Kaum eine Veranstaltung im NFL Zirkus wird so zwiespältig gesehen, wie der NFL Combine. Für die einen ist es die “Unterhosen-Olympiade”, andere schenken den Resultaten zu viel Beachtung und geben Talenten eine völlig neue Bewertung.

Was bezweckt die ganze Veranstaltung in den nächsten zwei Wochen tatsächlich und worauf achten Scouts und Entscheidungsträger der NFL Teams besonders? Das möchte ich in der aktuellen Kolumne ergründen und Dir näher bringen.

Medizinische Tests

Bevor die Talente aktiv am NFL Combine teilnehmen, müssen sie sich zunächst medizinischen Untersuchungen unterziehen. Neben der Messung der Körpergröße, des Gewichts, der Armlänge und der Handgröße, geht es hier auch um die gesundheitliche Vorgeschichte. Vorverletzungen und Organschwächen werden begutachtet und bewertet. Bei Auffälligkeiten werden Spieler an Fachärzte zur weiteren Behandlung überwiesen.

Häufig erhalten Prospects hier die sogenannten “roten Flaggen” aufgrund ihrer Verletzungshistorie. Zum Schutz der jungen Männer erfährt die Öffentlichkeit nur wenige Details dazu. Die Teams haben nach dem Combine hingegen vollständige ärztliche Berichte vorliegen. Wenn es große Überraschungen im Draft gibt und Talente um viele Runden gegenüber der vorherigen Prognose fallen, gibt es meistens einen Zusammenhang mit ihrem medizinischen Status.

Interviews beim Combine

Die Fans und Internet-Scouts bekommen von den Talenten erst deren Performance in den verschiedenen Disziplinen und Einheiten zu sehen. Neben den medizinischen Tests geschehen weitere wichtige Dinge hinter den Kulissen. 

In den Interviews ergeben sich häufig die ersten Kontakte der Prospects und Manager. Hierbei werden die Spieler beinahe einem Verhör unterzogen mit teils völlig banalen Fragen. Welche Farbe Schokolade hat oder ob man Angst vor Clowns habe, darauf mussten Combine Teilnehmer tatsächlich in der Vergangenheit schon Auskunft geben.

Hinter dem Vorstellungsgespräch steckt jedoch Methode. Die Teams wollen in Erfahrung bringen, wie es um die Aufrichtigkeit und das Sozialverhalten des Talents bestimmt ist. Weitere Fragen zielen auf die Arbeitsmoral und Intelligenz des Bewerbers ab. 

Kein Team wirft einen Scouting Report aufgrund eines schwachen Sprints im 40 Yard Dash über den Haufen. Zeigt ein Talent sich in den Interviews jedoch von seiner schlechten Seite kann aus einem eindeutigen Erstrunden-Talent auch schnell ein Drittrundenpick werden. Die Spieler können hier also viel Geld für ihren ersten NFL Vertrag verdienen. Oder wie Jachai Polite im letzten Jahr komplett abstürzen.

Er präsentierte sich in den Interviews abgehoben, stolz und, mit Verlaub, nicht als die hellste Kerze auf dem Christbaum. Die niederschmetternde Bewertung gab den Teams im Anschluss auch recht. Polite spielte bei den Florida Gators hervorragend und galt es einer der besten Pass Rusher im letzten Draft. Nach den persönlichen Gesprächen fiel er bis in die dritte Runde zurück. Mittlerweile wurde er bereits zweimal entlassen und befand sich zuletzt im Practice Squad der Los Angeles Rams.

So talentiert ein Prospect auch ist, kein Spieler geht als kompletter Profi und in seinem Zenit in die NFL. Jeder Spieler muss an sich arbeiten und ein besseres Spielverständnis erlangen. Die Bereitwilligkeit dazu ist die Grundvoraussetzung für eine professionelle Karriere.

Positionsbezogene Einheiten

Nicht selten wurden Talente am College nur situativ oder eindimensional eingesetzt. Häufig erhalten die besten Spieler im Team dazu eine gewichtige Rolle im Gameplan, wobei sie in der NFL eine ganz andere Position spielen werden. In den positionsbezogenen Einheiten werden sie von NFL Trainern auf Herz und Nieren getestet. Hier müssen Quarterbacks mit Antizipation werfen, Receiver im vollen Sprint Bälle fangen und Pass Rusher auf unterschiedlichen Wegen an den Ball kommen.

Gleichzeitig wird überprüft, wie zügig die Prospects gezeigte Techniken adaptieren und in den Einheiten umsetzen. Hierbei erhalte ich viel mehr Informationen als bei den athletischen Tests. Da mir die Interviews fehlen, versuche ich zusätzlich auf Körpersprache und Aufmerksamkeit zu achten.

Athletische Tests

Ich kann mich noch gut an die letztjährige Debatte um DK Metcalf nach dem Combine erinnern. Nachdem er trotz seines kräftigen Körperbaus einen rasanten 40 Yard Dash hinlegte, floppte er komplett im Three-Cone Drill.

Im Resultat wurde Metcalf erst am Ende der zweiten Runde im Draft von den Seattle Seahawks ausgewählt. Statistisch spielte er danach die drittbeste Saison aller Rookie Wide Receiver. Sein besonderer Einfluss auf den Gameplan des Gegners ist dort noch gar nicht mit eingerechnet.

Edge Rusher

Selbstverständlich gibt es Testwerte, denen ich trotzdem Beachtung schenke. Lediglich schnell oder kräftig zu sein, reicht vor allem im Pass Rush nicht aus. Der Three Cone Drill gibt mir Auskunft über die mögliche Körperbeuge und Vielseitigkeit der Prospects. Die Statistik gibt mir dort recht. Nachweislich haben alle effektiven NFL Edge Rusher starke Werte beim Three Cone Drill erreicht. Andersherum geben gute Ergebnisse darin keine Leistungsgarantie.

Von Miller (6,70), Joey Bosa (6,89) und Khalil Mack (7,08) haben hier jeweils eine Top Performance abgeliefert.

Receiver und Tight Ends

Die hohe Kunst eines Passempfängers ist die Explosivität und die Fähigkeit einen Ball am höchsten Punkt zu fangen. Der Vertical Jump gibt mir Aufschluss darüber, wie athletisch ein Talent auf diesen Positionen daherkommt. Dabei können Scouts nicht ausschließlich die Größe des Catch Radius bestimmen, sondern können auch die Kraft im Unterkörper abbilden. Diese wiederum hilft beim Start nach dem Snap und bei der Beschleunigung nach Richtungswechseln im Route Running.

Vernon Davis (42 Zoll), Davante Adams (39 Zoll) und Julio Jones (38,5 Zoll) gehören zu den besten Receivern im Vertical Jump der letzten Jahre.

Innere Offensive Line und Defensive Tackle

Der Broad Jump zeigt wie keine andere Disziplin die Beweglichkeit im Unterkörper auf. Der Rahmen für die notwendige Verbesserung der Beinarbeit bei Draft Prospects kann hier gesetzt werden. Außerdem kann damit leichter bestimmt werden, wie gut die pure Kraft beim Blocken umgesetzt wird. Dies sind elementare Eigenschaften eines Guards, Centers oder Defensive Tackles.

Die physischen Kämpfe an der Line of Scrimmage setzen viel Kraftumsetzung aus dem Unterkörper voraus und benötigen ein hohes Maß an Explosivität unmittelbar nach dem Snap. Ich bin mir sicher, dass viele den Wert des Broad Jumps unterschätzen.

Geno Atkins (117 Zoll) und Aaron Donald (116 Zoll) erzielten wenig überraschend starke Ergebnisse im Standweitsprung. Bei den inneren Offensive Linemen kommen Braden Smith (113 Zoll) und Jason Kelce (110 Zoll) auf sehr gute Resultate.

Linebacker

Am Ende steht bei einem Linebacker natürlich die Spielerkennung im Vordergrund. Jedoch benötigt er danach einen spritzigen Antritt und schnelle Richtungswechsel um auch an den Ort des Geschehens zu gelangen. Der Shuttle Drill bildet die Geschwindigkeit bei geänderten Laufwegen ab.

Wie bei allen anderen Ergebnissen in den Disziplinen gilt hierbei: Gute Ergebnisse bieten keine Garantie auf Leistung. Schwache Resultate werfen hingegen Fragen auf und können sogar ein Ausschlusskriterium sein.

Luke Kuechly (4,12) und Leighton Vander Esch (4,15) erzielten hierin gute Zeiten. Hingegen werden sich nur noch wenige an noch bessere Performer wie Ben Heeney oder Stephone Anthony erinnern. Sie finden allenfalls noch in den Special Teams einen Kaderplatz.

Fazit zum NFL Combine

Interviews und medizinische Test sind die beiden wichtigsten Einheiten beim NFL Combine. Auf beide Disziplinen haben außenstehende Fans und Scouts keinen Zugriff. Den Medien-Hype erfahren hingegen der 40 Yard Dash und weitere athletische Drills. Dabei schließen diese nur bedingt auf den Status eines zukünftigen NFL-Profis. Interessanterweise unterliegen Entscheidungsträger bei den Franchises häufig dem Irrtum, dass die Tests mehr bedeuten.

Unterm Strich liegt die Wahrheit auf dem Platz. Ein Spieler, der über Jahre am College konstant besondere Leistungen gezeigt hat, gesund ist und gute Soziale Kompetenzen mitbringt, sollte nicht aufgrund weniger Übungen herabgesetzt werden.

Antworten geben die Übungen nicht. Dafür kommen bei mir Fragen auf, wenn ein Prospect nicht so performt, wie ich es erwartet hatte. Dort gehe ich nochmal zurück ins Tape und schaue mir weitere Spielszenen an. Komme ich zum selben Ergebnis, ändere ich nichts an meiner Bewertung.