden letzter in der NFC North und verpassten ebenso die Playoffs wie die Packers (Nummer acht) und die „Contender“ Steelers (Nummer sechs), Vikings (drei) und Falcons (Platz eins).

Wenn niemand in der Lage ist, den Super-Bowl-Sieger oder ein gutes Abschneiden in den Playoffs vorauszusagen, geschweige denn ein Saisonergebnis, wozu dann Power Rankings?

Für Klicks, Engagement und Diskussionen unter den Fans. Das aktuelle Power Ranking bei Spox hatte nach drei Tagen schon 40 Kommentare.

Hinweis der Redaktion: Die Meinung von Autor Max Sachs über Rankings spiegelt nicht die Meinung der gesamten Redaktion wider. SCOUTREPORT-Leser wissen, dass es auch auf scoutreport.de regelmäßig Rankings gibt (zum Beispiel College Football und GFL). Unsere Autoren stecken sehr viel Arbeit und Recherche in ihre Rankings. Du möchtest mehr darüber wissen und welche Kriterien wir anwenden? Schreib uns an.