NFL Combine: Die Gewinner des Wochenendes

Alle Draft Prospects haben ihr bestes beim NFL Combine gegeben. Enttäuscht hat mich keines der Talente. Schwache athletische Tests hatte ich im vornherein von Derrick Brown und anderen erwartet. An meiner Bewertung verändert sich bei ihnen nichts. Dafür gab es am Wochenende einige überraschende Gewinner.

So präsentierten sich besonders die Offensive Tackle noch athletischer als ich es zuvor erwartet hatte. Da erwartet die NFL wirklich eine hervorragende Positionsgruppe im nächsten Draft.

Meine Aussagen zum Combine unterstütze ich mit Daten des „Relative Athletic Score“, kurz „RAS“. Dies ist ein bewährtes System von Kent Lee Platte zur einfachen Darstellung komplexer Zahlen. Hierbei werden die Körpermessungen mit den athletischen Resultaten, bezogen auf ihre Position, erhoben und verknüpft. Daraus ergibt sich eine einfache Skala von null bis zehn, die versucht das athletische Profil von schwach bis elitär einzuordnen.

Tristan Wirfs / Offensive Tackle, Iowa

Zwar war vielen bewusst, dass Tristan Wirfs in den athletischen Drills überzeugen wird. Das er jedoch den Combine so dominieren würde, war nicht zu erwarten. In den Position Drills zeigte er allen Anwesenden, wie beweglich er sein kann. Er reagierte glänzend auf Richtungswechsel und verlor dabei nichts von seinem hohen Speed.

Dazu brach er den Rekord im Vertical Jump, stellte die Bestmarke im Standweitsprung ein und lief zudem den schnellsten 40 Yard Dash aller Offensive Linemen in diesem Jahr. Vom Gequatsche “er sollte lieber Guard spielen” habe ich eh nichts gehalten. In meiner Bewertung hat er sogar einen weiteren Sprung gemacht. Zuvor als Erstrunden-Talent eingestuft, wäre ich nicht mehr abgeneigt, ihn in den Top Ten auszuwählen. Das wäre für Wirfs ein Unterschied von etwa Sechs Millionen US-Dollar im Rookie-Vertrag.

Ezra Cleveland / Offensive Tackle, Boise State

Ein wahres Feuerwerk hat der Offensive Tackle aus der Mountain West Conference da am Wochenende abgefeuert. Seinen starken Antritt bestätigte er auf den ersten zehn Yards im 40 Yard Dash. Dort lief er beeindruckende 1,74 Sekunden für seine massiven Körpermaße. In den Position Drills war dies ebenfalls spürbar. Der wenig ausgereifte Tackle zeigte sich alles in allem athletischer als erwartet und ist damit ein klarer Gewinner des Wochenendes. Die zeitliche Prognose für seine Entwicklung dürfte nun kürzer eingeschätzt werden als vor dem Combine.

Zuvor bereits von mir als legitimes Talent für die dritte Runde gehandelt, dürfte Cleveland den kleinen aber feinen Unterschied präsentiert haben, der ihn am zweiten Tag vor andere Tackle dieser Kategorie schiebt.

C.J. Henderson / Cornerback, Florida

Vertraue ich auf die Berichterstattung vor Ort, hat C.J. Henderson die überzeugendsten Position Drills aller Defensive Backs in Indianapolis gezeigt. Saubere und sichere Catches folgten auf weiche und flüssige Bewegungen konstant bei allen Einheiten.

Zwar werden Scouts wenig Wert auf die Resultate im Bankdrücken achten. Aber Henderson wurde im Vorfeld als zu zaghaft im Tackling und weniger physisch als andere Talente tituliert. Nun drückte, der mit 93 Kilogramm gemessene Cornerback, 20 Mal über 100 Kilogramm in die Höhe. Obwohl er sich derart kompakt präsentierte, lief er in 4,39 Sekunden den drittschnellsten 40 Yard Dash aller Defensive Backs.

Auf seine Probleme im Tackling angesprochen, meinte Henderson trocken, dass NFL Cornerbacks ihr Geld nicht mit Tackling sondern mit bester Coverage verdienen würden. Da werden ihm viele Teams Recht geben. Seine gelungene Performance könnte ihn am Ende in die erste Runde des Drafts führen.

Jeremy Chinn / Safety, Southern Illinois

Manch einer wundert sich vielleicht, warum ich nicht Kyle Dugger als besonderen unterklassigen Safety unter den Gewinnern führe. Dabei ist es ganz einfach so, dass Dugger niemanden überrascht hat. Alle Scouts erwarteten, dass der athletische Allrounder beste Resultate beim Combine erzielt.

Von Jeremy Chinn hatte man eine solch beeindruckende Leistung weniger angenommen. Mit seinem großen und breiten Körperbau, der perfekt für einen Strong Safety ausgestattet ist, präsentierte er sich ungewöhnlich agil. Er hat für Pass Coverages weitaus weniger athletische Einschränkungen, als ich es zuvor vermutet hatte.

Nachdem er bereits die Senior Bowl Woche als Gewinner verließ, hat sich das Talent von der Southern Illinois allmählich zu einem Tag Zwei Talent gemausert. 

Malik Harrison / Linebacker, Ohio State

Mit 112 Kilogramm Körpermasse muss man beim NFL Combine erstmal so abliefern. Im Vertical Jump und Broad Jump attestierte er sich ein besseres athletisches Profil als geahnt. Dazu lief er eine 4,66 im 40 Yard Dash. 

In meinem bisherigen Profil zu ihm, habe ich ihm Fähigkeiten für die Pass Coverage abgesprochen. Nun scheint dies nur ein technisches Problem zu sein, wie die Werte andeuten. Harrison könnte also vielseitiger eingesetzt werden, als ich es bisher angenommen hatte. Er dürfte in der Gunst der Teams gestiegen sein. An Tag Zwei des Drafts werden mehrere Teams ihn bereits relativ weit oben auf den Boards stehen haben.

Willie Gay Jr. / Linebacker, Mississippi State

Zugegeben hatte ich den SEC-Linebacker von der Mississippi State zuvor nicht auf meiner über 200 Prospects umfassenden Liste. Wer allerdings auf einer Position spielt, bei der ich Athletik besonders hoch bewerte, der muss nach diesen großartigen Tests beim NFL Combine evaluiert werden.

Noch kann ich nicht mehr zu ihm sagen, als das er am Wochenende auf meinem Radarschirm aufgetaucht ist. Ähnlich wie Blake Cashman im letzten Jahr könnte er aber am Ende als der größte Gewinner des Combines hervorgehen.

Die wichtigsten News zum NFL Draft

Der NFL Combine kommt leider nie ganz ohne Verletzungen aus. Am härtesten traf es wohl Laviska Shenault. Der hochtalentierte Receiver laboriert seit längerem an einer Muskelverletzung und muss nun sogar operiert werdern. Damit wird er vier bis sechs Wochen ausfallen und kann auch am Pro Day seiner Colorado Buffaloes nicht teilnehmen.

Die Gespräche zwischen den Miami Dolphins und Tua Tagovailoa sind angeblich nicht wie erwartet verlaufen. Am Wochenende kursierten viele Gerüchte zum Draft und zur NFL. Es ist nur schwer auszumachen, welche Aussagen absichtlich für Ablenkung sorgen sollen und welche tatsächlich wahr sind.

Sollte mehr dran sein, dürfte Justin Herbert als weiterer Gewinner aus dem Combine-Wochenende hervorgehen.

Philipp Forstner
Autor: Philipp Forstner
Philipp Forstner ist ehemaliger O-Liner der Bielefeld Bulldogs und sammelte erste Erfahrungen als Autor bei dem Blog "Beardown Germany". Er ist Chefredakteur für SCOUTREPORT - Das American Football Magazin und beobachtet als Scout die zukünftigen und aktuellen Spieler der NFL.