„Football ist kein Kontaktsport, es ist ein Kollisionssport. Tanzen ist ein Kontaktsport.“ Diese Zitat wird dem legendären NFL-Trainer Vince Lombardi zugeschrieben. Was er damit aussagen wollte: Verletzungen gehören zum American Football dazu und sind unvermeidlich.

In der Geschichte gab es zahlreiche Skandale, die zeigen, dass einige das auf die Spitze treiben: 2012 wurde der Kopfgeld-Skandal aufgedeckt. Die New Orleans Saints zahlten ihren Spielern bis zu 50.000 Dollar, wenn sie einen Gegenspieler so verletzen, dass er nicht weitermachen kann.

„Trainierte Killer“ sollen 100 Facemasks pro Saison zerstören

Ein weiteres Beispiel, aus den 80ern: Jerry Glanville, damals Trainer der Houston Oilers, soll dem Journalisten Jeff Pearlman zufolge seine Spieler dazu aufgefordert haben, 100 Facemasks in der Saison zu zerbrechen. Er wollte „austrainierte Killer“.

Die zwei genannten Beispiele sind an Unsportlichkeit und mangelndem Fairplay kaum zu überbieten. Aber Lombardi hat Recht: Football ist ein Kollisionssport. Mit all den negativen Folgen wie zum Beispiel Gehirnerschütterungen und CTE. Einer der bekanntesten Fälle ist Aaron Hernandez. Der Ex-Patriots-Spieler erhängte sich.

Hitzige Debatten über roughing the passer-Regel

Die NFL ändert Regeln, um den Football sicherer zu machen und die Spieler zu schützen. Doch Football ist ein sehr körperliches Spiel. Wie kann der Sport körperlich bleiben und gleichzeitig sicherer werden? Es ist ein Grundproblem im American Football. Eines, über das regelmäßig hitzig debattiert wird.

Zum Beispiel Anfang der vergangenen Saison. Die NFL änderte die roughing the passer-Regel. Ein einziges Wort im Regelwerk reichte, um eine der größten Sportligen der Welt auf den Kopf zu stellen: Die Pfiffe der Schiedsrichter häuften sich, sofort wurde diskutiert: Ist das überhaupt noch Football?

Lombardi hat Recht: Football ist ein Kollisionssport. Das wird sich auch nie ändern. Wird der Kontakt verboten, dann war’s das mit der Sportart. Dann wird aus der NFL eine Flag-Football-Liga.

Wie also mit den Risiken umgehen? Angepasste Regeln und neu entwickelte Helme können das Risiko verringern – vor allem bei heiklen Kopfverletzungen. Ganz ohne Risiko wird es aber nie gehen.

Es muss für Footballer normal sein, darüber zu reden

Die Antwort kann eigentlich nur sein: ein offener und bewusster Umgang mit dem Thema. Unter den Fans, in den NFL-Teams und unter den Spielern. Anfangen muss das schon in den Kinder- und Jugendteams. Für die Nachwuchsfootballer muss es völlig normal sein, über dieses Thema zu sprechen. Nur dann tun sie es auch als Profis.  

Die Schwierigkeit: Football ist für viele immer noch ein echter Männersport. Wer zum Beispiel wegen Kopfschmerzen nicht aufläuft, gilt als „Pussy“. Ein Spieler will immer spielen, um das Team nicht im Stich zu lassen – und um seinen Job nicht zu verlieren. Gerade in der NFL steht der nächste Profi schon bereit.

Julius Thomas: Vom Ex-NFL-Profi zum Psychologen

„Du wirst ständig von jedem daran erinnert, dass NFL-Profis einen Traum leben“, schreibt Ex-Profi Julius Thomas auf The Player’s Tribune. „Wenn du also merkst, dass etwas mit dir nicht stimmt, behältst du das für dich, statt darüber zu reden.“

Auch Thomas hat früher so gedacht. Und wie war das während seiner Karriere mit CTE? „Ganz ehrlich: Kaum einer hat während meiner Karriere offen darüber geredet. Es gab zwar flapsige Hinweise, und wir wussten, dass es dieses Risiko gibt. Aber wir hatten keine Ahnung, worum es sich dabei genau handelt“, schrieb der ehemalige Tight End, der von 2011 bis 2017 in der NFL spielte und nach seiner Football-Karriere Psychologe werden wollte.

Packers-Legende Brett Favre über Gehirnerschütterungen

„Gehirnerschütterungen waren früher kein Thema“, sagte Football-Legende Brett Farve zu CNN. Der Quarterback spielte 1991 bis 2010 in der NFL, hauptsächlich für die Green Bay Packers. „Es gab hunderte und tausende Male, dass mir der Kopf dröhnte und ich Sterne sah. Wie sich inzwischen herausstellte, waren das Gehirnerschütterungen.“

Dr. Bennet Omalu, der erstmals CTE diagnostizierte, sagte ebenfalls zu CNN: „Laut einer Studie der Stanford-Universität bekommt jeder Football-Spieler pro Spiel 50 bis 60 brutale Schläge gegen den Kopf. Einige davon haben die Kraft eines Autos, das mit 50 kmh gegen eine Wand fährt.“

Warum gehen Spieler dieses Risiko ein? Es liegt doch im Interesse eines jeden Menschen, sich selbst zu schützen. „Jeder Hit kann dein letzter sein. Das gibt dir ja… ich will nicht sagen, eine Art Kick, aber da sind Footballer auch stolz drauf“, sagt SCOUTREPORT-Experte Erik Seewald.

Brett Favre möchte seine Enkelkinder nicht dazu auffordern, Football zu spielen. „Weil ich weiß, was gesundheitlich auf dem Spiel steht. Vielleicht weiß ich morgen nicht mehr, wer ich bin und wo ich lebe.“

NFL veröffentlicht Zahlen zur vergangenen Saison

Der NFL ist das Risiko bewusst. Sie reagiert durch Regeländerungen – so darf das Kicking-Team beim Kickoff zum Beispiel keinen Anlauf mehr nehmen, um nicht aus voller Geschwindigkeit tackeln zu können. Spieler müssen durch das concussion protocol, wenn sie einen harten Hit abbekommen und Zeichen einer Gehirnerschütterung zeigen. Footballer werden außerdem ermutigt, offen über Symptome zu sprechen und sich zu melden.

Laut NFL ist die Zahl der gemeldeten Gehirnerschütterungen in der regulären Saison 2018/2019 um 29 Prozent auf 135 gesunken. Die Zahlen umfassen Training und Spiele. Inklusive Preseason wurden 214 Gehirnerschütterungen erfasst. 24 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

NFL Concussions Gehirnerschütterungen Entwicklung Zahlen
Registrierte Gehirnerschütterungen in der NFL von 2012 bis 2018. Foto und Quelle: NFL

„Wir sind zufrieden mit dieser Entwicklung“, teilte die NFL mit. Demnach haben die Regeländerungen sowie neue Helme zu diesem Ergebnis beigetragen.

Die gesundheitlichen Aspekte im American Football stehen immer mehr im Fokus. Wie die NFL mit diesem Thema umgeht, wird über die Zukunft dieses Sports entscheiden.