Was habe ich College Football vermisst. Auch wenn direkte Duelle der Top Teams noch ein paar Wochen auf sich warten lassen, scheint eine Debatte bereits final entschieden. Trevor Lawrence sieht bereits nach dem ersten Spiel seiner letzten Saison für die Clemson Tigers wie der unangefochtene Nummer Eins Pick im kommenden NFL Draft aus.

Seinen ersten Einsatz in 2020 habe ich genauestens verfolgt. Mein Fazit nehme ich vorweg. Die Frage, wer an Nummer Eins gedraftet wird, ist beantwortet. Deshalb gehe ich schon jetzt darauf ein, welches Team gute Chancen hat, das Ausnahmetalent im nächsten Jahr auszuwählen.

Trevor Lawrence

Das Saisondebüt gegen Wake Forest liest sich in nackten Zahlen, wie folgt: 22 von 28 in Passversuchen, 351 Yards, drei Touchdowns und kein Turnover. Der bemerkenswerte Einstand war keineswegs garantiert. Lawrence hatte mit denselben Problemen in der Vorbereitung zu kämpfen, wie alle anderen Quarterbacks. Im Gegensatz zu Brock Purdy setzte der College-Star keinen Rost in der Offseason an und zeigte sich ob der Beschränkungen durch die Corona-Pandemie völlig unbeeindruckt.

Obwohl Lawrence gegen eine ernstzunehmende Defense von Wake Forest nur auf einen einzigen Rückkehrer im Starting Lineup seiner Offensive Line zählen konnte und zwei Sacks kassierte, bewahrte er stets Ruhe und kontrollierte das Spiel nach Belieben. Die beste Szene im Spiel resultiert daher auch bereits aus dem zweiten Drive der Saison. Im ersten Quarter trifft Trevor Lawrence seinen Receiver Amari Rodgers punktgenau für 36 Yards.

Die Wurfbewegung ist im Ablauf reibungslos. Solch genaue Pässe über eine weite Distanz sind praktisch nicht zu verteidigen. Es spielt bei seinem Armtalent in dieser Situation für ihn überhaupt keine Rolle, welche Coverage ihm die Defense bietet. Er weiß, dass dieser Ball ankommt, sobald kein Safety mehr hinter dem Passempfänger steht.

Lawrence bringt seine Receiver in dankbare Situationen und erlaubt Play Callern schier unbegrenzte Möglichkeiten das Feld anzugreifen. Zwei Rushing Touchdowns im Spiel beweisen seine zusätzliche Fähigkeit, mit Laufversuchen zu punkten. Dabei macht er allerdings äußerst selten davon Gebrauch. Üblicherweise steht er aufrecht in der Pocket und entweicht mit flüssiger Beinarbeit innerhalb der Pocket dem Druck ohne Auszuweichen. Dieses selbstbewusste “Klettern” erleben Scouts fast nie bei College Quarterbacks. Bei Trevor Lawrence ist das selbstverständlich.

NFL Draft 2021

NFL Teams schenken nicht absichtlich die Saison her. Trevor Lawrence zu verpflichten, ist nach einer verkorksten Saison aber ein besonderer Trostpreis. Fans und das Umfeld können sich bestimmt schon bald mit dem Gedanken erwärmen.

Diese Teams haben nach dem ersten Spieltag die besten Aussichten, im Rennen um Lawrence zu gewinnen. Als Fan von gutem Football wünsche ich mir persönlich, dass er in eine Situation gedraftet wird, die ihm schnellstmöglich effektives Quarterback-Spiel ermöglicht.

New York Jets

Der Saisonauftakt gegen Buffalo glich einem Offenbarungseid. Head Coach Adam Gase ist nicht erst seit dem letzten desolaten Auftritt angezählt. Das Team um Quarterback Sam Darnold ist momentan nicht gut genug. Aber so schlecht, wie es am Sonntag performte, ist es auch nicht. Sollten die Jets am Saisonende den First Pick erhalten, dürfte man in New York nicht nur vom Cheftrainer Abstand nehmen. Im dritten Jahr von Darnolds NFL Karriere müsste eine Saison mit weniger als drei Siegen schon sehr kurios verlaufen, damit der dritthöchste Pick im Draft 2018 weiterhin der unangefochtene Starter bleibt.

Genügend Cap Space ist für die Zukunft vorhanden, um das Team in die Erfolgsspur zurückzuführen. GM Joe Douglas konnte aber mit seinen Zugpferden Gase und Darnold bisher keine besonderen Spieler in den „Big Apple“ locken. Möglicherweise ändert sich dies, mit der Aussicht auf Trevor Lawrence. Im Wettbewerb um die Verpflichtung eines neuen Cheftrainers könnten die Jets dann vorn liegen. Die Chancen, den ins Stocken geratenen Umbruch endlich positiv zu gestalten, steigen damit. Es gibt dann aber keine Ausreden mehr für Joe Douglas.

Cleveland Browns

Zugegeben, die Browns in dieser Liste zu finden, ist bestimmt auch eine Überreaktion der Medien. Aber die Vergangenheit hat leider zu oft gezeigt, dass man in Cleveland die Erwartungen in das Team nicht erfüllt. Das Team ist talentierter als das der Jets. Kevin Stefanski wurde erst in der Offseason als neuer Head Coach vorgestellt. Alles wird man daher nicht in Frage stellen, sollte die Saison mit nur ein oder zwei Siegen enden.

Für Baker Mayfield, den First Overall Pick 2018 ist dies aber eine Saison, die förmlich „Alles oder Nichts“ schreit. Die Offensive Line wurde verbessert. Das Receiving Corps ist ordentlich. Ein Runningback Duo aus Nick Chubb und Kareem Hunt gehört definitiv zu den besseren der Liga. Und die Verteidigung ist, gespickt mit Playmakern, auch alles andere als ein Ausschlusskriterium für den Erfolg. Sollten sie die Saison also vergeigen, geht kein Weg an Trevor Lawrence vorbei.

Jacksonville Jaguars

Keine Franchise schrie in der Offseason lauter „Losing for Lawrence“ als die Jacksonville Jaguars. Seit Jahren können Leistungsträger nicht langfristig gehalten werden. Die Trades von Yannik Ngakoue, Calais Campbell und Jalen Ramsey bestätigen mir, dass in dieser Franchise so einiges schief läuft. Freiwillig gibt niemand gleich reihenweise solch talentierte Spieler ab. Fern der Realität träumt man im Umfeld schon von der Kombination aus Trevor Lawrence und seinem Head Coach Dabo Swinney als zukünftige Erfolgsgaranten. Daran glaubt allerdings außérhalb von Jacksonville niemand.

Außerdem macht Gardner Minshew genau das, was von einem notorischen Underdog in dieser Situation zu erwarten ist. Er denkt gar nicht daran, sich seinem Schicksal hinzugeben und spielte gegen die Colts am Sonntag fehlerfrei. Denn sollten die Jaguars an Nummer Eins im kommenden Draft an der Reihe sein, ist gewiss, dass Minshew die längste Zeit Starter gewesen ist. Damit das nicht passiert, muss Gardner nur gerade so viele Siege einfahren, dass der First Pick futsch ist. Und das scheint sich der sympathische Quarterback fest in den Kopf gesetzt zu haben.

Ich mache persönlich keinen Hehl daraus, dass mich das freut. Trevor Lawrence in Jacksonville wäre verschenkt. Außerdem steht dem Team die Rolle des Außenseiters wesentlich besser.

Carolina Panthers

Der spannendste junge Head Coach der vergangenen Offseason landete bei den Carolina Panthers. Matt Rhule erhielt vom ambitionierten Besitzer David Tepper einen Vertrag über sieben Jahre. Die Franchise hat große Pläne für die Zukunft. Diese sind eindeutig langfristig ausgelegt. Tepper will in die NFL Spitze zu großen Franchises wie den Dallas Cowboys und Pittsburgh Steelers aufsteigen. Die erreicht man sicherlich nicht mit Teddy Bridgewater.

Trevor Lawrence ist bei den großen Zielen einfach ein zu verlockender Name, als das man an der Ostküste die Möglichkeit einer „Tanking Season“ nicht wenigstens in Betracht ziehen möchte. Das Team ist sehr jung und bereits mit manchen Leistungsträgern offensiv wie defensiv gespickt. Der First Pick Overall ist daher eigentlich nur erreichbar, wenn Carolina die Saison frühzeitig abschenkt. Die Erwartungen an den neuen Cheftrainer und an das Team sind gering, sodass Fans und wenige gestandene Spieler, der Franchise ein Abschenken der Saison nicht verübeln würden.