Chase Young ist noch besser als Nick Bosa

Die College-Football-Saison 2019 geht zu Ende. Army gegen Navy beschließt am Wochenende traditionell die Saison. Danach warten wir auf die angesetzten Bowl Games und Playoffs.

Darum werde ich mich ab sofort jeden Freitag dem kommenden NFL Draft widmen. Dazu wird es Spielerprofile der wichtigsten Prospects geben. Wenn es sich anbietet, stelle ich Talente zur Veranschaulichung gegenüber.

Vergleich der Edge Rusher Chase Young und A.J. Epenesa

Chase Young erlebte 2018 seinen großen Durchbruch, als sein Teamkollege Nick Bosa verletzt seine College-Karriere beenden musste. Die Befürchtung, der Pass Rush käme mit seinem Ausfall zum Erliegen, bestätigte sich nicht.

Im Gegenteil: Young schloss die Saison mit 10,5 Sacks, 14,5 Tackles for Loss und zwei Forced Fumbles ab. In seinem letzten Jahr konnte er die Produktion nicht nur bestätigen, sondern zählt nun zu den besten Verteidigern, die seine Ohio State Buckeyes je in ihren Reihen hatten. Vor den Playoffs steht Young bei 16,5 Sacks, 21 Tackles for Loss und sieben Forced Fumbles. Er erhielt dafür die Bronko-Nagurski-Trophäe als bester Verteidiger des Landes.

A.J. Epenesa gehört, wie Chase Young, dem First-Team All-Big Ten 2019 an. Der effektive Verteidiger der Iowa Hawkeyes sorgte bereits als Freshman für Aufsehen. Dort kratzte er aber nur an der Oberfläche seines Talents, wie die nächsten beiden Jahre zeigen sollten. Insgesamt erzielte Epenesa in drei Jahren College Football 24 Sacks, 34,5 Tackles for Loss und acht Forced Fumbles.

Chase YoungNameA.J. Epenesa
14.4.1999Geburtsdatum15.9.1998
198Größe in cm201
120Gewicht in kg127
5-SterneStatus als Rekrut5-Sterne
Ohio StateCollegeIowa

Körpermaße werden nach dem NFL Combine überarbeitet und um Messwerte in athletischen Tests ergänzt

Aufstellung und vielseitige Einsetzbarkeit

Chase Young kann sowohl Aufrecht als auch im Three-Point-Stance effektiv rushen. Er ist somit für unterschiedliche Fronts geeignet. Teams werden in der Lage sein, mit ihm ihr Aussehen während des Spiels immer wieder vielseitig zu verändern.

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A.J. Epenesa erlebe ich ähnlich kraftvoll. Er kann mit den Händen im Dreck genauso gut rushen wie aufrecht und von weiter außen. Für ihn gilt nicht das Ausschlusskriterium, nur in einer 3-4 oder 4-3 Defense spielen zu können. Zumal dies mittlerweile bei den meisten Teams eh hinfällig ist. Die Vielseitigkeit für unterschiedliche Aufstellungen ist dafür sehr gefragt. Die bringt er mit.

Athletik und Körperbeuge

Chase Young: Der muskulöse und kraftvolle Chase Young weiß mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten im Antritt seine Gegenspieler tief um die Ecke zu umkurven. Meiner Meinung nach sind die athletischen Attribute und die Körperbeuge die wichtigsten Merkmale eines konstant effektiven Pass Rushers. Entweder schlägt man einen Gegner mit purem Speed, Power und/oder Technik. Young kann alle drei Möglichkeiten effektiv einsetzen. Man findet so praktisch kein Matchup, dass ihn besiegt.

A.J. Epenesa: Er erfüllt genau das, was man bei seinen angegebenen Körpermaßen erwartet. Seine Athletik und Beweglichkeit möchte ich dennoch als durchschnittlich bezeichnen. Er besitzt nur eine Geschwindigkeit von Anfang bis Ende im Pass Rush und kommt nicht weit genug herunter mit seinem Oberkörper. Das macht ihn zu einem großen Angriffsziel für gegnerische Blocker und lässt ihn in manchen Spielen völlig verblassen.

Repertoire und Technik

Chase Young: Er ist zwar einen Ticken hinter Epenesa in Sachen Technik. Als Gesamtpaket darin aber viel gefährlicher. Im Handeinsatz wird er sich bereits früh in der Karriere Duelle mit erfahrenen Offensive Tackles in der NFL liefern und sich damit von ihnen lösen können. Ein Ausbau seines Repertoires kann da nur die Zugabe für sein ohnehin schon außergewöhnliches Talent sein.

A.J. Epenesa: Spieler wie Epenesa, die nur über ein oder zwei Merkmale verfügen, müssen darin besonders gut sein. Da es bei A.J. weder die Athletik noch der Speed ist, die mich umhauen, muss er technisch ein besonders reifes und vielseitiges Talent sein. Der Handeinsatz und die Kraftübertragung sind wirklich außergewöhnlich stark ausgeprägt bei ihm.

Das allein macht Epenesa zu den besten Talenten im nächsten Draft. Nur besteht bei ihm auch erhöhtes Potenzial, ein Flop zu werden. Wenn Teams einen Weg finden, diesen einen Trick auszuschalten, ist es Aus mit seiner Effektivität.

Antizipation und Reaktion

Chase Young: Er scheint stets einen Plan zu haben, mit welchem Move er seinen Gegenspieler am besten besiegen kann. Young ist kein reiner Outside Rusher, sondern kann auch innen durchschießen oder sein Gap gegen den Lauf verteidigen. Man merkt aber schon, dass es ihm noch an Erfahrung fehlt.

Auch ein noch so großes Talent bleibt ein Projekt für jeden NFL-Trainer. Leistung ist nie garantiert. So fehlt es Young, weil es am College kaum nötig war, an Fähigkeiten, sich zurück zu kämpfen, wenn der erste Plan gescheitert ist.

Philipp Forstner, College-Experte bei SCOUTREPORT (Foto: Elena Forstner)
Philipp Forstner, College-Experte bei SCOUTREPORT. Foto: Elena Forstner

A.J. Epenesa: Darin ist Epenesa ihm einen Schritt voraus. Der technisch versierte Pass Rusher findet stets einen Weg, einen zweiten Move zu präsentieren, wenn er mit dem ersten gescheitert ist. Zur Spielerkennung gehört aber auch, dass ein Edge Verteidiger schnell erkennt wohin sich welches Play entwickelt. Da wird Epenesa schnell mal aus dem Spiel genommen. Wenn er sich festgelegt hat, fehlt die Athletik um zügig die Richtung zu wechseln. Young ist da wiederum im Vorteil.

Coverage gegen Lauf und Pass

Wohlgemerkt werden Edge-Verteidiger hauptsächlich an Sacks und Pressures auf den Quarterback gemessen. Es ist jedoch nicht von Nachteil, wenn Epenesa und Young sich darin verstehen, ihre Ecke gegen den Lauf zu verteidigen oder sogar in Pass Coverage zurück zu droppen. Fehlt es an Letzterem, ist es aber kein Kriterium für mich, einen Edge Rusher schlechter zu bewerten. Es ist lediglich ein Bonus.

Chase Young: Er hat die Spielintelligenz und die nötige Kraftumsetzung, um gegen Pulling Guards sein Gap zu halten. Mit exzellenter Athletik schafft er es auch, effektiv die Gaps anzugreifen und den Lauf des Gegners hinter der Line of Scrimmage zu stoppen. Wenn nötig, erledigt er das auch zwischen Tackle und Guard.

In Pass Coverage sieht man Young nie zurück droppen. Wenn er es täte, würde jeder Analyst seinen Trainer am liebsten Ohrfeigen. Einen so effektiven Pass Rusher behält man stets an der Line of Scrimmage auf der Jagd nach dem Quarterback.

A.J. Epenesa: Er ist ebenfalls ein verlässlicher Lauf-Verteidiger und weiß seine Ecke zu halten. Zwischen den Tackles sieht man ihn eher nicht durchschießen. In Pass Coverage kann ich mir den hochgeschossenen Pass Rusher mit durchschnittlicher Athletik nicht vorstellen.

Fazit

Chase Young: Das erste Team im nächsten Draft, das keinen Quarterback sucht, begeht einen großen Fehler, wenn es sich nicht die Dienste an Chase Young sichert. Dieses seltene Gesamtpaket an Athletik, Speed, Kraft und Technik gibt es äußerst selten in der NFL. Zur besseren Einordnung möchte ich ergänzen, dass ich Nick Bosa als größtes Talent im Draft 2019 bezeichnet habe. Chase Young ordne ich über ihm ein.

Es gibt keine Garantien bei Nachwuchsspielern. Aber das außergewöhnliche Talent von Chase Young ist zu kostbar, um es an Stelle der New York Giants oder Washington Redskins auszulassen.

A.J. Epenesa: Er ist da schon eine Kategorie dahinter. Offensichtliche athletische Limitierungen lassen ihn für Teams, die auf der Suche nach Pass Rushern mit tiefer Körperbeuge und Speed sind, auf ihren Big Boards nach unten fallen. Andere Franchises werden den reifen und kraftvollen Verteidiger höher einschätzen und ihn in der ersten Runde draften.

Die wichtigsten News der Woche aus dem College Football

Jordan Love, Quarterback der Utah State Aggies, geht also in den NFL Draft und entscheidet sich gegen einen möglichen Transfer und ein weiteres Jahr am College. Da er im Dezember graduiert, darf er aber am Senior Bowl teilnehmen. Seine Möglichkeiten waren in diesem Jahr unter schwierigen Bedingungen sehr schwer einzuschätzen. Positive Eindrücke wird er daher noch benötigen.

Mit Joe Burrow (LSU Tigers), Justin Fields (Ohio State Buckeyes) und Jalen Hurts (Oklahoma Sooners) sind gleich drei Quarterbacks im Finale um die 85. Heisman Trophy. Zur Wahl für den besten College-Football-Spieler des Jahres steht außerdem ein weiterer Buckeye mit Chase Young. Alle vier erleben wir am 28. Dezember in den Playoffs.

Written by Philipp Forstner
Philipp Forstner ist College- und NFL-Draft-Experte bei SCOUTREPORT. Er beobachtet Talente gerne aus der Trainer-Perspektive. Seit 2015 schreibt er für Beardown Germany. Leser kennen ihn auch von draftnerd.de

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