Free Agency-Quarterbacks 2020: Das sagen die Zahlen

Wenn am 18. März offiziell die Free Agency der NFL beginnt, steht eine Positionsgruppe besonders im Fokus. Selten gab es in der Geschichte der Liga so viele spannende Free Agency-Quarterbacks und gleichzeitig so viele Teams, die auf der Suche nach einem neuen Ballverteiler sind. Was sagen die Zahlen zu den sieben wichtigsten Quarterbacks der Free Agency-Klasse? Wir haben die Antworten für Dich.

Dak Prescott, Tom Brady, Philip Rivers, Ryan Tannehill, Jameis Winston, Teddy Bridgewater und Marcus Mariota – Mit diesen Quarterbacks werden wir Dich in diesem Text vertrauter machen.

Vorbemerkungen

Frei nach dem Motto „Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, sind alle im Text genannten Werte und deren Einordnung grundsätzlich mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Zahlen bilden immer nur einen Teil der Wirklichkeit ab. Auch wenn die hier verwendeten Advanced Stats in der Analytics Community einen hohen Stellenwert genießen, kann kein Quarterback oder sonstiger Spieler nur darauf reduziert werden. Sämtliche Aussagen in diesem Text sind deswegen als Tendenzen zu betrachten. Wir würden uns nämlich niemals anmaßen, den von uns so geliebten Football mit ein paar Stats erklären zu können.

Free Agency-Quarterbacks: Die Basics

Beginnen wir mit den grundlegenden Zahlen, um die Quarterbacks zunächst einmal nach Erfahrung einzuordnen.

Quarterback Alter bei Saisonstart Karriere-StartsGeworfene Karriere-Pässe
Tom Brady 43 283 9988
Philip Rivers 38 224 7591
Ryan Tannehill 32 98 3197
Dak Prescott 27 64 2071
Teddy Bridgewater 27 34 1070
Jameis Winston 26 70 2548
Marcus Mariota 26 61 1765

Brady und Rivers setzen sich, was die NFL-Erfahrung betrifft, deutlich vom Rest der Free Agency-Quarterbacks ab. Vor allem hinter Brady stehen aufgrund seines Alters aber erhebliche Fragezeichen. Wie lange kann der 43-Jährige sein Niveau noch halten? In der NFL-Geschichte gab es mit George Blanda (48), John Nesser (45), Steve DeBerg (44), Warren Moon (44) und Vinny Testaverde (44) nur fünf Spieler, die bei ihrem letzten Einsatz älter als Brady waren.

Um halbwegs vergleichbare Werte zu bekommen, schauen wir uns die Yards per Pass Attempt (YPA), also die durchschnittlich pro Pass erworfenen Yards jedes Quarterbacks vor und nach seinem 43. Geburtstag an. In Klammern stehen die geworfenen Pässe. Blanda war ab seinem 40. Lebensjahr nur noch als Kicker für die Raiders aktiv. Zu Nesser gibt es kaum relevante Daten.

Quarterback YPA bis 43 Jahre alt YPA ab 43 Jahre alt
Steve DeBerg 6,8 (4965) 6,3 (59)
Warren Moon 7,2 (6786) 6,2 (37)
Vinny Testaverde 6,9 (6526) 5,6 (175)
Tom Brady 7,5 (9988) ???

Die Sample-Size (in diesem Fall die Anzahl der geworfenen Pässe) ist bei den meisten Quarterbacks in dieser Liste nicht groß. Dennoch lässt sich feststellen, dass alle Ballverteiler nach ihrem 43. Geburtstag im Schnitt deutlich kürzere Pässe warfen. Dieser Trend ist bei den meisten Quarterbacks bereits schon früher zu beobachten.

Die Tendenzen im Passing Game

Schauen wir nun auf die Advanced Passing Stats der sieben wichtigsten Quarterbacks der Free Agency.

Yards per Attempt (YPA) ist ein Indikator für das Design der Passing-Offense des jeweiligen Quarterbacks und für seine Vorlieben. Ein niedriger Wert spricht für eine tendenziell kurzpasslastige Offense, ein hoher Wert für eine tendenziell auf das Deep-Passing-Game ausgerichtete Offense.

Average Depth of Target (aDOT) ist ein weiterer Indikator für das Design einer Passing-Offense, berücksichtigt aber nur die tatsächlich geworfenen Yards eines Quarterbacks und eliminiert die Yards, die der Receiver nach dem Catch produziert. Auch hier gilt, je höher der Wert, desto tendenziell vertikaler die Offense.

On Target Percentage (OnTGT%) zeigt, wieviele Pässe eines Quarterbacks sein Ziel erreicht haben und erreicht hätte (stattdessen aber anderweitig abgefangen wurden) und ist damit ein Indikator für die Genauigkeit im Passspiel.

Bad Throws (Bad%) beschreibt, welcher Anteil der Pässe eines Quarterbacks nicht fangbar war.

Expected Completion Percentage (xCOMP%) ist eine Statistik von NFL NextGen Stats und bildet ab, wie die Completion Percentage eines Quarterbacks im Durchschnitt hätte sein sollen. Dazu schreibt NextGen jedem Wurf eines Quarterbacks eine Erfolgswahrscheinlichkeit zu, abhängig von vielen Variablen wie Separation des Receivers, Druck auf den Quarterback, Verteidiger in Coverage und so weiter.

Die Differenz (Diff) zwischen der Expected Completion Percentage und der tatsächlichen Completion Percentage beschreibt schließlich, um wieviele Prozentpunkte ein Quarterback die durchschnittlich zu erwartende Completion Percentage über- oder unterschritten hat.

Quarterback YPA aDOT OnTGT% Bad% xCOMP% Diff
Dak Prescott 8,2 9,3 77,6 14,8 62,6 +2,5
Tom Brady 6,6 7,6 73,1 20,6 64,0 -3,1
Philip Rivers 7,8 8,5 76,7 15,4 64,0 +1,9
Jameis Winston 8,2 10,4 69,9 20,6 60,8 -0,1
Marcus Mariota 7,5 7,0 71,8 20,8 61,8 -2,4
Teddy Bridgewater 7,1 6,2 81,3 11,8 67,3 +0,6
Ryan Tannehill 9,6 9,5 80,9 12,6 62,2 +8,0

Der krasse Outlier in der Tabelle ist Tannehill. Der Titans-Quarterback übertraf die zu erwartende Completion Percentage um satte acht Prozentpunkte bei 9,6 Yards pro Passversuch. Im historischen Vergleich war die vergangene Saison die achtbeste Spielzeit eines Quarterbacks überhaupt, was die Yards pro Passversuch betrifft. Dabei waren über 80 Prozent seiner Pässe fangbar. Genauer war nur Bridgewater bei deutlich kürzeren Wurfdistanzen.

Anhand der Tabelle lassen sich die Free Agency-Quarterbacks grob in bestimmte Kategorien einteilen. Während Winston (10,4 aDOT/8,2 YPA), Tannehill (9,5 aDOT/9,6 YPA) und Prescott (9,3 aDOT/8,2 YPA) tendenziell eher den tiefen Pass suchen beziehungsweise in offensiven System gespielt haben, die den tiefen Pass bevorzugen, rangieren Bridgewater (6,2 aDOT/7,1 YPA) und Mariota (7,0 aDOT/7,5 YPA) im Kurzpassbereich. Brady und Rivers liegen irgendwo dazwischen, obwohl vor allem Brady früher deutlich bessere Werte in diesen Bereichen hatte – ein Indiz für seine nachlassende Armstärke, oder eher ein Hinweis auf sein schwaches Receiver-Corps 2019?

Erwähnenswert ist darüber hinaus auch Bridgewater. Sein hoher Accuracy-Wert (81,3 Prozent On Target) und seine hohe Expected Completion Percentage (67,3 Prozent) deuten in Zusammenhang mit seinem niedrigen aDot (6,2) darauf hin, dass der Ex-Viking größtenteils kurze und sichere Pässe auflegte, und/oder einfach sehr gute Entscheidungen traf.

Die Values im Running Game

In der heutigen NFL sind Rushing-Quarterbacks ein gern gesehenes Gut. Wie verhält es sich mit den aktuellen Free Agency-Quarterbacks in diesem Bereich? Schauen wir uns folgende Statistiken an:

Rush-Percentage (Rush%) bildet den Anteil der Laufspielzüge eines Quarterbacks im Verhältnis zu der Snapanzahl während der Saison 2019 ab.

Yards per Carry (YPC) sagt aus, wieviel Raumgewinn ein Quarterbacks durchschnittlich pro Run erlaufen hat.

Scramble-Percentage (SCR%) spiegelt den Anteil der Scrambles, also der ungeplanten Läufe eines Quarterbacks im Verhältnis zu seinen gesamten Laufspielzügen wider.

Run-DVOA (RDVOA) ist eine Statistik von FootballOutsiders, die grob gesagt den Wert eines Spielers im Vergleich zum Ligadurchschnitt setzt und an die Stärke der gegnerischen Defense anpasst. DVOA wird in einer Prozentzahl ausgedrückt.

Quarterback Rush% SCR% YPC RDVOA
Dak Prescott 4,7 38,5 5,3 12,4
Tom Brady 2,2 11,5 1,3 21,9
Philip Rivers 1,2 50,0 2,4 k.A.
Jameis Winston 5,2 52,5 4,2 12,0
Marcus Mariota 6,7 54,2 5,4 -6,8
Teddy Bridgewater 7,0 42,9 1,1 -34,0
Ryan Tannehill 5,3 34,9 4,3 48,8

Bridgewater, Mariota, Tannehill, Winston und Prescott wurden deutlich häufiger in das Laufspiel ihrer Teams eingebunden, während Rivers und Brady kaum den Ball mit ihren Beinen bewegen mussten. Auffällig ist die deutlich geringere Scramble-Quote von Brady, die darauf hindeutet, dass das System ihn vor ungeplanten Ausflügen mit dem Ball beschützt hat.

Die Umstände der Free Agency-Quarterbacks

Football ist ein Mannschaftssport und dementsprechend kann die Leistung eines einzelnen Spielers nicht ohne Kontext betrachtet werden. Zwar versucht beispielsweise Pro Football Focus mit einem Benotungssystem, die Einzelperformance vom Rest der Mannschaft zu isolieren. Die meisten Statistiken können dies jedoch nicht leisten.

Welche Faktoren sind relevant, um die Quarterbackleistung in einen Kontext zu setzen?

Pro Football Focus Offensive-Line-Ranking ist das offizielle Ranking von Pro Football Focus und bewertet die Offensive Lines der NFL-Teams nach verschiedenen Kriterien.

Drop-Percentage (Drop%) gibt an, wie groß der Anteil der von den Receivern fallengelassenen Bälle im Verhältnis zu den geworfenen Pässen ist. Drops können tendenziell eher als Fehler der Receiver gesehen werden und spiegeln somit nicht die Leistung des Quarterbacks wider.

Yards after Catch per Completion (YAC/COMP) beschreibt, wieviel Raumgewinn ein Receiver nach dem Catch produziert hat. Auch dieser Wert ist zum Großteil unabhängig von der Quarterbackleistung, es sei denn, der Quarterback platziert seine Pässe perfekt in den Laufweg eines Empfängers und hat damit einen Anteil an den Yards nach dem Catch.

Quarterback PFF-Offensive-
Line-Ranking
Drop% YAC/COMP
Dak Prescott 4 6,2 4,9
Tom Brady 10 5,9 4,9
Philip Rivers 29 4,4 5,6
Jameis Winston 7 3,8 4,9
Marcus Mariota 8 6,7 6,3
Teddy Bridgewater 5 8,2 5,3
Ryan Tannehill 8 3,2 6,2

Trotz Michael Thomas, dem produktivsten Receiver der abgelaufenen Saison, war Bridgewater 2019 nicht unbedingt vom Glück geküsst. Mit einer Droprate von 8,2 Prozent trotz tendenzielle eher kürzerer Pässe rangiert er einsam an der Spitze dieser Statistik, gefolgt von Mariota (6,7 Prozent). Auffällig: Tannehill, dem das gleiche Receiving-Corps wie Mariota in Tennessee zur Verfügung stand, hatte nur halb so viele Drops zu beklagen. Allerdings könnte diese Diskrepanz auch damit zusammenhängen, dass sich vor allem Rookie-Receiver A.J. Brown und Runningback Derrick Henry  zu Beginn der Saison mehr Drops leisteten als im späteren Saisonverlauf, als Tannehill für Mariota übernahm. Die beiden Titans-Quarterbacks können sich zudem über die meisten Yards nach dem Catch freuen, was allerdings auch in vielen Screen-Pässen zu Runningback Henry begründet ist.

Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass Brady wohl tatsächlich mit die schlechtesten Umstände der Free Agency-Quarterbacks hatte. Sowohl seine Offensive-Line, als auch sein Receiving-Corps halfen dem Veteranen nicht wirklich, seine Leistung abzurufen.

Nun wird es spannend, wo die Free Agency-Quarterbacks am Ende landen werden. Wir haben die interessantesten Gerüchte bereits letzte Woche für dich zusammengefasst.

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Sven Schüer
Autor: Sven Schüer
Sven Schüer ist als Sportjournalist seit 2015 für die Neue Osnabrücker Zeitung tätig und dort unter anderem als Beat Writer der Osnabrück Tigers ganz nah dran am Geschehen. Bei Scoutreport – Das American Football Magazin berichtet er über die NFL, die GFL und die XFL.