Wenn NFL-Commissioner Roger Goodell in der Nacht von Donnerstag auf Freitag den NFL-Draft 2020 eröffnet, steht der mächtigste Mann der Liga nicht auf einer Bühne. Stattdessen sitzt Goodell in seinem Keller. Vor einem Laptop. Genau wie die 32 General Manager der Teams.

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Dementsprechend dürfen wir uns auf einige Kuriositäten im kommenden Draft freuen. Stockende Bilder, fehlende Verbindungen und verschluckte Wörter, vielleicht ja auch das ein oder andere Kind, das durch das Bild läuft. Sicher ist: Dieser Draft wird sich in die lange Liste der kuriosen Drafts einreihen.

Grund genug, eine kleine Reise durch die vergangenen NFL Drafts zu unternehmen und kuriose Momente und Anekdoten zu präsentieren. Viel Spaß beim Lesen.

1947: Zwei Erstrundenpicks und kein Spieler

1947 war es endlich soweit: Die Washington Redskins hatten nach einer wahren Odyssee ihren Wunschspieler geholt. UCLA-Runningback Cal Rossi stand bereits 1946 ganz oben auf der Liste der Hauptstädter, die ihn damals mit dem neunten Pick holten. Allerdings stellten die Redskins anschließend fest, dass Rossi noch Junior und nicht spielberechtigt für die NFL war.

Die besten Runningbacks im NFL Draft 2020

Also wählte Washington den Runningback ein Jahr später erneut in der ersten Runde aus, dieses Mal an Position vier – nur um dann festzustellen, dass Rossi kein Interesse an einer Footballkarriere hatte. Der Runningback spielte kein einziges Down in der NFL.

1972: Die Falcons draften John Wayne

Norm Van Brocklin gehört sicher zu den herausragenden Persönlichkeiten der NFL-Geschichte. Als Quarterback der Los Angeles Rams und der Philadelphia Eagles und als Trainer der Minnesota Vikings und Atlanta Falcons unterhielt er Fans und Mitspieler mit zahlreichen Kraftausdrücken und merkwürdigen Handlungen.

So auch beim NFL-Draft 1972: In der 17. Runde stand der damalige Falcons-Headcoach auf und schrie durch den War Room:

Wollen wir den härtesten, wildesten Mistkerl im Draft?

Der ganze Falcons-Staff war euphorisch. Und Atlanta draftete den damals 65-jährigen John Wayne von der Fort Apache State, seines Zeichens Hollywood-Ikone und Wild West-Kultfigur. Das College war natürlich erfunden und eine Referenz an Waynes Werke. NFL-Commissioner Pete Rozelle mimte allerdings den Spielverderber und untersagte den Pick.

1973: George Allen maximiert den Draftpick-Value

Value ist das Zauberwort, wenn es um American Football und den Draft geht. Welchen Wert haben die Picks? Wie groß ist die Erfolgsquote?

Diese Fragen interessierten Washington Reskinds-General Manager George Allen 1971 nur marginal. Der konservative Denker und Lenker in der Hauptstadt setzte lieber auf Veteranen und hielt nicht viel von Rookies. In den gesamten 1970er-Jahren hatten die Redskins keinen einzigen Erstrundenpick und zwischen 1971 und 1973 dreimal in Folge die wenigsten Picks aller NFL-Teams.

Allerdings schöpfte Allen den Wert seiner Picks zu mehr als 100 Prozent aus. Seinen Zweitrundenpick 1973 tradete er bereits 1971 zu den New York Jets für Defensive End Verlon Biggs. Außerdem holte er Rams-Safety Richie Petibon. Das Problem: Für Petibon bezahlte er den gleichen Pick an die Rams, den er bereits an die Jets vertickt hatte.

Zudem bündelte Allen einen Dritt- und einen Viertrundenpick und holte dafür Bills-Defensive End Ron McDole und Chargers-Cornerback Speedy Duncan.

Der Betrug fiel erst ein Jahr später auf. Zur Strafe mussten die Redskins einige Draftpicks abgeben. Allen kam glimpflich davon, heuerte später bei den Chargers an – und führte die Praxis der Valuemaximierung auch dort weiter.

1979: Der Kampf um Mr. Irrelevant

Als Mr. Irrelevant wird traditionell der letzte im Draft ausgewählte Spieler bezeichnet. Im vergangenen Jahr wurde diese Ehre Tight End Caleb Wilson zuteil, der an Position 254 von den Arizona Cardinals gedraftet wurde. Ein Jahr zuvor wurde Wide Receiver Trey Quinn als letzter Spieler von den Washington Redskins geholt.

Der Pick besitzt für das entsprechende Team einen gewissen Wert, denn Mr. Irrelevant wird seit 1976 alljährlich mit der Mr. Irrelevant Week medial gefeiert. Zudem bekommt der gepickte Spieler zahlreiche Preise verliehen.

Diese kostenlosen Werbemaßnahmen wollten sich 1979 auch die Los Angeles Rams und die Pittsburgh Steelers nicht entgehen lassen. Die Rams hatten den vorletzten, die Steelers den letzten Pick. Doch die Rams verzichteten auf eine Auswahl und ließen den Steelers den Vortritt, um anschließend Mr. Irrelevant zu picken. Aber auch Pittsburgh hatte ein Auge auf den Pick geworfen und verzichtetet ebenfalls auf eine Auswahl.

So ging es noch eine ganze Weile hin und her, bis NFL-Commissioner Pete Rozelle ein Machtwort sprach und den Steelers den letzten Pick zusprach. Die Wahl fiel schließlich auf Wide Receiver Mike Almond von der Northwestern State. Allerdings bestritt Mr. Irrelevant 1979 kein Spiel in der NFL.

Um ähnliche Vorgänge in Zukunft zu vermeiden, führte Rozelle anschließend die Salada-Rule ein, die festschreibt, dass das letzte Team diese Position im Draft nicht verlassen darf und so unter allen Umständen einen Mr. Irrelevant auswählen muss.

1982: Die Buccaneers draften den falschen Spieler

Telefonverbindungen können frustrierend sein. Das könnte in diesem Jahr auch wieder der Fall sein, wenn die Teams ihre Picks via Livestream einreichen. Für die Buccaneers wurde die Technik schon 1982 zum Problem. Tampa Bay wollte in der ersten Runde unbedingt Defensive End Booker Reese draften.

Um der Möglichkeit aus dem Weg zu gehen, dass ihr Wunschspieler an Position 17 nicht mehr verfügbar gewesen wäre, hatten sie ihrem Zeugwart Pat Marcuccillo, der vor Ort war und die Picks weitergeben sollte, Offensive Guard Sean Farrell als Alternative auf eine zweite Draftkarte geschrieben.

Das Board fiel zwar wie erhofft, Reese war noch da. Doch die Telefonverbindung zwischen dem War Room der Buccaneers und ihrem Zeugwart war gestört. Marcuccillo verstand nur Bruchstücke und ging davon aus, dass er die Draftkarte mit dem Namen Sean Farrell einreichen sollte. Die Ansage aus Tampa Bay lautete aber, dass er eben NICHT Farrell, sondern Reese draften sollte.

Also drafteten die Buccaneers den Offensive Guard und versuchten, die NFL von ihrem Fehler zu unterrichten. Commissioner Rozelle ließ aber nicht mit sich verhandeln. Kurzerhand tradeten die Bucs ihren Erstrundenpick vom Draft 1983, um Reese in der zweiten Runde zu ziehen.

Die Ironie dabei: Während Reese wegen Drogenproblemen kaum nennenswerte Leistungen abrief, war Farrell zehn Jahre lang als Guard in der NFL aktiv und brachte es dabei auf 106 Starts.

1986: Die Bucs und das Bo Jackson-Desaster

An dieser Stelle ein Hinweis an alle NFL-Teams: Wenn ein Spieler kein Interesse hat, für die Franchise zu spielen, sollte er auch nicht gedraftet werden.

Das hätten sich die Tampa Bay Buccaneers 1986 eigentlich auch denken können. Denn Auburn-Runningback Bo Jackson hatte bereits während der Saison klargemacht, dass er eine Baseball-Karriere anstrebe und kein Interesse an der NFL habe. Speziell den Bucs sagte er, dass ihr Pick für ihn verschwendet wäre.

Hintergrund war ein Treffen zwischen Jackson und Tampa Bay etwa einen Monat vor dem Draft. Die Bucs hatten Jackson versichert, dass die Reise nach Florida von der NCAA und der SEC abgesegnet worden wäre. Das entsprach allerdings nicht der Wahrheit und Jackson verlor seine Berechtigung, am MLB-Draft teilnehmen zu dürfen.

Jackson ließ verkünden, niemals für die Bucs spielen zu wollen. Doch die kümmerten sich nicht um seine Aussage und wählten ihn mit dem First Overall Pick aus. Das anschließende Vertragsangebot (5 Jahre/7,6 Millionen US-Dollar) schlug Jackson aus und schloss sich stattdessen dem Baseball-Team der Kansas City Royals für einen Bruchteil des Geldes (3 Jahre/1,07 Millionen US-Dollar) an.

Im NFL-Draft 1987 wurde Jackson erneut ausgewählt, diesmal von den Los Angeles Raiders an Position 183. Wieder lehnte der Runningback ab, ließ sich aber von Raiders-Besitzer Al Davis umstimmen. Dessen Angebot: Jackson unterschrieb bei den Raiders, wurde zum bestbezahlten Nicht-Quarterback der Liga (5 Jahre/7,4 Millionen US-Dollar) und durfte die komplette MLB-Saison Baseball spielen.

Jackson war vier Jahre lang in der NFL aktiv und spielte neun Jahre lang in der MLB.

1999: Der längste Draftpick der Geschichte

Technisch gesehen gehört diese Geschichte nicht zum Draft 1999, passt hier aber gut. Denn als Norm Michael 1999 eine Liste aller jemals gedrafteten Spieler der Syracuse University durchblätterte, fiel ihm ein Name besonder auf: Sein Eigener.

Offenbar hatten die Philadelphia Eagles den damaligen Fullback 1944 in der 18. Runde gedraftet. Mitbekommen hatte Michael das allerdings nicht. Erst 55 Jahre später bekam er Wind davon – und fragte direkt bei den Eagles an, ob es damals einen Signing Bonus für ihn gegeben hatte. Doch die Eagles verneinten. Sie wussten beim Draft 1944 nicht, dass Michael inzwischen der Navy beigetreten war, und verzichteten deswegen auf eine Kontaktaufnahme.

2003: Die Vikings verpassen die Deadline

Tradegespräche können ganz schön aufregend sein. Diese Erfahrung machten die Minnesota Vikings 2003 auf die harte Tour. Die Verhandlungen mit den Ravens, Patriots und Jaguars, die alle scharf auf den Erstrundenpick der Vikings an Position sieben waren, zogen sich hin. Erst 32 Sekunden vor Ablaufen der Uhr reichten die Vikings den Trade ein, der allerdings nie bei den NFL-Offiziellen ankam.

Was mit der Trademitteilung passierte, ist bis heute unklar. Die damalige Verwirrung nutzten die Jaguars und die Panthers, die im wahrsten Sinne des Wortes zum Podium stürmten und ihre Picks einreichten, bevor die Vikings überhaupt wussten, was passiert war. Wenn nämlich die Uhr ausläuft, kann das Team, das an der Reihe war, jederzeit seinen Pick nachholen. Die Vikings wurden von Carolina und Jacksonville aber völlig überrumpelt.

Die Jaguars zogen Quarterback Byron Leftwich, die Panthers Offensive Tackle Jordan Gross. Erst danach pickte Minnesota und holte sich Defensive Tackle Kevin Williams.

2011: Ein Drafttrade aus reiner Nostalgie

Eigentlich war der Drafttrade zwischen den Philadelphia Eagles und den New England Patriots 2011 kaum der Rede wert. In der sechsten Runde tradeten die Eagles von Position 194 auf 193 vor, die Patriots rutschten dadurch einen Spot nach hinten. Einen speziellen Spieler hatten die Eagles dabei nicht im Sinn.

Vielmehr ging es darum, eine Tradition aufrecht zu erhalten. Patriots-Headcoach Bill Belichick und Eagles-Headcoach Andy Reid hatten seit dem Draft 2000 jedes Jahr mindestens einen Trade untereinander ausgemacht.