Der Aufbau des Kaders eines College Football Programms ist nicht mit der von NFL-Teams vergleichbar. In den kommenden Wochen möchte ich dir einen detaillierten Einblick geben, welche Instrumente für den Kaderaufbau zur Verfügung stehen.

Das NCAA Transfer Portal existiert seit dem 15. Oktober 2018 und ist seit diesem Tag eines der kontroversesten Themen im College Football: Aber was ist das genau und welche Rolle spielt es in der Kaderzusammenstellung der College Football Programme?

Kurzer Hintergrund zum Kaderaufbau

Student Athletes, unabhängig welche Sportart sie ausüben, sind in erster Linie Studenten. Sie sind an ihre Universität gebunden z.B. durch ihr Stipendium. Das Gros der College Football Spieler der höchsten Spielklasse besitzt ein Sport-Stipendium. Der Sport spielt im Leben dieser Studenten naturgemäß eine tragende Rolle, denn nicht wenige studieren auf Grund des Sportstipendiums an der Universität. Dieses Stipendium erhalten sie durch Angebote im Recruiting-Prozess oder sie erspielen sich ein Stipendium als Walk-on, indem sie über Probetrainings den Weg in ein Team schaffen und anschließend mit Leistung überzeugen. Über diese Instrumente kannst du in den Artikeln der kommenden Wochen mehr erfahren.

Grün: Alle Transfers Blau: Transfers von einer 2-Jahres Uni zu einer 4-Jahres Uni Orange: Transfer von einer 4-Jahres Uni zu einer anderen 4-Jahres Uni Quelle: http://www.ncaa.org/about/resources/research/transfers-division-i

Was sind häufige Gründe für einen Transfer?

Ambitionierte College Football Spieler üben den Sport mit dem Ziel aus, irgendwann mal in der NFL spielen zu dürfen und entsprechend entlohnt zu werden. Je höher ein Spieler im Recruiting-Prozess bewertet wurde, desto höher ist in der Regel der Anspruch, möglichst schnell Spielzeit zu bekommen. Ist dies nicht der Fall, kann es vorkommen, dass Spieler sich hinten anstellen müssen und im Depth Chart begraben sind. Auch kommt es durchaus vor, dass sich Spieler wegen bestimmter Coaching-Konstellationen für die jeweilige Universität entscheiden und diese Coaches u.U. entlassen werden. Spieler, die der Meinung sind, dass sie ihre Karriere an ihrer aktuellen Uni nicht weiterverfolgen können, haben die Möglichkeit sich in das NCAA Transfer Portal eintragen zu lassen und zu einem anderen Programm zu wechseln. Auch familiäre Gründe spielen eine Rolle. Der Besuch eines Colleges weit weg vom ursprünglichen Zuhause kann für junge Athleten eine große Herausforderung sein.

Wie funktioniert der Transferprozess?

Das Portal an sich ist eine simple Online-Datenbank, in die sich ein Spieler eintragen kann. Die Universität bzw. der Coaching-Staff können nicht verhindern, dass sich ein Spieler einträgt. Interessierte Programme haben Zugriff und können diese Spieler kontaktieren. Wenn sie im Kader noch Stipendien frei haben, können sie diese dem interessierten Spieler anbieten. Hat ein Spieler mehrere Angebote, kann sich für eines entscheiden und dann unmittelbar zur neuen Universität wechseln. Im Allgemeinen ist eines der Ziele des Transfer Portals die Vereinfachung des Transferprozesses. Eine Übersicht über alle Transfers bietet 247Sports an.

Welche Einschränkungen existieren bei Transfers?

Der Wechsel zwischen Universitäten hat keine akademischen Einschränkungen. Der transferierende Spieler kann direkt am Unterricht der neuen Uni teilnehmen. Sportlich gesehen gibt es allerdings einen Haken und dieser lautet: eine Saison aussetzen. Abhängig davon, wann der Transfer stattfindet, kann es sein, dass der Spieler daher nicht sofort spielberechtigt ist, verliert dadurch aber kein Jahr seiner gesamten College-Spielberechtigung.

Mit Einführung des Portals stieg jedoch der Anteil an Ausnahmeregelungen. Rund 2/3 der Anträge bzw. Widersprüche in der Saison 2019 waren erfolgreich, sodass Spieler zur neuen Saison nach dem Transfer sofort spielberechtigt waren. Ende Januar 2020 schlugen die Athletic Directors der Big Ten-Universitäten vor, eine NCAA-Regelung einzuführen, dass alle Transfers bei einem einmaligen Transfer direkt spielberechtigt sind, ohne eine einjährige Wartezeit einzulegen. Es wird vermutet, dass dies eine Bestrebung ist, einer gesetzlichen Regelung zuvor zukommen, denn der aktuelle Prozess zur Erlangung einer schnelleren Spielberechtigung wird von vielen Experten als intransparent bewertet. Die Regeländerung kann jedoch frühestens 2021 in Kraft treten, wenn sie sich durchsetzen sollte.

Aus Sicht des Spielers ist der Transfer auch mit einem gewissen Risiko verbunden, da er sein ursprüngliches Stipendium verliert und darauf hoffen muss, dass er ein Team findet, welches freie Stipendien zur Verfügung hat. Ist dies nicht der Fall, muss der Spieler das Studium selbst bezahlen.

FOOTBALL

2014-15

— 60 waiver requests.

— 40 approved, 67%.

2015-16

— 27 waiver requests.

— 13 approved, 48%.

2016-17

— 21 waiver requests.

— 14 approved, 67%.

2017-18

— 51 waiver requests.

— 45 approved, 88%.

2018-19

— 60 waiver requests.

— 41 approved, 68%.

Quelle: https://eu.sheboyganpress.com/story/sports/ncaaf/2019/05/29/ncaa-transfer-waivers-by-the-numbers/39523541/

Was sind Graduate Transfers?

Graduate Transfers sind Spieler, die bereits einen Undergraduate Abschluss in der Tasche haben, jedoch noch eine Restspielberechtigung im College Football haben und dann für eine letzte Saison zu einem anderen Programm transferieren. Ein häufiger Grund dafür ist die Steigerung des Draft Stocks. Graduate Transfers müssen keine Saison aussetzen und sind in der Saison nach dem Transfer unmittelbar spielberechtigt. Ein aktuelles Beispiel für einen Graduate Transfer ist der Wechsel von Running Back Trey Sermon von Oklahoma Sooners zu den Ohio State Buckeyes.

Wer profitiert vom Transferportal?

Aus meiner Sicht in erster Linie die College-Spieler. Sie können aus freien Stücken entscheiden, ob sie das Team wechseln wollen oder nicht. Für die Ausübung eines vergleichsweise gefährlichen Sports, für den sie nicht bezahlt werden, ist dies auch nur die richtige Konsequenz. Aber auch Coaches können sich mit einer klugen Strategie das Transferportal zu Nutze machen. Sonny Dykes, Head Coach der SMU Mustangs setzte in der vergangenen Saison 2019 auf insgesamt 31 Transfers, die den Kern der erfolgreichsten Mustangs-Mannschaft seit den 1980er-Jahren bildeten. Blue Blood Programs wiederum nutzen das Portal für gezielte Verbesserungen auf bestimmten Positionen und besetzen das Gros ihrer Kaderplätze inkl. Stipendien durch High School Recruits.

Peter Schindler
Peter ist College Football Fan mit Leib und Seele. Neben den Oklahoma Sooners und der Big 12 verfolgt er alle anderen Conferences regelmäßig und interessiert sich für alle möglichen Details der Nachwuchsliga. Insbesondere das Recruiting von High School Spielern, den NFL-Stars von morgen, beobachtet er intensiv.