Die NFL hat ihren nächsten Skandal! Oder etwa nicht? Diesen Eindruck konnte man bekommen, wenn man während und nach der fünften Runde im diesjährigen NFL-Draft in den Sozialen Medien unterwegs war und den Namen Justin Rohrwasser laß.

Justin Rohrwasser: Tattoo sorgt für Wirbel

Was war passiert? Die New England Patriots hatten Kicker Justin Rohrwasser von der Marshall University an 159. Stelle im Draft gezogen.

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Eine kleine Welle der Empörung, dass überhaupt ein Specialist gedraftet wurde, ebbte sehr schnell ab. Als dann aber Bilder von Rohrwasser im Internet auftauchten, die den Kicker mit einer Tätowierung der umstrittenen und politisch weit rechts angesiedelten Gruppe der Three Percenters zeigten, äußerten viele Beobachter Unverständnis und Bedenken wegen der Wahl der Patriots.

Denn die Three Percenters beteiligten sich in der Vergangenheit nicht nur an rechtsradikalen Veranstaltungen, sondern fordern darüber hinaus auch den bewaffneten Widerstand gegen eine mögliche Verschärfung der US-amerikanischen Waffengesetze.

Justin Rohrwasser: Twitter und Instagram enthüllen die Wahrheit

Ein kurzer Blick auf Rohrwassers Instagram- und Twitter-Accounts (sein Twitter-Account wurde jüngst als privat eingestuft) zeigt schnell, dass der Ex-Marshall-Kicker die umstrittene Tätowierung zwischen September und Dezember 2015 anfertigen ließ. Zudem teilte er immer wieder Tweets verschiedener bekannter Rechtsradikaler Persönlichkeiten. Während die Tweets noch einen gewissen Spielraum bezüglich der Ernsthaftigkeit der Äußerungen zulassen, besteht bei einer Tätowierung weniger Anlass zu glauben, dass Rohrwasser sich nicht intensiv mit dem Symbol auseinandergesetzt hat.

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Kicker/holder relationship❤️

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Wenn eine fünfminütige Recherche in den Sozialen Medien diese Tatsachen aufdeckt, stellt sich die alles entscheidende Frage: Warum haben die New England Patriots Rohrwasser trotzdem gedraftet? NFL-Teams sind in ihrer Draft-Evaluation vergleichbar mit hochrangigen Geheimdiensten. Die persönlichen Gespräche mit den Prospects ähneln Verhören. Wie kann die Tätowierung dabei nicht Thema gewesen sein?

Entweder haben die Patriots aufgrund der besonderen Umstände wegen der Corona-Krise nicht genug Zeit mit Rohrwasser verbracht. Oder – und diese Schlussfolgerung wäre viel dramatischer – New England hat sich einfach nicht für die Tätowierung interessiert.

Fragwürdige Reue im TV-Interview

Rohrwasser jedenfalls ließ schnell verkünden, dass er das Tattoo missverstanden hatte und entfernen lassen will. In einem Interview mit CBS Boston erklärte er, dass er erst am Samstag davon erfahren habe, was das Tattoo überhaupt bedeute. Unter Tränen entschuldigte er sich bei seiner Familie, dass er sie dadurch in eine derartige Situation gebracht habe, unangenehme Fragen beantworten zu müssen. Aber warum ist ihm das nicht schon vor dem Draft oder in den über vier Jahren davor aufgefallen?

Der Fall erinnert übrigens stark an den NFL-Draft 1996. Damals zogen die Patriots Defensive Tackle Christian Peters in der fünften Runde. Später stellte sich heraus, dass der Ex-Nebraska Cornhusker während seiner Studienzeit mehrfach gewalttätig gegenüber Frauen wurde. Die Patriots entließen ihren Draftpick eine Woche nach dem Draft, nachdem Fans, Medien und Myra Kraft, Ehefrau von Patriots-Owner Robert Kraft, eine Entlassung forderten.

Anscheinend interessieren sich NFL-Teams also nicht sonderlich für die Vergangenheiten ihrer Prospects, solange sie nicht in eine besondere Richtung gehen.

Justin Rohrwasser und Colin Kaepernick

Denn die Frage lautet auch: Warum wird ein Kicker mit einem rechtsgerichteten Tattoo gedraftet, während ein Star-Quarterback kein Team findet, weil er bei der Nationalhymne kniet und damit gegen Polizeigewalt gegenüber Minderheiten protestiert?

Die Rede ist natürlich von Ex-49ers-Quarterback Colin Kaepernick. Der heute 32-Jährige blieb während eines Pre-Season-Spiels 2016 während der Hymne sitzen und protestierte so gegen Polizeigewalt gegenüber Afro-Amerikanern. Später kniete er und motivierte damit weitere Spieler, ihren Unmut durch diese Geste zu zeigen.

Die Aktion polarisierte die Medienwelt. Während viele den Einsatz lobten, kritisierten andere Kaepernicks Respektlosigkeit gegenüber dem Militär. Sogar US-Präsident Donald Trump schaltete sich ein und empfahl den Ownern, Spieler zu feuern, die während der Hymne nicht standen.

Kaepernick wurde am Ende der Saison 2016 Free Agent und fand anschließend kein neues Team. Zwar gab nie ein Owner zu, das Risiko zu scheuen, den umstrittenen Quarterback zu verpflichten und damit einen möglichen Imageschaden hinzunehmen. Dennoch hält sich der Verdacht bis heute hartnäckig, denn warum sollten Teams freiwillig auf einen guten Quarterback verzichten?

Justin Rohrwasser und Co.: Die Rolle der Medien

Doch nicht nur die NFL und ihre Teams, auch die Medien sollten sich an die eigene Nase fassen. Während gefühlt jede Person, die in irgendeinem Verhältnis zu Kaepernick stand, während dessen Protestaktion befragt wurde, fehlen wichtige Fragen an wichtige Persönlichkeiten. Patriots-Headcoach Bill Belichick musste sich jedenfalls bisher noch nicht zum Pick von Justin Rohrwasser äußern, genauso wenig wie Owner Kraft. Stattdessen wurde Belichiks Hund zum Star des Drafts hochstilisiert.

Auch beim sonst so gründlich recherchierenden Online-Angebot The Athletic ist bisher keine Auseinandersetzung mit der Thematik zu finden. Die großen Netzwerke ESPN, CBS und Co. vermeldeten lediglich die Äußerungen von Rohrwasser, dass er die Tätowierung entfernen lassen wolle.

Das angesprochene TV-Interview beendete Moderator Steve Burton übrigens mit den Worten:

„Ich fand überhaupt nicht, dass er ein Rassist ist. Ich fand, er war sehr authentisch und bedauert es sehr. Dieser Junge verdient eine Chance.“

Tief verwurzelter Rassismus in der NFL

Somit keimt der Verdacht auf, dass die US-amerikanischen Medien mit zweierlei Maß messen. Proteste für die Rechte von Minderheiten werden aufgebauscht, Verbindungen in die rechte politische Ecke scheinen dagegen nicht skandalös genug zu sein.

Natürlich gilt es dabei zu bedenken, dass in den USA generell ein konservativeres politisches und gesellschaftliches Klima herrscht als in den meisten europäischen Staaten. Allerdings verfestigen sich durch eine derartige Berichterstattung schon bestehende Tendenzen und Vorurteile.

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Wenn eine Studie feststellt, dass selbst Draftanalysten afro-amerikanischen Quarterbacks eher das Attribut „Athletisch“ und weißen Quarterbacks eher das Attribut „Hohe Football-Intelligenz“ zuschreiben; wenn ein NFL-Team wie die Washington Redskins einen klar rassistischen Teamnamen tragen darf; wenn die NFL Experten anheuert, die herausfinden sollen, ob Spieler bei ihren Touchdown-Celebrations Gang-Zeichen benutzten; wenn eine überwältigende Mehrheit der Teamowner weiß ist – dann hat die NFL ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn sie auf der anderen Seite den Black History Month oder wohltätige Organisationen unterstützt, die sich für Gleichberechtigung einsetzt.