Meister Clemson überzeugt mich bisher nicht

Am vergangenen Spieltag erlebten wir wahrscheinlich die bisher packendsten Spiele im College Football. Wer hohe Erwartungen an die ersten wichtigen Conference Duelle der Saison hegte, wurde definitiv nicht enttäuscht. In den Top 25 Rankings der Associated Press finden sich mittlerweile einige Überraschungsteams wieder. Andere mussten dafür Federn lassen. Ich schau in meiner Vorschau diese Woche unter anderem auf die Clemson Tigers.

#3 Clemson Tigers @ Louisville Cardinals (18 Uhr)

Der amtierende Nationale Meister aus Clemson/South Carolina stolpert bisher mehr schlecht als recht in die Playoffs. Mit einem knappen und schmeichelhaften Erfolg gegen ein klar schwächeres Team aus North Carolina wurde die Mannschaft zuletzt berechtigter Kritik ausgesetzt. Die Vorschusslorbeeren aus der vergangenen Saison dürften bei einer erneut durchwachsenen Performance bald aufgebraucht sein. Mit den Cardinals kommt nun ein Gegner, der sich im Aufwind befindet.

Draft Nerd DE Football Schaubude: Quarterback Lamar Jackson

Nachdem man im letzten Jahr den in die NFL abgegangenen Quarterback Lamar Jackson sichtlich vermisste und nur zwei Siege einfahren konnte, änderte man am Jahresanfang mit neuem Coach auch gleich die offensive Grundeinstellung. Wir sehen jetzt Triple Option Plays, wo wir vorher Read Option erlebten. Die lauflastige Offense wird mit viel Play Action kombiniert, womit sich Louisville nach anfänglichen Problemen immer besser zurechtzufinden scheint.

So schlug man jüngst am vergangenen Wochenende die gerankten Wake Forest Demon Deacons in einem Shootout mit 62:59. Die Tigers sollten daher alarmiert sein, das Spiel nicht auf die leichte Schulter nehmen und ihren Playmakern in der Offensive vertrauen.

Neben Quarterback Trevor Lawrence, der frühestens in den NFL Draft 2021 gehen darf, ist das vor allem Runningback Travis Etienne. Der Junior bricht und gleitet mit exzellenten Cuts durch die gegnerischen Verteidiger hindurch. Es gibt kaum eine Situation, in der man den Eindruck bekommt, er würde nicht mehr Yards aus seinen Läufen herausholen.

Bei genauerem Hinsehen ist mir allerdings aufgefallen, dass er sich nicht selten auf die falsche Fährte begibt. Übersicht ist leider kaum vorhanden. Am College mag man mit rein physischen oder athletischen Läufen Erfolg haben. In der NFL ist die Übersicht das wichtigste Attribut eines Runningbacks. Die Löcher werden kleiner, Gegner athletischer. Da sollten wir im Spiel mal ein Auge drauf haben und uns nicht von der schieren Produktion blenden lassen.

Wechselt der Ball die Seiten, dürfen wir uns auf Isaiah Simmons freuen. Vor 20 Jahren wäre der Clemson-Linebacker eher in den letzten Runden geholt worden und man würde ihn auf Safety umschulen. Schauen wir uns allerdings an, wie zum Beispiel die Jacksonville Jaguars Telvin Smith als Sam Linebacker bisher einsetzten, kann ich mir durchaus vorstellen, dass ein einzigartiges Talent wie Simmons am Ende in den Top 10 gedraftet werden könnte.

In Man Coverages kann der leichtfüßige Outside Linebacker es sogar mit Wide Receivern aufnehmen. Gegen den Lauf glänzt er mit einer bemerkenswerten Physis. Dabei nimmt er jedoch sehr früh den Kopf herunter, was ihm gegen die Option Plays der Cardinals zum Verhängnis werden könnte. Ihm würde ein etwas behutsames agieren in diesem Spiel gut tun. Ansonsten darf er sich auf seine guten Football Instinkte verlassen.

Im Pass Rush ist er im Grunde nur bei Blitzes gefährlich. Noch dazu wird er im Spiel auf Left Tackle Mekhi Becton treffen. Der Hühne mit über zwei Metern und 164 Kilogramm Körpermasse weiß seine gesamten Maße einzusetzen. Im Zone-Blocking-Schema von Louisville verfügt er über eine bemerkenswerte Reichweite und wird Simmons ein ums andere Mal im zweiten Level fordern.

Als Tackle ist er mir für eine NFL-Zone-Offense zu schwer, und da er bereits an Gewicht abgespeckt hat, ist eher zu erwarten, dass er im Draft als Guard angesehen wird.

Scouts dürfen sich nebenher auf das Duell zwischen Clemson Cornerback A.J. Terrell und Louisville Wide Receiver Dez Fitzpatrick freuen. Doch die Tigers wären nicht der Titelverteidiger, wenn sie nicht weitere Talente für den nächsten Draft in ihren Reihen hätten und daher erneut als klarer Favorit ins Spiel gehen.

Da wären offensiv Wide Receiver Tee Higgins und die Offensive Linemen Gage Cervenka, sowie Tremayne Anchrum zu nennen. In der Defensive lassen sich Safety Tanner Muse und Defensive Lineman Nyles Pinckney finden.

#22 Missouri Tigers @ Vanderbilt Commodores (22 Uhr)

Missouri hat sich letzte Woche den alleinigen Spitzenplatz in der SEC East gesichert und erhält damit auch endlich die Anerkennung im Top 25 Ranking der Associated Press. Der Platz könnte mit einer Niederlage bei den enttäuschenden Commodores aus Nashville/Tennessee auch ganz schnell wieder dahin sein, weshalb ihre Offense weiterhin auf dem Gaspedal bleiben muss.

Florida und Georgia werden sich keine weitere Niederlage leisten und die Tigers wollen sicherlich ihre gute Ausgangsposition vor den wichtigen Spielen gegen die beiden direkten Konkurrenten im November behalten. Und das ist ihnen durchaus zuzutrauen. Nach der Auftaktniederlage gegen Wyoming kommt der Angriff um Quarterback und Neuzugang Kelly Bryant immer besser in Schwung. Der ehemalige Starter der Clemson Tigers fühlt sich wohl in seiner neuen Umgebung. Die Spielweise scheint ihm zu liegen.

Schnelle Beine um auch Yards zu kreieren, wenn das Play zusammenbricht, hatte er schon immer. Nun darf er auch endlich seinen starken Arm für sehr gut platzierte Bälle auf vertikalen Routen auspacken. War er im Kurzpassspiel von Clemson doch sehr beschnitten, kann er jetzt bei seinen neuen Tigers sein ganzes Armtalent und Ballgefühl bei tiefen Pässen entfalten.

Auf kurzen Routen lässt er hingegen weiterhin Timing und Genauigkeit vermissen. Dort helfen ihm seine Receiver teils mit akrobatischen Einlagen aus der Patsche. Allen voran ist da Tight End Albert Okwuegbunam zu nennen. Bälle, die außer Reichweite scheinen und Catches in „Traffic“ sind seine Qualität. Darauf muss er sich allerdings auch regelmäßig verlassen, da er Schwierigkeiten darin hat, sich vom Matchup zu lösen. Für die NFL wünsche ich mir eine Verfeinerung seines Route Runnings.

Vanderbilts momentan einziger Lichtblick ist Runningback Ke’Shawn Vaughn. Er wird versuchen, für die Commodores die Kohlen aus dem Feuer zu holen. Der „Nord-Süd-Runner“ läuft mit viel Power hinter seinen Pads und schießt zielstrebig durch die Lücken der gegnerischen Verteidigung. Er ist damit so effektiv wie im Vorjahr, konnte sein Team damit aber nicht allein auf seinen Schultern tragen. Fehlende Übersicht lässt konstantes Laufspiel bei ihm vermissen, was immer wieder zu Abbrüchen der Drives führt.

Ohne Passangriff wird es „Vandy“ daher nicht richten können. Quarterback Riley Neal ist ein sehr genauer Passer, der den Ball mit einem bemerkenswerten Arm in alle Bereiche des Feldes befördert. Wir sehen bereits klassisches Pocket Movement eines Pro-Style Quarterbacks bei ihm. Leider kommen seine Receiver zu selten mit den Bällen herunter und unterstützen ihn offensichtlich kaum in seinem Spiel.

Weil mit Tight End Jared Pinkney und Wide Receiver Kalija Lipscomb gleich zwei Empfänger für den Draft relevant sind, werden wir genau hinsehen, wessen Schuld es denn letztendlich ist. 

Eindeutige Schwäche ist hingegen Neals ständiges forcieren, aus dem Nichts noch etwas Anständiges zu kreieren. Bewerte ich das bei anderen Talenten gern als gesundes Selbstvertrauen, ist es bei ihm defintiv übersteigert. Er wirft regelmäßig unnötige Pässe und behält den Ball zu lang, weil er auf das Big Play wartet und droht dort zu fumblen. Damit bringt er sein Team in prekäre Situationen. Trivia: Auf welchen ehemaligen Commodores Quarterback trifft die Beschreibung von Neal perfekt zu?

Die Auflösung gibt es am Spieltag auf meinem Twitter-Account. Dort werden wir über diese und alle anderen Partien diskutieren. Weitere Prospects für den Draft, die ich dann thematisiere, sind bei Missouri Runningback Larry Rountree III, die Offensive Lineman Yasir Durant und Trystan Colon-Castillo, sowie Cornerback DeMarkus Acy.

#17 Arizona State Sun Devils @ #13 Utah Utes (0 Uhr)

Manch einer mag die Power 5 Conference Pac-12 an der Westküste als blassen Schatten der glorreichen Vergangenheit ansehen. Ich hingegen finde sie spannend und aufregend wie nie zuvor. Gerade im Süden darf fast jedem Team der Titel in seiner Division zugetraut werden. Und Fans der Teams an der Pazifikküste wird es am Ende egal sein, dass es dann wahrscheinlich erneut nicht für eine Playoff-Teilnahme reicht.

Utes vs Cougars
Rice-Eccles Stadium Foto: „Utes vs Cougars“ von the_robio / Lizenz CC BY 2.0

Beide Teams wollen am Wochenende ihre Siegesserie fortsetzen und ein Statement an die Konkurrenz senden. Utes-Quarterback Tyler Huntley dürfte auf so etwas wie Genugtuung in diesem Spiel aus sein. Im letzten Aufeinandertreffen brach er sich das Schlüsselbein und musste seine Saison vorzeitig beenden.

In der Begegnung werden wir erneut viel Kurzpassspiel von ihm sehen, womit er am College sehr erfolgreich ist. Ob er sich in Sachen Reads und Verarbeitung verbessert hat, um auch für den NFL Draft relevant zu sein, darauf möchte ich bei der Begegnung achten.

Hauptsächlich habe ich es allerdings auf das Duell von Utahs Cornerback Jaylon Johnson mit Wide Receiver Brandon Aiyuk abgesehen. Johnson ist wie geschaffen, um gegen physische große Passempfänger die Oberhand zu behalten. Gegen spritzige Ballfänger hatte er dafür in der Vergangenheit das Nachsehen.

Aiyuk könnte versuchen, als athletischer Wideout eben diese Schwachstelle anzugreifen. Seitdem er seine Spritzigkeit auch im Route Running beweist, klettert er mein Receiver Big Board hinauf. Gut möglich, dass Johnson sein wahres Gesicht zeigt und gegen den wendigen Spieler überfordert sein wird.

Weitere Talente müssen Anerkennung für die Begegnung finden. Da wären allen voran die Runningbacks Zach Moss (Utah) und Eno Benjamin (Arizona State). Um den Unterschied auszumachen, laufen in der Verteidigung bei den Utes zusätzlich die Defensive Linemen Leki Fotu und John Penisini, Edge Rusher Bradlee Anae sowie Safety Julian Blackmon auf. Bei den Sun Devils sind das Cornerback Chase Lucas und Edge Rusher Tyler Johnson.

Die wichtigsten News der Woche aus dem College Football

Wir dürfen davon ausgehen, dass sich Georgia-Bulldogs-Left-Tackle Andrew Thomas für den kommenden Draft anmelden wird. Damit dürfen sich NFL-Teams auf einen der komplettesten Offensive Linemen des Landes freuen.

Mit Virginia-Cavaliers-Cornerback Bryce Hall und Oregon Ducks Tight End Jacob Breeland müssen gleich zwei große Talente für den nächsten Draft ihre Saison verletzungsbedingt vorzeitig beenden. Für Hall ist es besonders bitter: Hätte er keine weitere Saison dran gehängt, er wäre möglicherweise im letzten Frühjahr in Runde Eins gedraftet worden.

Zum Abschluss etwas aus der Kategorie „Sowas hast Du noch nicht gesehen“. Der Verteidiger fängt die Interception, läuft dann in die falsche Richtung. Was dann passiert, siehst Du dir einfach selbst an:

Du hast Fragen zum College Football oder willst Näheres zu den vorgestellten Talenten und Matchups wissen? Dann schreib SCOUTREPORT-Experte Philipp Forstner an draftnerdde@gmail.com oder auf Twitter (@Draft_Nerd_DE).

Written by Philipp Forstner
Philipp Forstner ist College- und NFL-Draft-Experte bei SCOUTREPORT. Er beobachtet Talente gerne aus der Trainer-Perspektive. Seit 2015 schreibt er für Beardown Germany. Leser kennen ihn auch von draftnerd.de

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